Interview

Krisen treffen nicht nur die Anderen

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Kristina Kluge-Raschke (links) ist Diplom-Sozialpädagogin und Fachdienstleitung des Sozialpsychiatrischen Dienstes im Caritas Zentrum Freising. Im Gespräch stellte sie FORUM-Volontärin Miriam Kratzer unter anderem die Arbeit des Krisendienstes Psychiatrie vor. Foto: Wagner

Jeder kennt Tage, in denen alles grau in grau erscheint oder Situationen, in denen die Belastungen des Alltags zu Schlaflosigkeit und Unwohlsein führen. Diese „normalen“ Verstimmungen sind zu unterscheiden von manifesten psychischen Erkrankungen, die medizinisch-therapeutisch behandelt werden müssen. Jeder dritte Mensch gerät einmal im Leben in eine seelische Krise, in der er professionelle Hilfe benötigt. Laut dem Robert Koch-Institut leiden rund sechs Millionen Menschen in Deutschland an Depressionen. Trotz dieser erschreckend hohen Zahlen gehören „Krankheiten der Seele“ jedoch immer noch zu einem Tabuthema in unserer Gesellschaft.FORUM-Volontärin Miriam Kratzer hat mit der Diplom-Sozialpädagogin Kristina Kluge-Raschke vom Sozialpsychiatrischen Dienst der Caritas in Freising darüber gesprochen, wo Betroffene und deren Angehörige in scheinbar ausweglosen Situationen Hilfe finden.

Kristina Kluge-Raschke (links) ist Diplom-Sozialpädagogin und Fachdienstleitung des Sozialpsychiatrischen Dienstes im Caritas Zentrum Freising. Im Gespräch stellte sie FORUM-Volontärin Miriam Kratzer unter anderem die Arbeit des Krisendienstes Psychiatrie vor. Foto: Wagner

Wie viel negative Stimmung ist noch gesund?

Kristina Kluge-Raschke: · „Es ist normal, dass Menschen mal nachdenklich sind oder negative Gedanken haben. Besonders jetzt im Winter ist zu beobachten, dass sich die Menschen mehr zurückziehen. Das ist normal und solche Phasen hat jeder mal. Wenn der Leidensdruck jedoch zu stark wird, das heißt die gedrückte Stimmung anhält und der Betroffene glaubt, dass sich seine scheinbar ausweglose Situation niemals mehr verbessern wird, sollte man hellhörig werden. Wenn sich die emotionale und psychische Situation zuspitzt, spricht man von einer Krise. Diese kann zum Beispiel auch durch schlimme Lebensereignisse, wie dem Verlust eines Familienmitglieds oder auch durch Dauerbelastungen im Alltag hervorgerufen werden. Warnzeichen für eine Krise sind zum Beispiel ständiges Gedankenkreisen und Negativdenken. Viele Betroffene können auch nicht mehr aktiv am Leben teilnehmen, weil ihnen die Kraft dafür fehlt. Wenn die Gefühle und Gedanken nicht mehr steuerbar sind und die gewohnten Bewältigungsstrategien nicht mehr funktionieren, können bei manchen Menschen auch Suizidgedanken auftauchen. Es ist sehr wichtig, sich in solch einer Situation Hilfe zu suchen. Grundsätzlich gilt, je früher man sich Hilfe holt, desto besser.“

An wen kann sich ein Betroffener wenden, wenn er merkt, dass er alleine nicht mehr aus einem Tief herauskommt?

Kristina Kluge-Raschke: · „Das Wichtigste ist, sich jemandem anzuvertrauen und darüber zu sprechen. Sei es mit einer Person, die einem sehr nahe steht, einem Arzt oder einem Psychologen. Schnelle Hilfe finden Betroffene beim Krisendienst Psychiatrie unter der Nummer 0180/6553000. Dieser ist seit dem 1. Dezember auch in den Landkreisen Freising, Dachau, Ebersberg und Erding freigeschaltet. Für das Stadtgebiet in München gibt es den Krisendienst seit 2007, im Landkreis München seit Juni dieses Jahres.

Wie sieht die Hilfe des Krisendienstes Psychiatrie konkret aus?

Kristina Kluge-Raschke: · „Die Betroffenen erhalten dort eine qualifizierte telefonische Beratung und Unterstützung von Psychologen, Sozialpädagogen und psychologischen Fachkräften. Sie hören dem Betroffenen zu, finden im Gespräch heraus was nötig ist, um den Einzelnen in seiner jeweiligen Situation zu entlasten und zu unterstützen und suchen mit ihm gemeinsam nach Lösungswegen. Mögliche Hilfestellungen können beispielsweise die Vermittlung von Psychologen aus dem jeweiligen Landkreis, einem Klinikaufenthalt oder der psychiatrischen Institutionsambulanz sein. In akuten Fällen gibt es auch die Möglichkeit, ein zeitnahes, persönliches Krisengespräch zu vereinbaren. Dafür stehen immer zwei Fachkräfte des sozialpsychiatrischen Dienstes in Bereitschaft.“

Viele Menschen mit einer psychischen Erkrankung trauen sich nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen, weil Sie Angst vor den Reaktionen der Anderen haben. Was ist Ihre Meinung dazu?

Kristina Kluge-Raschke: · „Viele Menschen haben mir berichtet, dass sie sehr erstaunt darüber waren, wie vielen anderen Menschen es genauso geht wie ihnen. Oftmals hilft es dem Betroffenen schon, dass ihm zugehört wird und er spürt, dass er mit seinem Problem nicht alleine da steht. In vielen Landkreisen gibt es auch spezielle Selbsthilfegruppen, wie zum Beispiel Angst- oder Depressionsgruppen. Dort schließen sich Menschen mit ähnlichen gesundheitlichen, seelischen oder sozialen Problemen zusammen und versuchen gemeinsam ,ihre Lebenssituation besser zu bewältigen. In der Gruppe findet jeder einzelne Kontakt und Austausch, vor allem aber Wege aus der Isolation.“

Was können Angehörige tun, um dem Betroffenen zu helfen?

Kristina Kluge-Raschke: · „Sie können den Betroffenen unterstützen und ihm zuhören. Jedoch können Angehörige nur bedingt Einfluss auf den Betroffenen nehmen, die Entscheidung sich helfen zu lassen, kann nur der Betroffene selbst fällen. Die psychische Krankheit eines Menschen belastet auch die Angehörigen meist sehr stark. Deshalb haben auch sie die Möglichkeit den Krisendienst Psychiatrie telefonisch unter 0180/655300 zu kontaktieren und sich dort beraten zu lassen. Der sozialpsychiatrische Dienst der Caritas in Freising bietet ebenfalls eine Angehörigenberatung an. Zudem gibt es dort ein Gruppentreffen speziell für Angehörige von psychisch Erkrankten.“

Körperlich krank sein darf man, psychisch krank sein nicht - das ist in der heutigen Gesellschaft leider traurige Wahrheit. Ist für Sie in dieser Problematik ein Wandel erkennbar?

Kristina Kluge-Raschke: · „Ja, ich finde es ist eindeutig ein Wandel erkennbar. Die Offenheit für psychische Erkrankungen ist vor allem bei Ärzten gewachsen und die Menschen trauen sich heutzutage mehr, über ihre Probleme und Gefühle zu reden. Die Erschöpfungsdepression, auch Burnout genannt, wird heute auch mehr akzeptiert als früher. Ich denke, das liegt unter anderem daran, dass viele prominente Persönlichkeiten, die an einer psychischen Erkrankung leiden, ihre Erfahrungen damit öffentlich machen. Auch der Extremsportler Alexander Huber, Unterstützer des Krisendienst Psychiatrie, litt lange Zeit selbst unter Angststörungen und hat sich professionelle Hilfe gesucht.“

Notfallnummern für seelische Krisen:

Krisendienst Psychiatrie

Tel. 0180/6553000 (täglich 9-24 Uhr, 0,20 Euro pro Anruf aus dem Festnetz)

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Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen

 Tel. 0800/0116016 (24h, kostenfrei)

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Telefon-Seelsorge

katholisch: Tel. 0800/1110111

evangelisch: Tel. 0800/1110222 (24h,kostenfrei)

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Die Arche

Tel. 089/334041 (Mo. bis Fr. 9-17 Uhr)

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Beratungsstelle für psychische Gesundheit in Freising

Tel. 08161/5387950 (Mo. bis Do. 9-16 Uhr und Fr. 9-13 Uhr)

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Selbsthilfegruppen in der Region unter: 

www.caritas-nah-am-naechsten.de

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Fachkräfte gesucht:

Für die Bereitschaft an Abenden und am Wochenende des sozialpsychiatrischen Dienstes der Caritas werden noch Psychologen, psychologische Fachkräfte und Sozialpädagogen auf Mini Job Basis gesucht.

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