TGRS Unterschleißheim

Referendariat Remote: Junge Lehrer auf die Probe gestellt

Referendar vor dem Bildschirm
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Auch für die Referendare sind die derzeitigen Umstände nicht leicht. Denn die vollständige Ausbildung zum Lehrer findet derzeit über weite Strecken online statt.

Distanzunterrichts ist nicht nur für Schüler eine Umstellung, sondern auch für die Referendare. Claudia Gassner hat für das FORUM einige Betroffene befragt.

7.35 Uhr: Der PC brummt. Die Online-Konferenz-Plattform wird gestartet. Erste Materialien werden hochgeladen. Schon hat sich eine der Schülerinnen der Klasse 5 C von zu Hause aus eingeloggt und ruft ein herzliches „Hallo“ in den noch leeren Chat-Raum. Mark F. (Name von der Redaktion geändert), Referendar im ersten Ausbildungsabschnitt, – normalerweise im Klassenzimmer an der Therese-Giehse-Realschule (TGRS) in Unterschleißheim – befindet sich zu Hause in seinem Wohnzimmer. Freundlich antwortet der Referendar seiner Fünftklässlerin. Gleichzeitig ist er damit beschäftigt, weiteren Schülern den digitalen Zugang zu ermöglichen, indem er sie im „Warteraum“ freischaltet. Außerdem muss er noch Materialien auf die Plattform hochladen, damit der Unterricht möglichst störungsfrei beginnen kann.

7.40 Uhr: Nun befinden sich bereits fünf Schüler im virtuellen Klassenzimmer und löchern Mark F. mit Fragen bezüglich der Hausaufgaben. Der Unterricht beginnt an der TGRS um 7.50 Uhr. Der Studienreferendar will sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, ist jedoch etwas nervös, da sich gleich auch seine Seminarlehrerin einloggen wird. Schließlich ist es deren Aufgabe, den Unterricht zu sichten und den Lehrkräften in der Ausbildung eine Rückmeldung zu geben.

Der Unterricht beginnt früher

Mark F. ist 26 Jahre alt, hat Englisch und Geschichte studiert und sein erstes Staatsexamen an der Universität Regensburg erfolgreich abgeschlossen. Nun ist er als Referendar der TGRS in Unterschleißheim zugewiesen worden. „Normalerweise würden wir erst um 7.45 Uhr Richtung Klassenzimmer gehen. Aber schon der Beginn des Schultages verläuft im Augenblick anders. Der Online-Unterricht muss viel früher beginnen, da die Schüler sich aufgrund ihrer teils schlechter Internetverbindungen zu Hause nicht innerhalb weniger Minuten in das virtuelle Klassenzimmer einloggen können.“

Der junge Referendar hat Bedenken, dass diese besondere Zeit seine Ausbildung als vollwertige Lehrkraft beeinträchtigen könnte. Ein regulärer Seminarbetrieb sieht vor, dass die Referendare vor ihren vollen Klassen in den Klassenzimmern stehen. Das pädagogische Geschick spielt eine wichtige Rolle, ob man sich bei 30 Schülern durchsetzen kann oder nicht. Jetzt ist der Lehramtsanwärter unsicher, wie gut er in einem virtuellen Raum zeigen kann, dass er die Oberhand bei den Kindern und Jugendlichen gewinnt und behält. „Wenn ich recht überlege, kommen bei uns Aspekte wie ‚Class-Room-Management‘ und ‚Konfliktmanagement‘, also die Praxis, wie ich eine Klasse führe, zu kurz“, gibt der Referendar zu bedenken. Durch den Lockdown ergeben sich auch immer lange Präsenz-Pausen, in denen der direkte Kontakt zur Klasse für Monate unterbrochen wird. Als Mark F. im März das erste Mal wieder vor einer Klasse stand, kam er sich vor, als wäre er in den September zu Schuljahresbeginn zurückversetzt worden. Er fühlte sich unsicher.

Erfahrungen nur per Online-Unterricht

Seine beiden Seminarlehrerinnen Angie Neumeyer und Monika Klinghardt beruhigten ihn immer wieder. „Natürlich kann man auch in einem virtuellen Klassenzimmer gut beurteilen, ob ein Referendar geeignet ist oder nicht. Nichtsdestotrotz können die diesjährigen Referendare manche Erfahrungen nur bedingt machen. Einer vollen Klasse direkt gegenüberzustehen, ist eine ganz andere Herausforderung, als in einem virtuellen Raum zu sein“, erläutert Monika Klinghardt. Referendare müssen in ihrem Referendariat, also in ihren zwei Ausbildungsjahren, ein zweites Staatsexamen ablegen. Dieses besteht aus insgesamt drei Lehrproben, einigen mündlichen Prüfungen in den Fächern, die sie danach unterrichten, sowie in Pädagogik und Psychologie, GSB (Grundfragen der staatsbürgerlichen Bildung) und Schulrecht.

Außerdem wird das „Wirken und Handeln“ der Referendare beurteilt. Diese Prüfungen und die sogenannte Hausarbeit (schriftliche Ausarbeitung eines Unterrichts) ergeben die Note für das zweite Staatsexamen, welche schließlich mit der Note des ersten Examens verrechnet wird und eine Gesamtnote bildet. Die Lehrproben spielen dabei eine sehr wichtige Rolle. Hier zeigen die Referendare drei Prüfern eine beispielhafte Stunde zu einem bestimmten, vorgegebenen Thema. Die Prüfer beurteilen unter anderem den didaktischen Aufbau der Stunde, der zum Thema hinführen, es verdeutlichen und Zeit zum Üben geben soll. Außerdem werden das Zeitmanagement und das pädagogische Wirken bewertet.

So stressig die Vorbereitung auf eine Lehrprobe auch ist, so ist sie dennoch wichtig und ausschlaggebend für die Beurteilung der Lehrkräfte in der Ausbildung. Sie zeigt, ob die Referendare zielgerichtet, schüler- und sachgemäß arbeiten können. Gelegenheit zur Übung haben die „Junglehrer“ in den zahlreichen Unterrichtsversuchen davor. Dieses Jahr findet und hat die Übungsphase vor allem virtuell stattgefunden.

Technische Probleme kosten Unterrichtszeit

Susan Angerer, Mathematik-Seminarlehrkraft an der TGRS erzählt: „In der Lockdown-Phase während des Distanzunterrichts dürfen nicht nur Schüler keine Prüfungen schreiben. In dieser Zeit können und konnten auch keine Lehrproben abgehalten werden. Diese werden nach hinten verschoben.“ Die momentane Lage empfindet die Seminarlehrkraft für Lehrer wie Referendare als herausfordernd: „Häufig funktioniert die Technik nicht. Grundlegende Vorgänge wie das Einloggen dauern sehr lange, Verbindungsprobleme tauchen auf und überdies haben Schüler oft Probleme mit dem System, bei denen ihnen der jeweilige Lehrer helfen muss. Hierbei verlieren die Referendare enorm viel Unterrichtszeit, in der sie der Seminarlehrkraft eigentlich zeigen wollen, wie gut sie das Zeitmanagement und den Aufbau einer Stunde beherrschen.“

Diese besondere Zeit wirft „Ausbilder wie Lehrlinge“ in eine neue, ungewohnte und bisher noch nie dagewesene Situation. „Flexibilität ist dabei oberstes Gebot. Fast täglich ändern sich die Rahmenbedingungen“, erwähnt Angie Neumeyer. Anordnungen des Ministeriums müssen von einem Tag auf den anderen umgesetzt werden. Das trägt sehr zu Verunsicherung bei. Mehr denn je versuchen die Seminarlehrkräfte ihre Schützlinge aufzubauen, zu motivieren, aber vor allem Bedenken zu nehmen. „Am Ende sind auch Seminarlehrkräfte einfühlsame Pädagogen, die ihre Gutachten und Beurteilungen den momentanen Herausforderungen anpassen“, so Neumeyer.

Statt dem Pult muss der Schreibtisch im Wohnzimmer genügen. Im virtuellen Klassenzimmer gibt es dann, statt einer Tafel, die Bildschirmübertragung.

Das „Schöne“ an der Schule kommt zu kurz

Monika Klinghardt blickt auf die Plattform mebis und lädt Unterrichtsinhalte für die morgige Stunde hoch. Sie bevorzugt es, auch im Lockdown von der Schule aus online zu unterrichten. Hier sei ihr Arbeitsplatz, an den sie sich gebunden fühle. Die 65-Jährige schmunzelt, wenn sie davon berichtet, dass sie gemeinsam mit den Referendaren ihr Repertoire für den Online-Unterricht enorm erweitert hat. „Wir können nun wunderbar mit vielen Apps und Tools umgehen.“ Monika Klinghardt wird im nächsten Schuljahr in den wohlverdienten Ruhestand gehen. „Was uns aber fehlt, ist die Vermittlung der Lebendigkeit des Unterrichts.

Unterrichtsinhalte wie „szenisches Lesen“, „Dialoge führen“ und „Rollenspiele“ lassen sich im Distanzunterricht sowie auch teils im Wechselunterricht nur schwer umsetzen.“ Die Geschichts-Seminarlehrkraft bedauert zudem, dass das Schulleben viel zu kurz kommt. „Es können weder Exkursionen durchgeführt, noch Veranstaltungen wie ein Schultheater oder ein Weihnachtskonzert erlebt werden. Somit wird Schule (für Referendare wie für alle Beteiligte) automatisch nur mit Arbeit verbunden. Das „Schöne“ der Schule kann gerade nicht erlebt werden.“

Mit Online-Unterricht das Strukturieren üben

Realschuldirektorin Karin Lechner, die Schulleiterin der Therese-Giehse-Realschule Unterschleißheim sitzt in ihrem Büro. Im Hintergrund hört man den Vortrag einer Online-Konferenz, gleichzeitig klingelt das Telefon. Auch sie bedauert, dass für die Referendare die Vielseitigkeit der Schule nicht sichtbar werden könne. Ein Schulleben und die Freude, Schüler auf der Bühne zu erleben, könnten in diesem Jahr so gut wie nicht erfahren werden. Zudem komme in der momentanen Situation die Wertevermittlung zu kurz. „Allerdings erleben unsere Referendare einen Schub in Richtung digitaler Entwicklung.“ Die Schulleiterin sieht außerdem eine positive Seite darin, dass die Referendare durch den Online-Unterricht mehr oder weniger dazu gezwungen werden, die Unterrichtsstunden stärker zu strukturieren. Das heißt, der rote Faden in den Stunden sei im digitalen Unterricht noch wichtiger und damit auch deutlicher zu erkennen. Das präge die „Refis“ im positiven Sinne.

Die Duale Ausbildung

13 Uhr: Zurück bei Mark F., der gerade dabei ist, seine Schüler virtuell zu verabschieden. Für heute ist der Unterricht vorbei.
13.15 Uhr: Meeting mit der Seminarlehrkraft auf der Online-Konferenz-Plattform. Mark F. trifft sich im Anschluss an den Unterricht mit Angie Neumeyer, um die am Morgen gehaltene Stunde zu besprechen. Der junge Referendar erhält Tipps und wird über weite Strecken gelobt. Er wird sicher auch im regulären Präsenzunterricht ein guter Lehrer. „Unsere Referendare erhalten eine duale Ausbildung – sowohl digital als auch analog“, lächelt sie und loggt sich aus.

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