Jugendschutz bei Computerspielen: Prüfstelle USK gibt ausführlich Antwort

„Battlefield V“ und „Red Dead Redemption 2“: Händler machen sich bei Weitergabe an Kinder strafbar – und Eltern?

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Das Titelmotiv der Spieleverpackung "Red Dead Redemption 2" (links) – ohne Jugendfreigabe. Rechts daneben das Titelbild von "Battlefield V" mit dem USK-Siegel mit der Freigabe ab 16 Jahren.

Die Flugzeugtür öffnet sich. Wir sind hoch oben. Es regnet. Wir stehen zum Absprung bereit. Den Karabinerhaken für die Reißleine unseres Fallschirms haken wir in ein Drahtseil. Warten auf die Absprung-Freigabe. Donnerhall! – Nein, es sind Geschosse einer Flugabwehrkanone.

Sie explodieren nahe dem Flugzeugrumpf. Die Propellermaschine bahnt sich davon unbeirrt weiter ihren Weg durch die grautrübe Regenfront. Flammen schlagen aus der Tragfläche. Ein weiterer Treffer erschüttert das Flugzeug. Wir springen ab.

Unter uns tobt die Hölle. Leuchtspurmunition verfehlt unseren aufgespannten Fallschirm nur knapp. Noch in der Luft sehen wir die Ausmaße des riesigen Schlachtfelds, Truppen, Panzer. Dann – unter starkem Feindfeuer – landen wir unsanft auf einer Wiese. Jetzt sind wir mitten drin, sehen die geborstene Stahlbrücke. Unwirklich verdreht ragen Stahlträger in alle Richtungen. Die Brücke ist gesprengt worden. Wir blicken durch das Zielfernrohr unseres Gewehrs 43, erkennen wo der Feind ist. Und laufen los. – Wir spielen „Battlefield V". Und wollen wissen: Wie steht es eigentlich um den Jugendschutz bei Computerspielen in Deutschland?

Das Computer- und Konsolenspiel „Battlefield V“ ist ein Ego-Shooter, seit dem 20. November, also erst seit wenigen Tagen offiziell erhältlich, und spielt zur Zeit des 2. Weltkrieges. Grafik und Vertonung des Spiels wirken sehr realitätsnah und sorgen für eine ausgesprochen dichte Atmosphäre. 

Das Nachrichten-Portal az-online.de* jetzt ausführlich mit Uwe Engelhard von der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) über "Battlefield V" und auch über „Red Dead Redemption 2". Beides von Millionen Menschen heiß ersehnte Titel in 2018. Aber bevor diese in Deutschland überhaupt verkauft werden durften, mussten sie durch die USK-Prüfung. Unser Nachrichten-Portal durfte die Hintergründe zur Prüfung beider Titel erfahren.

Soviel vorweg: „Battlefield V“ hat von der USK eine Altersfreigabe ab 16 Jahren erhalten, „Red Dead Redemption 2", das im Wilden Westen spielt und von den GTA-Machern stammt, eine Freigabe ab 18 Jahren. Beide Titel werden an Weihnachten sicherlich auch unter vielen Weihnachtsbäumen in Deutschland liegen.

Warum bekommt ein Kriegsspiel eine Freigabe ab 16 Jahren?

Der Titel „Battlefield 5“ hat ja eine USK-16-Einstufung erhalten. Warum keine 18er-Freigabe, warum nicht schon ab 12 Jahren?

Uwe Engelhard

Uwe Engelhard: Das Spiel führt die Spielenden mit wuchtigen Bildern in die Zeit des 2. Weltkriegs, ist dabei aber deutlich kriegskritisch und verzichtet auf drastische Bilder von Verwundungen. Zwar wirken die Spielenden aus einer Ego-Perspektive an den virtuellen Gefechten des Krieges mit und können dabei zahlreiche Gegnerfiguren mit unterschiedlichen Waffen eliminieren – deshalb auch keine Freigabe ab 12 Jahren. Allerdings sind diese Gewalthandlungen stets durch die glaubwürdig inszenierte Hintergrundgeschichte motiviert. Die spielbaren Charaktere bieten keine heldenhaften Rollenvorbilder für Jugendliche, sondern diese sind von ihren Kriegserlebnissen erschöpft und nehmen zunehmend eine kriegskritische Perspektive ein. Weiterhin wirkt Distanz bildend, dass die Spielenden nicht eine Figur durchgehend durch das Spiel begleiten, sondern vier völlig unterschiedliche Charaktere an verschiedenen Handlungsorten in verschiedenen Missionen gesteuert werden. 

„Battlefield V“ besitzt einen von Millionen Fans geschätzten Mulitplayer-Modus, also die Möglichkeit zusammen zu spielen. Wie hat die USK das bewertet?

Engelhard: Im Mehrspieler-Modus wirkt die Spielverabredung, zusammen mit einem Team bestimmte Ziele zu erreichen, als Rahmung. Wie im Singleplayer-Modus können hier ebenfalls Waffen des 2. Weltkrieges eingesetzt werden. Das Prüfgremium war der Auffassung, dass Jugendliche ab 16 Jahren bereits über ausreichend Medienerfahrung und Rahmungskompetenz verfügen, um die Spielerlebnisse des kriegskritischen Ego-Shooters in einem 2.Weltkriegs-Setting ohne drastische oder detaillierte Gewaltdarstellungen beeinträchtigungsfrei verarbeiten zu können. Aus diesem Grunde wurde das Spiel ab 16 Jahren freigegeben.

Wie wird überhaupt die Altersfreigabe geprüft?

Wie muss man sich den USK-Prüfprozess vorstellen?

Engelhard: Das USK-Prüfverfahren ist ein gemeinschaftliches Verfahren der Computerspielwirtschaft und den Obersten Landesjugendbehörden auf der Grundlage des Jugendschutzgesetz. Kern des Verfahrens sind die unabhängigen Jugendschutz-Sachverständigen, die auf der Grundlage einer zusammenfassenden Live-Präsentation des Spiels eine Empfehlung für die Alterseinstufung aussprechen. Auf der Website der USK ist der Prüfprozess ausführlich beschrieben. 

Spielt es aus Sicht der USK überhaupt eine Rolle, dass „Battlefield V" im 2. Weltkrieg handelt?

Engelhard: Nach den USK-Leitkriterien ist die Darstellung von Krieg in Computerspielen ein wichtiger Aspekt der Wirkungsmacht auf Kinder und Jugendliche. Das Kriegssetting alleine ist jedoch noch kein hinreichender Indikator für eine bestimmte Alterseinstufung. Ergänzend dazu müssen für die Bewertung der Gesamtwirkung des Spiels weitere Kriterien, wie zum Beispiel Setting und Atmosphäre, Umsetzung der Spielidee sowie die Darstellung des Kriegsgeschehens in die Diskussion einbezogen werden.

In dem Spiel ist ja auch die Reichsadler- und Reichsdienstflagge (Schwarz-Weiß-Rot) zu sehen. Wäre das Spiel verboten worden, wenn stattdessen zum Beispiel die Flagge der Nationalsozialisten, kurzum: Hakenkreuze benutzt worden wären? Seit August darf die Prüfstelle diese in Spielen doch erlauben – ähnlich wie etwa die FSK in Spielfilmen.

Wenn's Hakenkreuze in "Battlefield V" gäbe, hätte die USK es verboten?

Engelhard: Seit Anfang August des Jahres kann die Sozialadäquanzklausel des § 86a Absatz 3 des Strafgesetzbuches durch die USK-Gremien bei der Prüfung von Computerspielen mit einbezogen werden. Damit können solche Computer- und Videospiele eine Altersfreigabe der USK erhalten, in denen die Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen von den USK-Gremien als sozialadäquat beurteilt wird. Sozialadäquat bedeutet in diesem Zusammenhang, dass Symbole verfassungsfeindlicher Organisationen in einem Titel verwendet werden können, sofern dies der Kunst oder der Wissenschaft, der Darstellung von Vorgängen des Zeitgeschehens oder der Geschichte dient. Am grundsätzlichen Verbot von Kennzeichen hat sich jedoch nichts geändert. Daher verlangt eine Entscheidung über eine Altersfreigabe immer die Prüfung im Einzelfall und stellt keine generelle Ausnahme dar.

Machen Sich Händler und Eltern strafbar, wenn Sie nicht altersgerechte Titel an Kinder und Jugendliche weitergeben?

Macht sich ein Händler strafbar, wenn er einen USK-16- oder USK-18-Titel an – sagen wir – einen 15-Jährigen verkauft?

Engelhard: Es handelt sich um eine Ordnungswidrigkeit, wenn ein Gewerbetreibender einem Kind oder einem Jugendlichen ein Spiel verkauft, das für sein oder ihr Alter nicht freigegeben ist. Eine solche Ordnungswidrigkeit kann mit einer Geldbuße bis zu 50.000 Euro geahndet werden.

Was würden Sie Eltern raten? Bzw. machen sich Eltern strafbar, wenn sie ihren Kindern Titel besorgen, die laut USK nicht für das Alter der Kinder bestimmt sind?

Engelhard: Das Jugendschutzgesetz regelt lediglich den Verkauf von Spielen an Kinder und Jugendliche. Zu Hause können die Eltern entscheiden, was ihre Kinder spielen dürfen. Hier kann und darf der Staat in aller Regel nicht eingreifen, weil die Erziehung ihrer Kinder laut Grundgesetz zu allererst die Aufgabe ihrer Eltern ist. Dennoch würde ich Eltern raten, beim Kauf von Spielen für ihre Kinder auf die gesetzlichen Alterskennzeichen zu achten. Die Alterskennzeichen, die im Prüfverfahren der USK vergeben werden, sind ein wertvolles Hilfsmittels, denn sie entstehen auf Empfehlung von unabhängigen Jugendschutzsachverständigen und garantieren, dass ein Spiel aus Sicht des Jugendschutzes unbedenklich ist.

Wie hat „Red Dead Redemption 2“ keine Jugendfreigabe erhalten?

Ein Blick zu einem anderen Videospiele-Blockbuster: „Read Dead Redemption 2“. Dieser Titel hat eine 18er-Freigabe von der USK erhalten. Kein Setting im Zweiten Weltkrieg, sondern Wilder Westen. Eigentlich doch ein erstmal harmloseres Szenario als Krieg. Was hat zur 18er-Freigabe geführt?

Engelhard: Bei „Red Dead Redemption 2“ handelt es sich um ein episches Spiel mit einer komplexen Geschichte mit zahlreichen Dialogen und vielen filmischen Zwischensequenzen. Das Wildwest-Szenario ist durch die detaillierte Grafik und die vielen historischen Details glaubhaft dargestellt, hat aber mit der heutigen Welt wenig zu tun. Die Spielerinnen und Spieler  besitzen in dem riesigen Open World Szenario sehr große spielerische Freiheit und haben eine Vielzahl – auch unmoralischer und brutaler – Handlungsmöglichkeiten, die jedoch auch sanktioniert werden. Nach Abwägung der Gewaltspitzen mit der Gesamtwirkung des Spiels wurde aufgrund des Sanktionssystems, der nicht-voyeuristischen Gewaltdarstellungen, der zahlreichen weniger drastischen/friedlichen Handlungsalternativen und vieler gewaltloser Spielanteile keine Jugendgefährdung vermutet. 

Wieso dann am Ende doch die 18er-Wertung?

Engelhard: Trotz der vielen gewaltlosen Spielanteile wurde dennoch eine Jugendbeeinträchtigung im Sinne einer Desensibilisierung vermutet, da die Gewaltdarstellungen und die Dismembermenteffekte (Verstümmelungen, Abtrennen von Körperteilen, Anm. d. Red.) aus Sicht des Prüfgremiums in ihrer Drastik das von 16- und 17-jährigen Spielerinnen und Spielern angemessen einzuordnende und zu verarbeitende Maß überschreiten. Eine Freigabe für Jugendliche konnte das Prüfgremium daher nicht befürworten. Dementsprechend erhielt das Spiel das gesetzliche Alterskennzeichen „keine Jugendfreigabe (USK 18)“. 

War es ein knappes Abstimmungsergebnis bei den beiden Titeln?

Können Sie sagen, wie bei der USK für „Battlefield 5“ und „Read Dead Redemption 2“ abgestimmt wurde? War es ein einstimmiges Ergebnis, oder gab es Abweichler, die für eine andere Freigabe waren?

Engelhard: Die Spiele „Battlefield V“ und Red Dead Redemption 2“ wurden in den Prüfgremien beide intensiv zwischen einer möglichen Freigabe ab 16 Jahren und einer Kennzeichnung mit „keine Jugendfreigabe“ diskutiert. Beide Spiele wurden im Regelverfahren gemäß § 13 der USK-Grundsätze entsprechend der einstimmigen Empfehlung der Jugendschutzsachverständigen gekennzeichnet.

Zu "Battlefield 5":

Im Singleplayer-Modus schlüpfen die Spielenden nach und nach in die Rolle von vier verschiedenen Menschen, die den 2. Weltkrieg an unterschiedlichen Handlungsorten und aus unterschiedlichen Perspektiven erlebt haben: einem britischen Marine, einem senegalesischen Soldaten der mit seinem Bruder auf französischer Seite in Italien kämpft, einem Panzerfahrer auf deutscher Seite und einer jungen norwegischen Widerstandskämpferin die ihre Mutter befreien will erzählt. All diese Geschichten werden in filmischen Zwischensequenzen eingeführt vermitteln den Spielenden einen kritischen Eindruck von der Grausamkeit des Krieges. Zum Erreichen der Missionsziele müssen gegnerische Spielfiguren mit verschiedenen Nahkampf- und Schusswaffen, die realen Vorbildern aus der Zeit des 2. Weltkrieges nachempfunden sind, ausgeschaltet werden. Auch Gefechte mit Panzern und Doppeldeckern sind zu absolvieren. Zivilisten kommen in dem Spiel nicht zu Schaden. Sowohl im Einzelspieler- als auch im Mehrspieler-Modus werden Treffer stets durch eine Bluttextur angezeigt, Wunden oder Verstümmelungen werden in dem Spiel nicht visualisiert. (Quelle: USK)

Zu „Read Dead Redemption 2“:

Das Spiel “Red Dead Redemption 2” ist ein Genremix aus verschiedenen Spielaufgaben in einem Wild-West-Setting. Die Spielstory beginnt im Jahr 1899, in dem sich das Zeitalter des Wilden Westens langsam dem Ende zuneigt. Die Spielerinnen und Spieler übernehmen die Rolle von Arthur Morgan, ein ambivalent gezeichnetes Mitglied einer Verbrecherbande und steuern diese wahlweise aus der 1st- oder 3rd-Person-Perspektive durch eine sehr detailliert und lebensecht gestaltete offene Spielwelt. Spielwelt und Missionen sind überaus umfangreich. Zusätzlich zu den Hauptmissionen kann der Protagonist einer Vielzahl an Nebenmissionen sowie friedlichen Nebenaktivitäten wie Pokern, Kinobesuchen, Einkäufen in Geschäften und anderen Minispielen nachgehen. Der Protagonist kann aber auch auf verschiedene Art und Weise Gewalt ausüben: Schießen, Schlagen, Treten, Hinterherschleifen, Inbrandsetzen von Spielfiguren durch Molotowcocktails, oder die Platzierung einer Spielfigur auf den Bahngleisen. Bei Schießereien werden einige Treffer in einer Slow-Motion-Nahaufnahme gezeigt. Auf am Boden liegende Charaktere kann weiterhin eingetreten werden (in den Bauch, auf den Kopf). Die Visualisierung der Gewalt erfolgt mit Bluttexturen, wobei Einschusslöcher, „Blutspritzer“, „Blutlachen" und Wunden, teils auch Knochen dargestellt werden. Bei Einsatz von Großkaliberwaffen oder im Nahkampf zeigt das Schadensmodell auch Verstümmelungen, sogenannte „Dismemberment-Effekte“. (Quelle: USK)

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