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Selbstversuch: Ich lasse alle Entscheidungen meines Alltags eine Woche lang von einem Würfelwurf bestimmen

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Ein harmlos scheinender Würfel kann zum Ticket für das Ende des Alltags werden
Ein harmlos scheinender Würfel kann zum Ticket für das Ende des Alltags werden © phi

Selbstversuch – Was würde passieren, wenn wir plötzlich aufhören, subjektiv logische Entscheidungen zu treffen und den Zufall unseren Alltag bestimmen lassen? In der Regel werden wir mehr oder weniger von einer eingespielten Alltagsroutine beherrscht. Lichtblicke sind der nächste Urlaub, anstehende Veranstaltungen, der Jahreszeitenwechsel, ein Kinoabend oder was immer den eigenen Vorlieben entspricht. Fehlt es an diesen Lichtblicken, wird der Alltag schnell zur trostlosen Last, aus der es kein Entkommen zu geben scheint.

Der Ausbruch aus diesem Hamsterrad kann allerdings auch ganz plötzlich und spontaner geschehen: Wir lassen einen Würfelwurf entscheiden, wann immer wir eine eigentlich routinierte Alltagsentscheidung treffen. Aus einer möglichen Option werden drei oder sechs. Kann das gutgehen? Liefert uns das erfrischende, bereichernde Abwechslung – oder lediglich einen Haufen Ärger?

Ein Redakteur probiert es aus und überlässt sich eine Woche lang den zufälligen, anarchistischen, unvorhersehbaren Entscheidungen des allmächtigen Würfels.

Die Ausgangslage

Ab sofort gibt es nicht eine, sondern drei oder sechs mögliche Optionen, wann immer ich im Alltag vor eine Wahl gestellt werde. Dazu gehören immer eine gewöhnliche, eine ungewöhnliche sowie eine komplett schräge Auswahl.

Ein Beispiel: Normalerweise frühstücke ich nicht. Ab sofort aber entscheidet der Würfel: Bei 1 oder 2 esse ich direkt nach dem Aufwachen Haferflocken (gewöhnlich), bei 3 oder 4 kommt eine Pizza auf den Teller (ungewöhnlich) und bei 5 oder 6 gibt es ein Glas Vodka (schräg). Nach und nach werden ähnliche Rahmenbedingungen in meinen ganzen Alltag eingewoben.

Der Versuch

Als mein Handy klingelt, entscheidet ein schneller Würfelwurf, dass ich heute den ganzen Tag nicht drangehen darf. Anstatt ein Sandwich muss ich Krabbenchips zu Mittag essen. Ich schreibe den ganzen Tag nur in Spiegelschrift. (Klappte nicht.) Ich band meine Schnürsenkel nicht und ich musste mein Fahrrad stehen lassen und zu Fuß nach Hause gehen.

Nicht schlecht für den Anfang, denke ich mir. Allerdings auch nicht sehr bereichernd. Es muss noch mehr Möglichkeiten geben, viel radikaler außerhalb der gewohnten Routine zu denken!

Nach meinem unverhofften Vodka-Frühstück am zweiten Tag werde ich mutiger. Ich würfle, dass ich der ersten Person, mit der ich spreche, 50 Euro schenken muss. Ein Versuch, der nur wenige Minuten dauert. Noch während ich im Halbschlaf Richtung Arbeit wandere, steigt vor mir eine Frau aus ihrem eben geparkten Auto und flötet mir ein hellwaches „Guten Morgen!“, entgegen. Ich überreiche ihr den Schein, verzichte auf Erklärungen und beschleunige meine Schritte.

Weitere Höhepunkte der Woche: Ich sprach einen Tag lang nur Englisch. Ich kam in Badehose zur Arbeit. Beim online-Shopping bestellte ich Waren aus Japan und England (blieben jeweils am Zoll hängen). Ich kaufte mir ein neues Handy. Ich sah Filme im Kino, die ich freiwillig niemals gesehen hätte. Ich aß zum ersten Mal vegan. Ich blieb nachts wach, anstatt zu schlafen. Anstatt den Mülleimer in die Tonne zu leeren, leerte ich den Inhalt einer zufälligen Schublade. (Um zu sehen, ob ich etwas davon wirklich vermissen werde.) Ich ging barfuß spazieren. Ich schrieb mit der linken, statt mir der rechten Hand. (Hier blieb es beim Versuch.) Ich las einen Roman laut, anstatt still für mich. Ich lief einen Tag lang halbblind ohne Kontaktlinsen umher. Ich trank drei Energy-Drinks hintereinander. (Nie wieder!) Ich hörte bulgarischen statt deutschen Radio. Ich absolvierte mein Kraft-Training rückwärts. Ich verschenkte 100 meiner DVD-Filme. Zu guter Letzt zwang mich der Würfel, meine Anti-Zucker-Lebensweise zu pfählen und eine Nutella-Pizza zu verspeisen!

Die Verwendung von Würfeln lässt sich bis in die Zeit 2600 vor Christus zurückverfolgen
Die Verwendung von Würfeln lässt sich bis in die Zeit 2600 vor Christus zurückverfolgen © PM/logoff

Und was lehrte mich die Würfel-Woche?

Der Würfel entpuppte sich als simple Methode, Entscheidungen schnell hinter sich zu bringen, ganz gleich wie banal oder wichtig sie sind. Die Endgültigkeit eines Würfelwurfs lässt keinen Spielraum für Diskussionen, Zweifel, Umentscheidungen oder Rückzieher in letzter Sekunde. Dies hebt tatsächlich eine Last von den Schultern. Ich lernte, mit den Folgen meiner Entscheidungen klarzukommen, anstatt die Entscheidungen an sich infrage zu stellen. Dies fühlte sich in der Tat befreiend an.

Ich verpulverte Geld für Dinge, die ich nicht brauchte und verschenkte sie wieder, ich irritierte Familie und Kollegen mit scheinbar wahllosen Aktionen und schabte dabei unangenehm oft an den Grenzen meiner Comfort-Zone entlang. All diese Ereignisse stellten einen Ausbruch aus meinem Alltag dar. Hat mich dieses Experiment also menschlich bereichert? Schwer zu sagen. Zumindest sorgte es für Adrenalin und zwang mich, laufend mit neuen Hürden fertigzuwerden. Und das ist auf jeden Fall kein Nachteil.

Übrigens: Ein ganz ähnliches Experiment wurde bereits im 1971 erschienenen Roman „The Dice Man“ (Der Würfler) thematisiert. Ein Lese-Tipp ohne Frage, allerdings nur bedingt als Inspiration zum Nachmachen geeignet, da der (fiktionale) Protagonist im Laufe seiner Würfel-Karriere auch vor schweren Straftaten nicht zurückschreckt.

von Philip Heggmair

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