Der Mangel ist „hausgemacht“

Brandbrief an Innenminister Herrmann: Die Notärzte machen ihrem Unmut Luft

Notarzt und Notarztwagen
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Zu Beginn der Corona-Pandemie wurden bayerische Notärzte ohne angemessene Schutzausrüstung zu Notfallpatienten mit Blaulicht entsandt, um deren Leben zu retten. Sie haben aktiv dazu beigetragen, die bayerischen Krankenhäuser vor dem ansonsten drohenden Kollaps zu bewahren.

Der Beifall aus der Bevölkerung und von Politikern für die „Corona-Helden“ in den Kranken- und Pflegeeinrichtungen sowie den Beschäftigten in den Rettungsdiensten ist längst verklungen, freilich ohne dass sich für den betroffenen Personenkreis etwas Wesentliches geändert hätte. Die Unzufriedenheit über schlechte Arbeitsbedingungen und niedrige Honorierung ist nach wie vor groß – so auch bei den Notärzten.

Zunehmend blieben, vor allem im ländlichen Raum, Notarztstandorte unbesetzt. Nach einem Aufruf der „Arbeitsgemeinschaft der in Bayern tätigen Notärzte – agbn“ geht jetzt auch der Notarztstandort Mainburg, vertreten durch ihren Sprecher Dr. Dominik Treffer, an die Öffentlichkeit. In einem Schreiben an Landtagsabgeordnete und den Bayerischen Innenminister Joachim Herrmann weist er auf die bayernweit zunehmende Problematik hin, Notarztdienste zu besetzen. Ein wesentlicher Dreh- und Angelpunkt, so der Mainburger Mediziner, sei hierbei die Honorierung der notärztlichen Arbeit.

„21 Euro Brutto-Bereitschaftspauschale, unabhängig von Wochentag und Uhrzeit, stellen keine angemessene Entlohnung dieser verantwortungsvollen und fordernden Tätigkeit dar“, so Dr. Treffer. Im mobilen ärztlichen Bereitschaftsdienst würden Grundhonorare von 54 Euro in den Nachtdienststunden aufgerufen und für Impfärzte in den Impfzentren halte der Staat 130 bis 160 Euro pro Stunde als gerechtfertigt. Dass bei einer derartigen Schieflage der Vergütung immer weniger Kollegen den physisch wie psychisch fordernden Notarztdienst in der Freizeit übernehmen, sei nach Auffassung von Dr. Treffer absolut nachvollziehbar. „Leidtragend ist zuletzt die Bevölkerung, wenn bei unbesetzten Notarztstandorten der nächstverfügbare Notarzt einen deutlich weiteren Weg zum Notfallort zurücklegen muss und somit später am Notfallpatienten ankommt.“

Keine ansprechende Vergütung

Der Freistaat Bayern ist in Sachen Anerkennung und Honorierung notärztlicher Leistungen Schlusslicht im Bund. Für Notarzt Dr. Treffer ist es nur allzu verständlich, dass bei den wenig ansprechenden Vergütungssätzen, verglichen mit anderen Bundesländern und anderen Tätigkeiten, insbesondere junge ärztliche Kollegen zunehmend wenig Interesse am Notarztdienst zeigen. Der Notarztdienst in Bayern wird überwiegend durch Ärzte getragen, welche ihre Haupttätigkeit in der Klinik bzw. Praxis haben und zusätzlich in der Freizeit als Notarzt arbeiten.

Das Einsatzgebiet der Mainburger Notarztgruppe umfasst im Wesentlichen den Altlandkreis. Es reicht im Norden bis Siegenburg, im Osten bis Pfeffenhausen, im Süden bis Au/Hallertau und Nandlstadt sowie im Westen bis Geisenfeld und Wolnzach. Für Dr. Treffer müsse schlichtweg gelten: „Qualität muss bezahlt werden, insbesondere wenn diese unter nicht immer einfachen Arbeitsbedingungen geleistet werden muss.“ Um diese Schieflage zu korrigieren, hofft er auf ein Eingreifen der Politik.

Innenminister Herrmann antwortet auf Brandbrief

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann hat am 27. April sehr schnell auf den Brandbrief von Dr. Treffer geantwortet. Herrmann führt aus, dass Besetzungsprobleme im Bereich der Notarztdienste bekannt seien und die angemessene Vergütung der Tätigkeit hierbei eine wichtige Komponente sei. Die Honorarverhandlungen führten jedoch die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) mit den Sozialversicherungsträgern.

Die aktuellen Honorarvereinbarungen zwischen den Kostenträgern und der KVB für den Notarztdienst sind zum Jahreswechsel ausgelaufen. Als einen „untragbaren Zustand“ bezeichnet es Dr. Thomas Jarausch, Vorstandsvorsitzender der agbn. „Wir sind inzwischen seit vier Monaten ohne Entgeltvereinbarung! Statt jedoch zu resignieren oder zu lamentieren, haben sich die Kolleginnen und Kollegen mit hohem persönlichen Einsatz und maximalem persönlichen Risiko in der Corona-Pandemie engagiert.“ Für die Notärzte sei dies ein berufsethisches Selbstverständnis, so Dr. Jarausch, das Akzeptieren der schlechten Honorarbedingungen („sie fallen vollkommen aus der Zeit“) sei es aber nicht! Eine Wertschätzung der Arbeit der Notärzte müsse auch pekuniär ausgedrückt werden.

Forderung stehe nicht unter dem Motto „wir wollen mehr“

In dem Ringen um höhere Notarztvergütungen will der niederbayerische Regionalvertreter der Notärzte, Dr. Walter Stadlmeyer, klarstellen, dass die Forderung nicht unter dem Motto „wir wollen mehr“ stehe, vielmehr werde eine Gleichstellung mit anderen Bundesländern gefordert. Es sei nicht zu akzeptieren, dass der bayerische Notarzt, der ein wichtiger Baustein der Daseinsfürsorge ist, spürbar weniger honoriert wird als beispielsweise der Notarzt in Thüringen oder Sachsen-Anhalt.

Dr. Jarausch in seinem Aufruf: „Bis zuletzt hatte uns die KVB signalisiert, dass Verhandlungsbereitschaft bei den Kostenträgern besteht und wir hatten die Hoffnung nicht aufgegeben, dass für uns Notärzte und Notärztinnen ein gutes Ergebnis herauskommt. Nun ist es leider anders gekommen und die Verhandlungen sind festgefahren.“ Dabei sei das Thema nicht neu: Seit Jahren werde über eine adäquate Honorierung mit den Krankenkassen gerungen.

Dr. Jarusch: „Vergütungen liegen weit im unteren Drittel“

Der agbn-Vorsitzende macht hier ein spezifisch bayerisches Problem aus – im Vergleich mit benachbarten Bundesländern liegen die Vergütungen der notärztlichen Leistungen in Bayern nämlich weit im unteren Drittel. Obwohl der Freistaat ein herausragendes Rettungswesen für sich proklamiere, schlage sich das nicht in einer angemessenen Vergütung für dessen Leistungsträger nieder. Dies habe schon in den Zeiten vor der Corona-Pandemie gegolten, trete aber nun besonders deutlich zu Tage.

Dr. Jarausch sieht die Kostenträger ganz klar in der Bringschuld, endlich und umgehend für eine angemessene Anpassung der Notarzt-Honorare zu sorgen. Nur so könne die notärztliche Versorgung aller Notfallpatienten in Bayern mittel- und langfristig sichergestellt werden. „Wir wollen nicht mit Besetzungsproblemen drohen oder gar die Bevölkerung verunsichern, sondern sowohl in der Fläche wie auch in den Ballungsräumen eine hochqualifizierte notärztliche Versorgungssicherheit bieten.“

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