Interview: Hartmut Binner

„Ich bin parteilos, aber nicht farblos“

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Miriam Kratzer im Gespräch mit Aktionsbündnis "AufgeMUCkt"-Sprecher Hartmut Binner.
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Hartmut Binner war über Jahre hinweg das Gesicht des Aktionsbüdnis „AufgeMUCkt“ im Kampf gegen den Ausbau des Münchner Flughafens. Der 77-jährige, ehemalige Polizist, hat in den vergangenen elf Jahren der dritten Startbahn mit viel Überzeugungskraft den Kampf angesagt, Demonstrationen organisiert und viele Gespräche mit den Mächtigen im Freistaat geführt. Doch bei der endgültigen Entscheidung in der Startbahn-Auseinandersetzung wird er nicht mehr ganz vorne dabei sein, denn Binner hat für die kommende September-Sitzung seinen Rücktritt angekündigt. FORUM-Volontärin Miriam Kratzer hat mit ihm über die Gründe seines Rücktrittes und die Höhen und Tiefen in den vergangenen zehn Jahren gesprochen.

Miriam Kratzer im Gespräch mit Aktionsbündnis "AufgeMUCkt"-Sprecher Hartmut Binner.

Miriam Kratzer im Gespräch mit Aktionsbündnis "AufgeMUCkt"-Sprecher Hartmut Binner.

Warum geben Sie ihren langjährigen Posten als Sprecher des Aktionsbündnisses „AufgeMUCkt“ bei den Neuwahlen im September ab?

Hartmut Binner: ·„Ich war zehn Jahre lang der Ansprechpartner für alle Seiten. Da ich Pensionist war und bin, konnte man mich rund um die Uhr erreichen. Ich habe mich vollends dem Kampf gegen die 3. Startbahn hingegeben und niemals aufgegeben. Mit meinem roten Sakko und meinem „Keine 3. Startbahn“-Button bin ich vor die Öffentlichkeit getreten. Bewusst in rot, denn ich bin zwar parteilos, aber nicht farblos. In den vergangenen Jahren ist es mir jedoch mit der Zeit gesundheitlich immer schlechter gegangen. Zur Zeit, als ich für den Münchner Bürgerentscheid gekämpft habe, musste ich mir jeden Tag Spritzen gegen die Schmerzen geben. Erst als ich beim Arzt war, wurden zwei Bandscheibenvorfälle festgestellt. Am Freisinger Danke-Tag für die Münchner, die sich im Bürgerentscheid gegen die 3. Startbahn ausgesprochen hatten, ist dann alles aus mir ‚rausgebrochen‘. Ich war zwei Jahre lang in Kliniken und hatte sieben Operationen. In der letzten Operation wurde ein Nerv verletzt - seitdem ist mein linker Fuß gelähmt und ich laufe mit meiner roten Krücke umher. Leider stellte sich bis jetzt noch keine Besserung ein - sondern es wurde noch schlimmer. Mittlerweile ist die Lähmung zum Teil auch ins rechte Bein hinübergezogen. Meine Ärzte prognostizierten mir eine angehende Querschnittslähmung und setzten mir ein Ultimatum; ich solle meinem Körper Ruhe gönnen, den Druck von mir nehmen - das geht leider nur, in dem ich mich aus der Öffentlichkeit zurückziehe. Auch, wenn ich ein Mensch bin, der niemals aufgibt, bin ich nun an einem Punkt angekommen, an dem ich merke, dass mein Körper einfach nicht mehr so will, wie ich und die Belastungen zu groß werden. Zudem bin ich vor kurzem zum vierten Mal Großvater geworden und ich habe meiner Frau, meinen drei Söhnen und ihren Frauen und meinen vier Enkeln nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt. Das möchte ich nachholen und die Zeit nehme ich mir jetzt, in dem ich als Sprecher von „AufgeMUCkt“ zurücktrete.“ 

Sie haben sich stets gegen eine 3. Startbahn eigesetzt und sind dabei nicht nur auf Zuspruch gestoßen. Das hat Sie aber nie daran gehindert, weiter zu machen. Wie haben Sie das geschafft?

Hartmut Binner: · „Wie schon gesagt, bin ich ein Mensch, der niemals aufgibt, nicht stehen bleibt und immer sagt, was er denkt, denn: Wer nichts sagt, hat schon verloren. Damit bin ich natürlich nicht überall auf Anklang gestoßen, aber das war auch in Ordnung so. Ich habe lange als Polizist gearbeitet und einen absoluten Gerechtigkeitssinn, habe mich nie von meinen Zielen abringen lassen und für die Gerechtigkeit gekämpft. Meine Frau stand und steht auch heute noch immer hinter mir und hat mich in meinen Entscheidungen gestärkt. Dafür bin ich ihr sehr dankbar. Ich werde den Kampf gegen die dritte Startbahn niemals aufgeben, auch wenn ich jetzt als Sprecher von AufgeMUCkt zurücktrete.“

Welche besonders schönen Erlebnisse bleiben Ihnen im Gedächtnis? 

Hartmut Binner: · „Ein besonders schöner Moment war, als ich vor der Occupy Staatskanzlei eine Rede gehalten habe und als am Tag darauf bekannt wurde, dass wir den Münchner Bürgerentscheid geschafft hatten. Da bin ich für einen kurzen Moment in den Garten gegangen und habe geheult wie ein Schlosshund, weil einfach alle Anspannung von mir abgefallen ist und ich so überglücklich war. Das war ein wirklich großes Erlebnis für mich. Auch der Freisinger Jugend- und Kirchentag bleibt mir sicherlich in Erinnerung. Am Tag zuvor habe ich erfahren, dass ich zum ersten Mal Großvater geworden bin. Da ist ein Foto entstanden auf dem ich meine Enkelin auf dem Arm halte und sie mit ihrer kleinen Hand meinen Finger umgreift. Das Foto habe ich am darauffolgenden Tag hergezeigt, als ich vor Vertretern der FMG und der Regierung Oberbayern gesprochen habe. Dazu habe ich gesagt, das ich gegen die 3. Startbahn kämpfen werde, für meine Enkelin. Danach gab es Standing Ovations - ein wirklich berauschender Moment: da krieg ich heute noch Gänsehaut. Niemals vergessen werde ich aber die Straßenblockade in München, die auch bei der Polizei großen Anklang gefunden hat und bei der Verkehrsminister Alexander Dobrindt mit einer Tomate beworfen wurde. Außerdem gibt es noch eine Aktion, von der bisher keiner wusste, dass ich, meine Frau und ein paar Mithelfer dahintersteckten: Erinnern Sie sich noch an das Stichwort ‚AufgeMUCkthausen‘? Bei der Aktion haben Unbekannte in einigen Orten die linken Ortsschilder mit der Aufschrift ‚AufgeMUCkthausen‘ versehen. Der darauffolgende Tag war der 1. April. Als die Bürger die ‚umdekorierten‘ Schilder sahen, trudelten jede Menge ‚Anzeigen gegen Unbekannt‘ bei der Polizei ein. Hiermit möchte ich mich jetzt also ganz offiziell zu dieser Aktion bekennen. Es war ein Aprilscherz, eine fröhliche Aktion, um das Problem, gegen das AufgeMUCkt kämpft, nicht zu vergessen.“

Was war ihr größter Erfolg und die größte Enttäuschung?

Hartmut Binner: · „Der größte Erfolg war der Müncher Bürgerentscheid mit 54 Prozent der Stimmen. Die größte Enttäuschung war für mich das endgültige Urteil der Bayrischen Verwaltungsgerichtbarkeit, dass die 3. Startbahn doch gebaut werden dürfe. “

Glauben Sie, es gibt bald eine endgültige Entscheidung im Streit um die 3. Startbahn?

Hartmut Binner: · „Nein. Aber ich bin mir sicher, dass der Volksentscheid kommen wird. Außerdem taktieren die Politiker da noch ewig herum und da werden wir noch lange auf eine endgültige Entscheidung warten müssen.“

Was geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg?

Hartmut Binner: · „Mein Nachfolger sollte ein absolut demokratisches Verhältnis innerhalb des Aktionsbündnisses bewahren, Mehrheitsbeschlüsse gelten lassen und die eigenen Bedürfnisse zurückstecken. Zudem sollte er stets in gutem und regem Kontakt mit der Presse stehen und andere Bürgerinitiativen unterstützen, sie aber auch eigene Aktionen planen und durchführen lassen.“

Werden Sie sich nach Ihrem Rücktritt komplett aus dem Aktionsbündnis verabschieden?

Hartmut Binner: · „Nein, wenn mein Gesicht gebraucht wird, bin ich da. Ich werde mich jetzt vorerst um mich selbst kümmern, aber den Antrieb, gegen die Startbahn zu kämpfen, trage ich in mir, deshalb werde ich mich wahrscheinlich nie ganz zurückziehen.“ 

Rubriklistenbild: © Fotos: Funk/Archiv

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