Kultur

"Er ist wieder da": Hitler als TV-Star in der Stadthalle Erding

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Macht Karriere in der modernen TV-Branche: Adolf Hitler, verkörpert von Andreas Peteratzinger, neben Bernhard Schnepf und Katharina Felling

Ein Kulturclash der anderen Art: Adolf Hitler macht das moderne Berlin unsicher – Theaterstück „Er ist wieder da“ von Timur Vermes

Erding – Adolf Hitler ist zurück. Ohne Vorwarnung erscheint er im Berlin der Neuzeit – doch wo ist Bormann? Wo sind die Russen? Im Schnellverfahren muss Hitler sich akklimatisieren, mit der berlinerischen Multikultigesellschaft, mit den modernen Medien, mit einem Europa ohne Krieg. 

Mit unbeirrbarer Autorität macht er sich seine Umwelt zu eigen, nutzt die nach Quoten lechzende Gier der Medien und landet als TV-Star im Fernsehen – gefeiert ob seiner Authenzität. 

„Sie sprechen kontroverse Themen an“, meint ein TV-Regisseur. „Ich spreche die Wahrheit an! Ich spreche an, was der einfache Mann denkt!“, proklamiert Hitler. „Über eines sind wir uns doch wohl einig: Das Thema Juden ist nicht witzig!“, mahnt seine Produzentin. „Ja, da sind wir der gleichen Meinung“, entgegnet Hitler. 

Er moniert nicht nur die mangelnde Wehrfähigkeit der modernen Jugend, sondern auch deren Kleidungsstil. Zum punkig-schwarzen Outift seiner jungen Sekretärin meint er abschätzend: „Ich habe 1916 an der Westfront Tote gesehen, die fröhlicher wirkten, als Sie!“ 

Hochgradig schockiert zeigte er sich über die Zahl der Abtreibungen: „100.000 Abtreibungen pro Jahr? Da fehlen uns später vier Divisionen für den Ost-Krieg!“ Schauspieler Andreas Peteratzinger vom Ensemble des Landestheaters Dinkelsbühl spielte einen Hitler, der sich selbst sehr ernst nimmt – doch seine Umwelt tut es nicht.

Die nach reißerischer Aufmerksamkeit gierende Medienbranche verspottet ihn, nutzt ihn für die Quote, bietet ihm eine Bühne und tanzt somit letzten Endes nach seiner Pfeife. Das Landestheater Dinkelsbühl adaptierte die vielbeachtete Mediensatire von Timur Vermes 

„Er ist wieder da“ für die Bühne. Fünf Darsteller schlüpften in der Stadthalle Erding vor beweglichem Bühnenbild in über 20 Rollen. Neben Laura Mahrla agierten Andreas Gräbe, Bernhard Schnepf und Katharina Felling.„Die schnelle Multikultigesellschaft des modernen Berlins macht es uns möglich, viele verschiedene Charaktere auf der Bühne zu zeigen“, erklärt Dramaturgin Johanna Müller. 

„Vor allem in der heutigen Zeit ist ein Stück wie dieses extrem wichtig. Viele Dinge sind schon einmal dagewesen und manches entwickelt sich schneller, als man denkt“, warnt sie. Am Ende des Stücks stirbt Hitler durch einen Bombenkoffer. Getötet von seiner Sekretärin, um ihre im Krieg ermordete jüdische Familie zu rächen. 

Doch Hitler ersteht wieder auf, an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit. Er wird immer da sein, seine Ideale werden immer da sein – so wie die Gefahren des Extremismus immer da sein werden.

Drei Vorstellungen im Theater-Abo 

Die Aufführung von „Er ist wieder da“ war ein Teil des Theater-Abos der Stadthalle Erding. Drei ausgewählte Inszenierungen einer Saison können zu einem Festpreis besucht werden. Das letzte Stück der hiesigen Saison ist „Die Räuber“ am 23. Juni. Tickets für die kommende Saison Herbst 2020/Frühjahr 2021 werden demnächst im Vorverkauf in der Stadthalle erhältlich sein - phi

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