Der Zeitzeuge Abba Naor zu Gast am OMG

Die Schatten der Vergangenheit

Der 88-jährige Abba Naor erzählte den knapp 300 Zuhörern seine bewegende Geschichte.

Lange Zeit konnte Abba Naor über das Erlebte nicht sprechen. Vor ungefähr 20 Jahren begann er, seine Geschichte zu erzählen. Dies war für ihn persönlich eine Möglichkeit, seine Mutter und seine Brüder in Erinnerung zu rufen und ihr Gedenken zu erhalten.

Dass das Erzählen dieser Geschichte nicht einfach ist, wurde den knapp 300 Zuhörern, den Neuntklässlern des OMG und der Imma-Mack-Realschule, sichtbar deutlich, aber gleichzeitig stellt es für den 88-Jährigen immer wieder eine Hilfe dar, die Schatten dieser Vergangenheit zu verarbeiten. Angesichts der aktuellen fremdenfeindlichen Ereignisse in Sachsen und der ständig zunehmenden Gewaltbereitschaft von rechts sollte die gemeinsame Veranstaltung der beiden „Schulen gegen Rassismus und Schulen mit Courage“ auch ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit in unserer Gesellschaft sein. Gleichzeitig sollte der gemeinsame Blick in die Vergangenheit, den Schülern die Möglichkeit bieten, aus der Geschichte zu lernen. Denn gerade die Zeit des Nationalsozialismus zeigt der Nachwelt auf besonders bestialische Weise, welche Auswirkungen die Verbreitung von Terror, Hass und Gewalt haben können. Sowohl heute wie auch in der Vergangenheit sind es am Ende unschuldige Menschen, die das Leid ertragen müssen. „Ich kann nur erzählen, was ich selbst erlebt habe“, erklärte der 1928 in Litauen geborene Abba Naor. Gleich zu Beginn wurde allen Anwesenden klar, dass mit dem Einfall der deutschen Wehrmacht 1941 für den damals 13-Jährigen eine bis dahin unbeschwerte Kindheit zu Ende ging. Zusammen mit seinen Eltern und seinen zwei Brüdern musste er seine Heimat verlassen. Für ihn begann eine Zeit, die mit unfassbarem Leid und Verlust verbunden war. Er war gezwungen schnell erwachsen zu werden, weshalb er an seine jungen Zuhörer appellierte: „Bleibt Kinder, solange es geht und genießt eure Kindheit!“ Nachdem es Abba Naor und seiner Familie gelungen war, den Todeskommandos zu entkommen, die in den ersten Kriegsmonaten die Litauer Juden massenweise erschossen, wurden sie in eines der Ghettos in Kaunas gebracht, wo eine entbehrungsreiche Zeit begann. Der 88-Jährige erinnerte sich an seine Sehnsüchte, die er als Jugendlicher hatte: „Wie gerne wären wir in eine richtige Schule gegangen.“ Die Zeit im Ghetto war aber vor allem eine Zeit der Rechtlosigkeit, der ständigen Angst und des Hungers. Er verlor seinen großen Bruder, der erschossen wurde, weil er außerhalb des Ghettos für die Familie etwas Essbares besorgen wollte. Nachdem auf der Wannseekonferenz die Endlösung der Judenfrage beschlossen wurde, wurden die Ghettos in Konzentrationslager umgewandelt und die Menschen selektiert. Abba Naor wurde mit Viehwaggons in das KZ-Stutthof bei Danzig deportiert und sah dort seine Mutter mit seinem kleinen Bruder an der Hand zum letzten Mal. Sie wurden nach Auschwitz gebracht. Sichtlich bewegt fuhr er mit seinen Ausführungen fort und machte deutlich, dass sein Vater und er nur überlebten, weil sie arbeitsfähig waren. Daher kam der damals 15-Jährige in eines der elf Außenlager des KZ-Dachau, wo er - getrennt von seinem Vater - in Erdlöchern leben musste. Nur mit Häftlingskleidung und Holzschuhen bekleidet war er dem Wetter ausgesetzt und musste ein menschenunwürdiges Leben unter katastrophalen Umständen führen. Körperlicher sowie seelischer Schmerz, Überlebensangst und vor allem der Hunger waren auch hier seine ständigen Begleiter. Zusammen mit drei Gleichaltrigen war er zeitweise gezwungen, die Funktion von Pferden zu übernehmen und ein Fuhrwerk zu ziehen, um Lebensmittel für das Wachpersonal aus der nahegelegenen Ortschaft zu holen. Während vor der Metzgerei die Schweine für die Schlachtung mit „feinsten Delikatessen“ gefüttert wurden, erhielt er braunes Wasser, eine Scheibe Brot und an guten Tagen ein Stückchen Käse. „Sowohl die Schweine als auch wir waren dem Tod geweiht, aber die Tiere hatten es besser als wir!“ Während ihn die Gemeinschaft mit seinen Freunden und die Arbeit, die er dort verrichten musste, überleben ließen, da es ihm immer wieder gelang, ein Stück Brot oder eine Kartoffel zusätzlich zu bekommen, bedeutete die körperliche Schwerstarbeit, die er später im Lager Kaufering als 16-Jähriger leisten musste, beinahe seinen sicheren Tod. Die Arbeiten, die mit dem Bau der monströsen, unterirdischen Bunkeranlagen verbunden waren, kosteten zahlreichen Häftlingen das Leben, und die dicken Mauern der Bunker in der heutigen Welfenkaserne in Landsberg wurden für viele zur letzten Ruhestätte. Sein Leben wurde durch das baldige Kriegsende gerettet. Völlig ausgemergelt und erschöpft wurde er im April 1945 mit seinen Mithäftlingen auf den Todesmarsch Richtung Bad Tölz geschickt, wo er bei Waakirchen von den Amerikanern befreit wurde. Abba Naor war 17 Jahre alt als seine Leidensgeschichte endete. Er verließ Deutschland und suchte in Israel eine neue Heimat, wo der mehrfache Vater, Großvater und Urgroßvater noch heute lebt. Von seiner Großfamilie, die ursprünglich aus über 100 Personen bestand, überlebten außer ihm und seinem Vater nur zwei weitere Mitglieder den Holocaust. Abba Naor gelang es auf sehr eindrucksvolle Weise die Aufmerksamkeit der Schüler zu wecken. Auch nach zwei Stunden wurde er nicht müde, die Fragen der sichtlich bewegten und interessierten Schüler mit großer Geduld, verschmitztem Charme und vor allem großer Bescheidenheit zu beantworten. Seine Erzählung klang keineswegs verbittert oder anklagend, und er gab auch zu verstehen, dass er die Deutschen nicht alleine für all die Opfer und das Leid verantwortlich machte. Er sprach nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern versuchte seiner jungen Zuhörerschaft immer wieder mit Humor und Verständnis zu begegnen. Zwar räumte er ein, lange Zeit Hass verspürt zu haben, aber er habe erkannt, dass ein Leben ohne Hass viel schöner sei. Auch an Selbstmord habe er nie gedacht. „Damals war ich ein kleiner 13-jähriger Junge, heute bin ich ein 88 Jahre junger, kleiner Mann. Wer hungert, wächst nicht!“ Aber dies sind nicht die einzigen Spuren, die diese Vergangenheit hinterlassen hat. Sein Urenkel gab ihm vor einigen Jahren das Versprechen, „wenn ich groß bin, dann erfinde ich eine Uhr, die rückwärts geht und dir deine Mutter und deine Brüder zurückbringt!“ Der spürbare andauernde Schmerz ist noch heute sichtbar und mit zunehmendem Alter, „wenn die Nächte länger werden“, tauchen die Schatten und schmerzhaften Bilder der Vergangenheit immer häufiger auf. Oberstudiendirektor Franz Vogl dankte dem Zeitzeugen für seinen rastlosen Einsatz und betonte bei der Verabschiedung den Wert dieses Engagements gerade in der heutigen Zeit. Dabei verwies er auch auf die Parallelen der Namensgeber beider Schulen, die jeweils auf ihre Weise Zeichen gegen das NS-Regime setzten. Während sich Oskar Maria Graf in seinem öffentlichen Aufruf „Verbrennt mich“ literarisch gegen den Unrechtsstaat zu Wort meldete, versorgte Schwester Imma Mack aus Nächstenliebe die Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau unter Einsatz ihres Lebens mit Lebensmitteln.

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