Interview

90 Tage in Afghanistan

Norbert Hörpel an seinem Arbeitsplatz im ISAF Hauptquartier. Eingesetzt war er während den drei Monaten im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

90 Tage lang befand sich FORUM-Mitarbeiter Norbert Hörpel im Rahmen der NATO auf Auslandseinsatz in Kabul, Afghanistan. Obwohl er als ehemaliger Berufsoffizier der Bundeswehr bereits vor fünf Jahren in den Ruhestand ging, musste er ein weiteres Mal seine Zivilkleidung gegen Uniform tauschen. Das FORUM hat sich mit ihm unterhalten, um mehr über diesen Einsatz und die derzeitige Lage in Afghanistan zu erfahren.

Wie kam es, dass Sie nochmals die Uniform angezogen haben und in Afghanistan im Rahmen der ISAF-Mission eingesetzt wurden?

Norbert Hörpel:  „Obwohl ich als ehemaliger Berufsoffizier der Bundeswehr vor rund fünf Jahren in den Ruhestand ging, unterliege ich bis zum 65. Lebensjahr noch der Wehrpflicht. Vor rund einem Jahr wurde mir mitgeteilt, dass geplant ist, mich für drei Monate zum ISAF Hauptquartier in den Einsatz nach Afghanistan zu schicken und ich wurde gefragt, ob ich dazu bereit wäre. Ich war während meiner aktiven Dienstzeit bereits zwei Mal im Einsatz in Bosnien-Herzegowina, habe aber noch nie in einem strategischen Hauptquartier gearbeitet. Dieses war für mich eine Herausforderung, der ich mich stellen wollte. Voraussetzung dafür war aber, dass vor allem meine Familie mit dem geplanten Einsatz einverstanden war. Nachdem dies der Fall war, ich die entsprechenden gesundheitlichen Untersuchungen und vorbereitenden Ausbildungen absolviert habe, ging es dann am 8. Oktober 2013 in einem siebenstündigen Flug mit einem Airbus der Luftwaffe zunächst nach Termez in Usbekistan. Nach einer relativ kurzen Nacht ging es dann am nächsten Morgen weiter mit einer Transall nach Mazar-e Sharif im Norden von Afghanistan und von dort unmittelbar im Anschluss nach Kabul“. 

Wie kann man sich das ISAF Hauptquartier vorstellen und als was waren Sie dort eingesetzt?

Norbert Hörpel: „Das ISAF Hauptquartier ist die Schnittstelle zwischen Politik und Militär und wird von einem amerikanischen Vier-Sterne-General geführt. Im Hauptquartier arbeiten rund 2500 Soldaten und Zivilisten, die mit Masse auch dort untergebracht sind. Das Hauptquartier liegt mitten in Kabul in der sogenannten Green Zone, dem Botschaftsviertel, das besonders stark gesichert ist. Eingesetzt war ich im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und war vor allem für die Koordinierung von Interviews mit Generalen verantwortlich. Vereinzelt habe ich dann auch diese Interviews begleitet und die interviewten Generale auf die Interviews vorbereitet und während den Interviews begleitet. Eine neue Erfahrung war für mich, dass ich in dem Team der einzige Nicht-Amerikaner war“. 

Wie schätzen Sie die derzeitige Sicherheitssituation in Afghanistan ein?

Norbert Hörpel: „Die Situation in Afghanistan ist in den Jahren seit 2001 mit Sicherheit wesentlich besser geworden. Man muss aber wissen, dass im vergangenen Jahr die Afghanischen Sicherheitskräfte, rund 150000 Soldaten und 170000 Polizeikräfte, die Verantwortung für das ganze Land von ISAF übernommen haben. Das heißt, dass die Afghanen jetzt überwiegend selbständig den Kampf gegen die Taliban und die sonstigen Aufständischen führen. Sie werden dabei von ISAF nur noch beraten und zum Teil auch noch unterstütz, vor allem aus der Luft. Die Afghanen machen dabei eine sehr gute Arbeit und sie konnten das erklärte Ziel der Taliban, einzelne Provinzen und Distrikte zurück zu erobern, verhindern. Ganz im Gegenteil, die afghanischen Kräfte haben die Aufständischen aus weiteren Gebieten verdrängt. Sie bezahlen dafür aber einen hohen Preis und haben wöchentlich zwischen 50 und 100 Gefallene. Von Sicherheit kann man trotzdem noch nicht sprechen, weil die Aufständischen verdeckt kämpfen und vor allem mit Sprengfallen und Selbstmordattentätern operieren. In den meisten Fällen kommen dabei auch afghanische Zivilisten zu Schaden, denn auf die nehmen die Aufständischen keine Rücksicht. Allein in den drei Monaten meines Aufenthaltes gab es in Kabul fünf Selbstmordangriffe, darunter auch einen auf einen deutschen Konvoi. Gott sei Dank gab es dabei keine Opfer, was bei den anderen Angriffen leider nicht der Fall war. Und am Weihnachtsmorgen schickten uns die Taliban besondere Weihnachtsgrüße in Form von drei Raketen, die unmittelbar neben unserem Feldlager auf dem Gelände der amerikanischen Botschaft einschlugen, ohne Schaden zu verursachen. Allerdings hatten sie den Abschussort mit Sprengfallen versehen, die zwei afghanische Polizisten töteten, als diese den Abschussort untersuchten“. 

Wie kann man sich vor solchen Angriffen schützen?

Norbert Hörpel: „Hier ist vor allem eine gute Ausbildung wichtig. Jeder Soldat der Bundeswehr, der in den Einsatz nach Afghanistan geht, muss diese Ausbildung vorher absolvieren. Dann ist man auch entsprechend ausgerüstet, wenn man das relativ sichere Feldlager verlässt, und mit Splitterschutzweste, Erste-Hilfe-Ausstattung, Waffen und Munition hat man dann rund 30 Kilogramm zusätzliche Ausstattung am Mann. Dazu kommt, dass man sich auch richtig verhält und ständig auf seine Umgebung achtet. Man ist nie alleine unterwegs und grundsätzlich gilt, dass immer mindestens zwei Fahrzeuge, die mit mindestens jeweils zwei Mann besetzt sind, zusammen das Feldlager verlassen. Gefahren wird dann mit relativ hoher Geschwindigkeit so, dass sich kein anderes Fahrzeug zwischen die beiden Fahrzeuge schieben kann“. 

Bis Ende des Jahres verlassen vor allem die Kampftruppen der ISAF Afghanistan. Wie wird es dann mit dem Land weitergehen?

Norbert Hörpel: „Tatsache ist, dass am 31. Dezember 2014 die ISAF-Mission endet. Das heißt aber nicht, dass alle ISAF-Soldaten Afghanistan verlassen. Das Land braucht auch weiterhin unsere Hilfe, und deshalb wird es eine Nachfolgemission geben. Unser Auftrag wird dann nur noch sein, die Afghanischen Sicherheitskräfte weiter auszubilden und in gewissen Bereichen auch noch zu unterstützen. Geplant ist eine Gesamtstärke zwischen 10000 und 15000 Soldaten; hier ist noch keine Entscheidung gefallen und diese muss von der Politik kommen. Abhängig ist dieses im Augenblick noch von der Unterzeichnung entsprechender Abkommen zwischen Afghanistan und den beteiligten Ländern. Vorreiter soll hier das Bilaterale Sicherheitsabkommen zwischen Afghanistan und den USA sein, dessen Unterzeichnung Präsident Hamid Karzai im Augenblick noch hinauszögert. Seiner Ansicht nach soll dies vom nächsten Präsidenten Afghanistans erfolgen, der bei den Wahlen nächsten Monat bestimmt wird. Man kann allerdings davon ausgehen, dass dieses und auch die anderen Abkommen unterzeichnet werden, denn ohne unsere Hilfe – militärischer und wirtschaftlicher – ist die Zukunft Afghanistans ungewiss“. 

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