Interview

Verstehen und verstanden werden

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Martha klopft mit ihrer rechten Hand an ihre Backe. Dann klopft sie mit derselben Hand sachte ihrer Mutter an die Wange und blickt ihr tief in die Augen. „Genau Martha. Mama“, sagt Cornelia Hoffmann und gibt dem Zeichen ihrer Tochter damit eine Bedeutung, denn die kleine Martha ist gehörlos und verständigt sich hauptsächlich mittels Gebärden. Die Geste für ‚Mama‘ ist ein sanftes über-die-Backe-Streicheln. Um auch anderen Eltern zu zeigen, wie sie mit ihren Babies schon kommunizieren können, bietet Cornelia Hoffmann ab März einen Kurs an. FORUM-Volontärin Miriam Kratzer hat die 35-Jährige getroffen.

Sie sind selbst Mutter einer gehörlosen Tochter. Wie haben Sie herausgefunden, dass Ihre Tochter nichts hören kann? 

Cornelia Hoffmann: ·„Bereits die erste Untersuchung direkt nach der Geburt, das so genannte Neugeborenen-Screening, war auffällig. Da lag jedoch noch der Verdacht nahe, dass sie einfach nur Fruchtwasser in den Ohren haben könnte. Das sei nicht ungewöhnlich, und das hätten viele Neugeborene. Zehn Tage später waren wir dann nochmal beim so genannten Pflicht-Screening bei einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Auch dort war der Befund auffällig. Der anschließende BERA Test in der Pädaudiologie bestätigte den Verdacht. „An Taubheit grenzend schwerhörig“ war Marthas Diagnose."

Wie haben Sie auf die Diagnose reagiert? 

Cornelia Hoffmann:  · „Natürlich waren wir zuerst erschrocken. Aber dennoch waren wir gefasst. Wir hatten damit gerechnet, weil Martha nie auf Geräusche reagiert hat. Kein Erschrecken, kein Kopf Drehen oder sichtbares Lauschen. Nichts. Dabei hat sie die große Schwester doch schon sehr herausgefordert. Der Arzt erklärte uns, dass bei Babies ein Resthörvermögen durch den BERA Test jedoch nicht ausgeschlossen werden kann.“

Wie hat sich Ihre Tochter dann verständigt? 

Cornelia Hoffmann: · „Sie war ja noch ein Baby und hätte auch noch nicht sprechen können, wenn sie nicht gehörlos wäre. Dennoch habe ich mich mit dem Thema Gebärden auseinander gesetzt. Einfache Gebärden habe ich schon in meiner Arbeit als Heilpädagogin gelernt. Zudem kommt seit Marthas viertem Lebensmonat regelmäßig eine Gebärdensprachdozentin zu uns, von der mein Mann, meine ältere Tochter Josefine und ich schon sehr viel gelernt haben. Bereits mit sieben Monaten hat Martha ihre erste Gebärde gemacht - sie hat ‚Licht‘ gezeigt, indem sie ihre Hand erst zu einer Faust geballt, dann geöffnet und die Finger auseinander gespreizt hat.“

Mittlerweile hat Martha eine Hörprothese. Wie hat sich Ihre Kommunikation untereinander dadurch verändert? 

Cornelia Hoffmann: · „Martha hat ein Cochlea-Implantat. Sie war anfangs sehr laut, weil sie es toll fand, sich selbst und auch unsere Stimmen zu hören. Aber sie macht trotzdem nach wie vor Gebärden. Das ist auch sehr wichtig, da sie das Hörgerät nicht immer tragen kann, wie zum Beispiel beim Schlafen oder Baden. Außerdem finde ich es wirklich schön zu beobachten, dass sie mich immer ansieht, wenn sie mir etwas zeigen oder mitteilen will. Wenn sie zum Beispiel bei mir auf dem Schoß sitzt, wir gemeinsam ein Buch anschauen und sie ein Tier entdeckt, das sie schon kennt, macht sie die Gebärde und dreht sich dann zu mir um und schaut mich an, um sicher zu gehen, dass ich sie auch verstanden habe. Durch die Gebärden ist die Kommunikation untereinander und auch unsere Beziehung zueinander viel inniger und intensiver geworden. Für uns ist es schön, Martha zu verstehen, und für sie ist es schön verstanden zu werden.“

Ab März wird es einen Kurs geben, in dem Sie anderen Eltern zeigen, wie auch sie einzelne Gebärden mit in den Alltag aufnehmen können. Welchen Profit erhalten Eltern sowie deren Kinder durch die Teilnahme an Ihrem Kurs?

Cornelia Hoffmann: · „Wichtig ist mir, dass sich der Kurs wirklich an alle Eltern richtet und es kein reiner Gebärdenkurs für gehörlose Babies und deren Eltern ist. Wir spielen und singen gemeinsam mit unseren Kindern und verbildlichen dabei einzelne Wörter mit einfachen Handzeichen der deutschen Gebärdensprache. Der Spaß steht dabei an erster Stelle. Ich möchte den Eltern vermitteln, wie viel Freude die Kommunikation mit dem eigenen Kind machen kann und zeigen, dass durch den Einsatz einzelner Gebärden die Kommunikation und dadurch auch die Beziehung zum eigenen Kind noch intensiver, inniger und schöner werden kann. Zudem haben Eltern die Möglichkeit mit anderen Eltern in den Kontakt zu kommen und neue Leute kennenzulernen.“

Verlangsamt die Verwendung von Gebärden die Sprachentwicklung der Kinder?

Cornelia Hoffmann: · „Nein. Die Sprachentwicklung wird durch die Verwendung einfacher Handzeichen sogar noch gefördert. Die Kinder erhalten schon früh ein Bild zu den Wörtern, das sie selbst auch mit ihren Händen formen können. Die meisten Babies wissen mit ungefähr zehn Monaten wie etwas heißt, können es jedoch selbst noch nicht aussprechen, also deuten sie darauf und warten, bis ihre Eltern ihnen das Wort sagen. Oftmals verstehen die Eltern jedoch nicht sofort, was das Kind meint. Ein Beispiel: Das Kind deutet auf dem Spielplatz auf den Sandkasten. Der Erwachsene denkt, dass das Kind den Sandkasten meint. In Wirklichkeit meint das Kind vielleicht jedoch einen Vogel, der dort im Sandkasten hüpft. Mit dem Einsatz von Gebärden in diesem Fall zum Beispiel für ,Vogel‘, kann das Kind dem Erwachsenen einen Einblick in seine Erlebniswelt geben. Ohne dass es dafür sprechen können muss.“

 

 

Für alle Interessierten bietet Cornelia Hoffmann am kommenden Donnerstag, 23. Februar eine Schnupperstunde an. Beginn ist um 9 Uhr im Epiphaniaszentrum in der Katharina-Mair-Straße 19.

Ab 9. Mai findet an sechs aufeinander folgenden Donnerstagen ein Kurs statt.

Anmelden können sich alle Interessierten über das Anmeldeformular unter www.babySignal.de 

Weitere Infos unter: www.facebook.com/BabysignalCorneliaHoffmann

 

Quelle: freising-online

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