"Furchtlos und geschäftstüchtig"

Nachruf: Schaustellergröße Günter Rilke mit 94 Jahren verstorben

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Wartenbergs damaliger 1. Bürgermeister Manfred Ranft (l.) ernannte Günter Rilke (r.) zum Ehrenbürger, in der Mitte Ehefrau Lydia Rilke.

Wartenberg – Günter Rilke verstarb am 27. September, im Alter von 94 Jahren. Der Chef der Familie Rilke hinterlässt eine große Lücke in der Tradition der beliebten und einzigartigen Schaustellerfamilie. Seit 70 Jahren war er mit seiner Familie ein großer Bestandteil beim Erdinger Herbstfest und bei weiteren wie in Moosburg. 1967 hatte er das Wartenberger Volksfest ins Leben gerufen und gilt so als Vater dieser Veranstaltung. 2010 wurde Günter Rilke deshalb bereits mit Bürgermedaille und Ehrenurkunde des Markt Wartenberg ausgezeichnet. 2016 erfolgte dann die Ernennung zum Ehrenbürger durch den damaligen 1. Bürgermeister Manfred Ranft. 

Der 1. Bürgermeister Christian Pröbst führte zu Günther Rilke aus, dass man über ihn ein Buch schreiben könnte. Pröbst:“ Unser Ehrenbürger Günter Rilke hat unseren Ort über die Landkreisgrenzen hin bekannt gemacht, zum einen, weil er mit seinen artistischen Kunststücken deutschlandweit begeistert hat und zum anderen, weil er unser Volksfest 1967 ins Leben gerufen hat. Ich war in den letzten Jahren immer gerne bei Ihm an seinen Geburtstagen, seine Geschichten waren immer interessant und abwechslungsreich. Bis vor ein paar Monaten war er noch auf allen Veranstaltungen des Marktes vertreten und ein gern gesehener Gast. Ich und wir alle werden ihn sehr vermissen.“ Günter Rilke erblickte 1926 in Striegau/Schlesien das Licht der Welt. Bereits als Bub balancierte er auf gespannten Seilen, denn Angst kannte er nicht. Mit 17 Jahren musste er zum Russlandfeldzug einrücken und von 1945 bis 1947 war er Kriegsgefangener in Frankreich. Nach Kriegsende fand Rilke seine aus Schlesien geflohenen Eltern in Langenpreising wieder. Hier wurde dann auch seine legendäre Hochseiltruppe gegründet und geübt wurde in einer Scheune in Zustorf. 

1956 war dann Schluss mit der gefährlichen Hochseilshow und er gründete kurz darauf den Rilke Schaustellerbetrieb. 1960 erbaute er dann mit viel Eigenleistung sein Haus in Wartenberg, wo er 1967 die Idee hatte, ein Wartenberger Volksfest zu etablieren. Von da an war eine 80-Stunden Woche sein Leben, das er aber nie missen wollte. Seine geliebte Lydia lernte er in Nürnberg kennen und geheiratet wurde am 28. Februar 1958. Der sehr glücklichen Ehe entsprang Tochter Gabi, die mittlerweile die Tradition der Familie fortführt. Bis zuletzt machte sich Günther Rilke verdient um das Schaustellergewerbe und blickte sorgenvoll in die Zukunft, denn Corona setzt den Schaustellern schwer zu. Ein Schaustellerleben Mit Autoscooter und Entenheben hat die Familie Rilke schon Kultstatus erreicht. Und oft auch im hohen Alter saß Günter noch hinter der Kasse oder seine Ehefrau Lydia. Angefangen hat Günter nach dem 2. Weltkrieg als Seiltänzer. Beim 800. Jubiläum des Marktes Wartenberg hatte Günter mit seiner Ehefrau ein Drahtseil vom Gelände des heutigen Baustoffhändlers Auer hinauf zum Kirchturm zu einem der Schalllöcher für das Glockengeläut gezogen und dann ging es mit dem Motorrad hinauf. Die Seilakrobatik war dann der finanzielle Grundstein, um sich Buden und Fahrgeschäfte leisten zu können. 

Unvergessen sind da der Anfang mit der Krinoline, bei der noch Livemusik gespielt wurde und der Antrieb mit Irxenschmalz erfolgte. Denn bis zu fünf Männer schoben das Karussell an. Es folgte eine Schießbude, die in Eigenregie gebaut wurde. Weiter ging es mit zahlreichen Fahrgeschäften wie Kinderkarussell, Go-Kart-Bahn und Fliegender Untertasse. Die Rilkes mit ihrem Chef Günter waren aber nicht nur in Erding, Wartenberg oder Moosburg vor Ort, da gab es Fahrten bis nach Heidelberg und Pirmasens. Wobei früher dies mit einer Zugmaschine erfolgte, deren Geschwindigkeit gerade einmal 25 km/h betrug. - bs

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