„Großkopferte sind auch nur Menschen“

Helmut Gürster zeigt in seinem Büro auf die Pinnwand mit den vielen Erinnerungsstücken und Fotos von prominenten Politikern und Politikerinnen, die er all die Jahre persönlich kennenlernte. Darunter zum Beispiel Altbundeskanzler Helmut Schmidt und Ursula Engelen-Kefer, die langjährige Vizechefin des Deutschen Gewerkschaftsbundes und Vizepräsidentin der Bundesanstalt für Arbeit. Fotos (3): Mader

Helm

ut Gürster, Mainburgs Gewerkschafts-Urgestein und langjähriger Stadtrat, feiert am Samstag, 28. Mai, seinen 75. Geburtstag. Der in Bodenmais im Bayerischen Wald als ältestes von drei Geschwistern geborene Wahl-Hallertauer lebt seit 1972 in Mainburg und übt dort bereits seit 1971 das anfangs kommissarisch übernommene Amt des IG BAU-Ortsvorsitzenden aus. Von 1981 bis 2009 war er DGB-Ortskartellvorsitzender und von 1990 bis 2002 Stadtrat in Mainburg. 1984 wurde Gürster als damals jüngsten Träger mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. FORUM-Redakteur Ferdinand Mader besuchte den angehenden Jubilar, der sich immer als „Vertreter des kleinen Mannes“ sah und als solcher selbst gegenüber den Polit-Größen der Republik nie ein Blatt vor den Mund nahm. Wie wurde ein echter Waidler wie Helmut Gürster eigentlich zum eingefleischten Hallertauer? Helmut Gürster: Nach der Schulzeit habe ich im Forstbetrieb angefangen, mich dort aber von Beginn an mehr um den Straßenbau als um die Bäume gekümmert. So bin ich zum Bau gekommen und bereits 1957 der Gewerkschaft Bau-Steine-Erden beigetreten. Für diverse Firmen war ich auf Baustellen in ganz Südwestdeutschland unterwegs, ehe ich durch den Bau des Rhein-Main-Donaukanals in den Landkreis Kelheim kam und am 1.Juli 1974 von der Firma Dyckerhoff zur RMD-AG wechselte. Meine Frau Anneliese. die als gebürtige Oberempfenbacherin aus der Hallertau stammt, hatte ich bereits zuvor in München kennengelernt und am 5. April 1963 geheiratet. 1971/72 haben wir uns dann auf der Mainburger Theresienhöhe ein Haus gebaut. Der Bau des Rhein-Main-Donau-Kanals galt ja über Jahre hinweg hierzulande als heftig umstritten. Ihr entschiedenes Eintreten für dieses Großprojekt hat Ihnen in der SPD, der Sie seit 1974 angehören, sicher nicht nur Freunde eingebracht... Helmut Gürster: Es gab natürlich böse Briefe und Anrufe. Aber der damalige SPD-Landesvorsitzende Helmut Rothemund war auch für den Kanal. Es wurde viel gemacht, um die Einschnitte in die Natur auszugleichen und nach seiner Fertigstellung hat sich der Kanal als Segen für die ganze Region erwiesen. Ihr Einsatz für den Kanalbau wurde mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Sie gewürdigt. Helmut Gürster: Der damalige Bundesbauminister Oscar Schneider hat mich vorgeschlagen und dies wie folgt begründet (zitiert aus der Laudatio): „Ich habe Helmut Gürster als einen jener Bauarbeiter und Baugewerkschafter kennen und schätzen gelernt, die im besten Sinne das Bild der Männer vom Bau in der Öffentlichkeit prägen.“ Darauf bin ich noch heute stolz, aber ich habe mich auch über meine vielen anderen Ehrungen gefreut, zum Beispiel die Hans-Böckler-Medaille als höchste Auszeichnung des DGB, die Bürgermedaille in Silber der Stadt Mainburg, die Willy-Brandt-Medaille der SPD, die Armbanduhr der Tiefbau-Berufsgenossenschaft für die Arbeitssicherheit im Bauwesen oder die Ehrung der AOK für mein jahrzehntelanges ehrenamtliches Engagement als Arbeitnehmervertreter im Verwaltungsrat. Ich bin halt ein Vereinsmensch und in fast allen Vereinen und Verbänden dabei, etwa beim Sportclub oder beim Fußballclub, denen ich beim Bau von Vereinsheim und Platz mit Rat und Tat geholfen habe, oder in der Katholischen Arbeitnehmerbewegung, die ich als gläubiger Christ nicht als Konkurrenz zum DGB sehe. Beim Arbeiterverein habe ich neulich den Vorsitz übernommen, aber nur für ein Jahr, denn die Nachfolge ist bereits geregelt. Ich klebe nicht an Ämtern und auch bei der IG-BAU muss es nach meiner Amtszeit weitergehen. Bezüglich eines Nachfolgers bin ich jedenfalls ganz optimistisch. Durch Ihre direkte Art haben Sie nicht nur bei Kollegen und Vereinsfreunden, sondern bei vielen Bundes- und Landespolitikern einen Ruf wie Donnerhall und teilweise sehr enge persönliche Kontakte zu ihnen aufgebaut. An welche Begegnungen erinnern Sie sich besonders gerne? Helmut Gürster: Mit Georg Leber, viele Jahre Bundesminister für Verkehr, Post und Verteidigung, verbindet mich eine fast väterliche Freundschaft, vielleicht weil er wie ich am Bau anfing und aus ähnlich kleinen Verhältnissen stammt. Ich hätte ihn gern nach Mainburg eingeladen, aber leider hat es früher terminlich nie geklappt und heute ist Leber über 90 und gesundheitlich nicht mehr dazu in der Lage, Termine wahrzunehmen. Das bedauere ich sehr. Genauso, dass ich Oscar Schneider - er war in der CSU und nicht Gewerkschaftsmitglied - auf Geheiß der DGB-Oberen nicht nach Mainburg einladen durfte. Durch meine gewerkschaftliche Tätigkeit habe ich viele hochrangige Politiker und Funktionäre kennen lernen dürfen und viele von ihnen sind nach Mainburg zu Veransaltungen gekommen. Berührungsängste zu den „Großkopferten“ hatten Sie wohl nie? Helmut Gürster: Zugegeben, als ich im Frankfurter Palmengarten zum Geburtstagsempfang von Schorsch Leber auf Spitzen wie Kardinal Lehmann, Bundespräsident Rau, Bundeskanzler Schmidt, Prof. Biedenkopf usw. traf, hatte ich schon weiche Knie. Den Schmidt habe ich damals ziemlich unsicher angesprochen und gefragt, wie ich ihn anreden sollte: Als Herr Bundeskanzler, Parteigenosse Helmut oder als Herr Dr. Schmidt. Darauf meinte er nur: „Reden Sie einfach so, wie Ihnen der Schnabel gewachsen ist.“ Das habe ich getan und gemerkt, dass alle Großkopferten Menschen wie du und ich mit allen Stärken und Schwächen sind. Was wünscht sich Helmut Gürster - außer Gesundheit natürlich - zum Geburtstag? Helmut Gürster: In dem Alter hat man keine großen Wünsche mehr, sondern ist dem Herrgott dankbar für all die Jahre. Von der heutigen Politik würde ich mir oft mehr Menschlichkeit und Ehrlichkeit und weniger Ideologie wünschen. Ich hatte bei allen Meinungsverschiedenheiten zu Firmenchefs und politischen Gegnern immer ein einwandfreies Verhältnis.

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