Tiere sind keine Lückenbüßer

Tierschutzverein München: Der „Lockdowndog“ ist ein Phänomen in Coronazeiten

Lockdowndog traurig enttäuscht
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Ein Haustier ist für viele ein guter Lückenbüßer in Coronazeiten. Aber was passiert danach mit dem Lebewesen?

Seit mehreren Monaten ist im Münchner Tierheim ein neuartiges Phänomen aufgefallen. Das Tierheim bekommt ungefähr doppelt so viele Anfragen nach Tierbabies.

Hundewelpen, Babykatzen oder auch die vermeintlich mit weniger Aufwand verbundenen Kleintiere sind groß gefragt. Klar es auch hin und wieder Tierkinder zur Vermittlung. Aber diese mittlerweile himmelhohe Nachfrage können die Ehrenamtliche Mitarbeiter nicht mal im Ansatz decken. Stattdessen gibt es viele alte, Erwachsene oder auch „heranwachsende“ Tiere, die aus verschiedenen Gründen im Tierheim gestrandet sind. Der meist genannte Grund im Tierheim ist übrigens der Überbegriff „Überforderung“ – die Menschen sind überfordert mit den natürlichen Bedürfnissen der Tiere, mit der Erziehung, Versorgung oder auch finanziell überfordert mit entstandenen Kosten, zum Beispiel nach Erkrankung oder Verletzung ihres kleinen Schatzes.

Wenn dann die Tierheiminsassen angeboten werden – lauter arme Seelen mit Profil und Vergangenheit, die alle aber kein bisschen weniger ein liebevolles Zuhause verdient haben wie die unbescholtenen Babies (denn sie haben ihr Schicksal ja nicht selbst verschuldet) - dann ist das Interesse an einem neuen Familienmitglied meistens wie vom Winde verweht. Und schon während der Telefonhörer aufgelegt wurde, ist den Ehrenamtlichen klar, dass der nächste Schritt der Leute natürlich die Internetrecherche nach Züchtern und anderen Tiervermittlungsvereinen ist. Sie lassen sich ihr Vorhaben in der Regel nicht ausreden.

Das verraten den Beschäftigten auch die persönlichen Erfahrungen nach Feierabend: Fast jeder Mitarbeitern hat plötzlich zahlreiche neue Hunde und Katzen in der Nachbarschaft. Aber auch die Kontakte bei der Stadtverwaltung und den zuständigen Behörden im Münchner Umland verzeichnen circa ein Drittel mehr Neuanmeldungen von Hunden als vergangenes Jahr. Woher rührt dieser explosionsartige Anstieg? Es ist Corona und die damit verbundenen Maßnahmen und ihre Konsequenzen. Viele Menschen lassen sich aus Einsamkeit und Langeweile wegen der Maßnahmen gegen die Pandemie zu Impulsanschaffungen hinreißen. Etliche sind ganztägig zu Hause – im Home Office oder in Kurzarbeit, Freizeitangebote gibt es schon seit Monaten nicht mehr, Urlaubsreisen fallen aus und den Kindern ist todlangweilig daheim. Zweifelsohne leiden auch viele allein stehende Menschen gerade unter großer Einsamkeit wegen der Kontaktbeschränkungen. Klar, da muss ein Haustier her! Die Tiere sollen die Isolation ausgleichen, die entstandenen Löcher im Alltag und Freizeit stopfen. Das halten die Mitarbeiter des Tierheims grundsätzlich für eine sehr fragliche Intention.

Tiere machen glücklich. Sie geben einem Halt, Freundschaft, Liebe und eine sinn stiftende Aufgabe. Aber sie haben auch eigene Bedürfnisse, die dabei oft auf der Strecke bleiben. Wer sich ein Haustier anschafft, übernimmt damit eine lebenslange Verantwortung (Lebenslänge des Tieres). Irgendwann wird die Pandemie abklingen, die Maßnahmen werden zurückgefahren, Kurzarbeit und Home Office werden wieder abgeschafft, Abendveranstaltungen und Festivals werden zurückkehren und Reisen wird wieder bedenkenlos möglich sein. Zum anderen spürt man erst im Nachgang die volle Härte der finanziellen Auswirkungen. Was wird dann aus all den Haustieren, die die Menschen sich während der Krise zum Trost und zur Ablenkung angeschafft haben?

Tierschutzverein München: Mitarbeiter werden nicht selten emotional erpresst

Schon seit längerem, also bereits vor Corona, müssten die Tierheim Mitarbeiter zeitweise Wartelisten für Abgabetiere führen und sich nicht selten emotional erpressen lassen. Anrufe wie „Wenn ihr den Hund nicht gleich übernehmt, lass ich ihn einschläfern/setz ich ihn auf der Autobahn aus.“ sind nicht selten vorgekommen. Wie soll das erst nächstes Jahr werden mit all den neu angeschafften Corona-/Lockdowntieren, die ihren Haltern dann plötzlich lästig und zu teuer werden?

Muss das Tierheim mit einer Abgabe- und Fundtier-Flut rechnen? Vermutlich landen nicht alle Tiere gleichzeitig im Heim, sondern wie sonst auch über das ganze Jahr verteilt. Dennoch macht sich der Tierschutzverein große Sorgen um die armen Tiere, die gar nicht wissen, wie ihnen geschieht. Sie haben es wirklich nicht verdient, als Lückenfüller herhalten zu müssen und dann einfach vor die Tür gesetzt zu werden. Der Tierschutzverein hofft, dass sich die meisten verantwortungsvoll und fürsorglich verhalten werden. Der Verein möchte für ein allgegenwärtiges Problem in der Haustierhaltung sensibilisieren, nämlich den Missbrauch zum eigenen Zweck der emotionalen Befriedigung auf Kosten der Tiere.

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