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Das Eisenbahn-Faible kam mit der Muttermilch

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Walpertskirchener Bahnhof vor 150 Jahren
105 Jahre lang prägte der Walpertskirchener Bahnhof auf dem Bahndamm das Ortsbild. Am schneelosen 10. Januar 1976 erwarten die Bahngebäude den Abriss, der drei Monate später erfolgte. © Foto: Karl Bürger

Karl Bürger, der Eisenbahnaktivist aus Walpertskirchen, erzählt ein wenig aus seinem Leben, vor allem aber, wie es zu seiner Leidenschaft für die Bahn kam. 

Landkreis - Karls Bürger schreibt Bücher, in denen die Eisenbahn breiten Raum einnimmt, die aber nicht nur Daten, Fakten, Bilder, Pläne und Tabellen enthalten, sondern vor allem auch Seitenblicke auf die Lebensumstände der Menschen und auf die Gegebenheiten der jeweiligen Zeitabschnitte werfen, was die Bücher so unterhaltsam machen. Und ohne sein Engagement hätte Walpertskirchen heute keine Bahnstation mehr.

„Die Leidenschaft für die Eisenbahn kam mit der Muttermilch“, schmunzelt Karl Bürger. „Dann kam 1966 das Ereignis – da war ich grad 10 geworden, das mein inzwischen mehr als 40jähriges verkehrspolitisches Engagement begründet hat: Im Juli 1966 wurde der Bahnhof Walpertskirchen geschleift.“ Dazu ein kurzer Auszug aus Bürgers 2017 erschienenem Buch: „München – Mühldorf – Simbach. Glanz, Niedergang und Renaissance einer königlich bayerischen Eisenbahn Bewegte Verkehrsgeschichte mit umwälzender Zukunft“: „...Wann immer es ging, beobachtete er [Bürger, Jahrgang 1956] an der nahen Bahnstrecke München – Mühldorf die Züge, vor denen nagelneue rote Dieselmaschinen brummten, aber auch schwarze Ungetüme fauchten, die lange Schlangen brauner Güterwagen schleppten und (schon seltener) vor den grünen und den modernen silbernen Personenwagen daher stampften. Der Bub vergaß die Welt, zeigten sich am Bahndamm schwer arbeitende, mit brüllendem Stakkato herantosende Lokomotiven, deren gewaltige Dampfwolken sich erst auflösten, nachdem der letzte Wagen vorbeigepoltert war. Welch herrliche Szenerien! Und alle mussten mangels Kamera unfotografiert bleiben …“

Was dann 1966 die Abbaukolonne anrichtete, „hatte der Zehnjährige jeden Tag voller Traurigkeit verfolgt. Ergriffen sah er zu, wie das Stellwerk und die Signale abgerissen wurden, und als zum Schluss der große Schienenkran die Weichen und das Überholungs- und Ausweichgleis herausriss, hatte er (wofür er sich noch immer schämte) die ‚Wasserburger’ nicht mehr zurückhalten können. Jetzt stand das stattliche Bahnhofsgebäude verwaist und verloren abseits des durchgehenden Hauptgleises. Der markante Backsteinbau, der zusammen mit der Güterhalle weithin das Ortsbild prägte, befand sich noch weitgehend in dem Zustand, wie er 1870/71 errichtet worden war.“ Als die Bundesbahndirektion München beabsichtigte, die Haltestelle Walpertskirchen vollständig aufzulassen, begann Bürger, den Widerstand zu organisieren. „Sonst hätten“, so der Eisenbahnaktivist, „die 2200 Einwohner Walpertskirchens diese äußerst wertvolle Infrastruktureinrichtung für immer verloren. Der Kampf war erfolgreich.

Seit 2002 wird die Station außerhalb des Berufsverkehrs im Zweistundentakt an sieben Tagen der Woche bedient. Bis 1993 war das Zugangebot nur noch für den Berufspendlerverkehr halbwegs nutzbar, für andere Aktivitäten dagegen völlig unbrauchbar. Und das war Absicht, um die Fahrgastzahlen zu reduzieren und damit die Stilllegung zu rechtfertigen. Auf diese Weise hat die Bahn zahllose Stationen kaltgestellt – steht alles in meinem neuen Buch ‚Blickpunkte am Schienenstrang. Wie die Eisenbahn wurde, wie sie ist’, das gerade deshalb sehr gefragt ist. 

Dieses perfide System ist auch Thema in meinem Theaterstück ‚Der Rebell von Pertskirchen’, das am 17., 18., 19. und 20. November in der Walpertskirchener Mehrzweckhalle aufgeführt wird. Das Stück handelt auch von der Abgehobenheit und Geldgier der Konzerne, bei denen ‚Normalmenschen’ als Kunden nur stören, und ebenso von der Von-oben-herab-Haltung und Selbstherrlichkeit von Behörden und den vor Marktmacht strotzenden großen Firmen. Das Stück zum 150-jährigen Bestehen der Bahnstation Walpertskirchen umfasst 5fünfAufzüge mit neun Gesangseinlagen, wobei die ‚Bahn-Verpackung’ nur ein Beispiel gibt für das Vorgenannte, allerdings spielt hier herein, dass die Eisenbahn als Daseinsvorsorge unverzichtbar ist – auch wenn es seit Jahrzehnten so scheint, als sei dies in der Politik und in der Gesellschaft kein Thema mehr. An den vier Aufführungstagen wird auch eine von Bürger erstellte Ausstellung in der Mehrzweckhalle gezeigt. at

150 Jahre Eisenbahn Markt Schwaben - Erding

Am 16. November startet im Museum Erding eine Sonderausstellung „150 Jahre Eisenbahn Markt Schwaben - Erding“. Hierzu gibt es eine ganz frisch gedruckte 56 Seiten umfassende Broschüre „Erdinger Eisenbahngeschichte“. Das Heft im Format DINA 4 kostet 15 Euro und kann beim Verfasser Karls Bürger bestellt werden unter karl-buerger@t-online. de oder telefonisch unter (0 81 22) 35 97, ebenso sein neues Buch 303 Seiten und 655 meist noch nicht veröffentlichten, großformatigen Bildern: Format DINA 4 für 39,90 Euro.

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