Inspiriert von der Arktis-Epedition

Auszeichnung: Kallmann-Preis 2020 geht an Lena von Goedeke

Instalation Lena von Goedekes
+
Lena von Goedekes Instalation: Equipment First, 2019.


Die Berliner Künstlerin Lena von Goedeke hat für ihre Auseinandersetzung mit dem Thema „Landschaft“ den Kallmann-Preis 2020 erhalten.

Ihre Arbeiten, die bis 18. Juli in der Einzelausstellung „Soil’s Song“ zu sehen sind, sind durch mehrere Forschungsreisen nach Spitzbergen geprägt. Die gezeigten Fotografien, Papierschnitte, Skulpturen, Videos und Rauminstallationen bringen wesentliche Aspekte von Naturerfahrung ins Museum und werfen grundlegende Fragen nach dem Verhältnis von Mensch und Natur auf. Der Kallmann-Preis ist mit 8500 Euro dotiert, rund 400 Künstler aus ganz Deutschland haben sich 2020 beworben. Parallel zu „Soil‘s Song“ sind Landschaftsbilder von Hans Jürgen Kallmann zu sehen.

Lena von Goedekes hoch sinnliches und zugleich konzeptuell äußerst konsequentes Werk weist eine große Vielfalt künstlerischer Ausdrucksformen und Materialien auf, die bei aller Unterschiedlichkeit doch immer mit derselben Konsequenz und Sorgfalt ausgewählt und bearbeitet werden. Von Goedekes Arbeiten setzen sich mit der Wahrnehmung der Natur durch den Menschen sowie mit existentiellen Dimensionen der Naturerfahrung auseinander. Sie untersuchen verschiedene Zugänge zur Natur und befragen deren Bedeutung für unser Verständnis von Welt. So prägen heute neben der unmittelbaren, physisch-sinnlichen Erfahrung zunehmend digital erzeugte Bilder unsere Vorstellungen von Landschaften.

Arktische Gewässer: Mit dem Segelschiff Antigua auf Tour

Bei -40 Grad Celsius mit erfrorenen Fingern auf einem Gletscher zu stehen vermittelt andere Aspekte einer Umgebung als Fotografien oder Modelle derselben Gegend, die durch Sattelitenaufnahmen, Radar und Lidar erstellt wurden, oder als Datenreihen, die das Abschmelzen des Gletschers dokumentieren. In der lebensfeindlichen Umgebung der Arktis machte Lena von Goedeke extreme und intensive Erfahrungen, die Eingang in ihre künstlerische Arbeit fanden. 2018 nahm sie an der „Arctic Circle Residency“ auf Spitzbergen teil, in deren Rahmen sie drei Wochen gemeinsam mit Wissenschaftlern und anderen Künstlern auf dem historischen Segelschiff „Antigua“ durch die arktischen Gewässer kreuzte. 2019 dann verbrachte sie den Winter in vollkommener Dunkelheit in Longyearbyen, der nördlichsten Stadt der Welt, ehe sie im Februar und März 2021 ihre künstlerische Forschung auf Spitzbergen fortsetzte, wo die neuesten Arbeiten der Ausstellung „Soil’s Song“ entstanden.

In der raumgreifenden Installation „Equipment First“ platziert Lena von Goedeke vor einemarktischen Landschaftsprospekt Gummistiefel, die aus Ton geformt sind und aus denen im Laufe der Ausstellung schwarze Tusche auf den Boden läuft. Es ist ein eindrückliches Bild dafür, wie der Permafrostboden durch den Klimawandel buchstäblich unter unseren Füßen dahinschmilzt, aber auch dafür, wie fragil überhaupt unser Dasein ist, das nur in einer kleinen Zone der Erde möglich ist - und für das wir, insbesondere in lebensfeindlichen Gebieten, auf Hilfsmittel wie Kleidung existentiell angewiesen sind. So zeigen die aus Glas gefertigten Finger der Arbeit „Exposition“, die in der Ausstellung mit Videos arktischer Landschaftsaufnahmen kombiniert werden, nicht nur den menschlichen Zugriff auf die Ressourcen der Erde, sondern auch die Zerbrechlichkeit und Anfälligkeit des menschlichen Körpers, sobald er den Gewalten der Natur ungeschützt ausgesetzt ist.

Der großformatige, mit höchster Präzision handgefertigte Papierschnitt „Aerial III“ untersucht die digitalen Möglichkeiten der Vermessung und Darstellung von Landschaft, bei der komplexe geologische Strukturen auf polygonale Formen reduziert werden. Von Godekes Fotografien von Meeresoberflächen und Gletschern wie „Reverse_Grindelwald“ wiederum entstehen, indem sie die ursprünglichen Aufnahmen in Streifen zerlegt und neu zusammenfügt. Die dargestellten Landschaftsformationen, die sich durch den Klimawandel stetig verändern, in ihrer Grundstruktur aber erhalten bleiben, sind als Motive in den Aufnahmen, obgleich deren Struktur verändert wurde, für das menschliche Auge dennoch problemlos wiedererkennbar. So hinterfragen diese Arbeiten die visuelle Aneignung von Natur ebenso wie die Aufnahme „Coal Harbour I“, die im Umfeld des Kohlehafens von Longyearbyen entstanden ist und wie ein Negativ anmutet.

Sie zeigt den feinen Kohlestaub, der sich über das Weiß des Schnees gelegt hat und somit der Klischeevorstellung der unberührten arktischen Natur zuwiderläuft. Durch die unklaren Größenverhältnisse der Steine und Flächen wird zudem das Verständnis der Landschaft erschwert, für deren Erfassung vor Ort die körpereigenen Sensoren wie Auge und Ohr nur noch ansatzweise ausreichen. Eine ganz eigene Erfahrung von Landschaft hat Lena von Goedeke gemacht, als sie in der langen Dunkelheit des arktischen Winters die Berge, Küsten und Gletscher nur schemenhaft erkennen konnte. Diese Eindrücke hat sie in tiefschwarzen Arbeiten wie „Ymerbukta“ verarbeitet, die sie auf Grundlage ihrer Erinnerungen sowie geologischer Daten modelliert hat.

Auch interessant:

Meistgelesen

Kommentare