PS4-Spiel im Test

Ghost of Tsushima im Test: Wunderschöner, bittersüßer Abschied

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Der Samurai-Film zum Selbstspielen: Ghost of Tsushima ist der würdige Schlusspunkt unter der Geschichte der PS4-Exklusivspiele.

Die Ära der PS4 neigt sich ihrem Ende entgegen. Jetzt ist mit Ghost of Tsushima der letzte große Exklusivtitel erschienen, bevor im Spätherbst die PS5 auf den Markt kommt. Ist es ein würdiger Abschied?

Fragt man sich mit Blick auf die zu Ende gehende Konsolengeneration, warum die PS4 so viel erfolgreicher war als die XBox One, dann gibt es viele Gründe, die man nennen kann. Die desaströse Präsentation der XBox, die leichte technische Überlegenheit der PS4 zu Beginn - all das lässt sich ins Feld führen. Aber am Ende bewahrheitet sich einmal mehr die Binsenweisheit, dass Spiele Konsolen verkaufen. Exklusivspiele, die nur auf dieser einen Konsole erschienen sind. 

Ghost of Tsushima im Test: Warum die PS4 am Ende gegen die XBox gewonnen hat

Sony hatte das in den vergangenen Jahren verstanden, Microsoft offenbar nicht. Die systemverkaufenden Exklusivtitel von Microsoft lassen sich an einer Hand abzählen: Halo, Gears of war, Forza und Forza Horizon. Und die waren, obschon hervorragende Spiele, am Ende doch nur immergleiche Variationen und Fortsetzungen altbekannter Marken.

Sony gab indes Vollgas. Wieder und wieder erschienen fantastische Spiele und sorgten dafür, dass die PS4 bei den Hardware- (und dadurch bedingt auch bei den Softwareverkäufen) die XBox meilenweit hinter sich ließ. Man denke nur an Uncharted 4, God of War, an Horizon Zero Dawn, Days Gone oder, ganz aktuell, an The Last of Us 2

Nun ist gerade der letzte große Exklusivtitel der PS4-Ära erschienen - Ghost of Tsushima von Sucker Punch. Er tritt in große Fußstapfen, ihm obliegt es, den würdigen Schlusspunkt unter eine der erfolgreichsten Konsolengenerationen aller Zeiten zu setzen. Kann das gelingen?

Ghost of Tsushima im Test: Offene Welt mit fesselnder Story

Und ob. Selbst strukturell wird Ghost of Tsushima wie eine Hommage an die PS4-Zeit. Diese Konsolengeneration hatte als erste genügend Rechenpower, um offene Welten schön und belebt auf den Bildschirm zu zaubern. Eine Möglichkeit, von der zahllose Entwickler Gebrauch machten - und allzu oft daran scheiterten. Weil es zwar technisch leicht möglich ist, schöne, offene Welten darzustellen, weil man es aber auch umso schwerer ist, in diesen schönen Welten auch schöne Geschichten zu erzählen. Ghost of Tsushima zeigt, wie es geht.

Das Spiel nimmt sich ein historisch spannendes Setting - die Invasion der Mongolen auf der japanischen Insel Tsushima im Jahr 1294 - und erzählt die Geschichte des letzten Samurais, der die Schlacht von Komodo damals überlebt hat: Jin Sakai. Die Entwickler von Sucker Punch erliegen aber selbst bei der Story nicht der Versuchung, irgendetwas historisch überkorrekt darstellen zu wollen.

Ghost of Tsushima im Test: Liebe statt historischer und geografischer Präzision

Jin Sakai gab es nie, seinen damönischen Widersacher, den Anführer der Mongolen, Kothun Khan, auch nicht. Genauso schaut die Insel Tsushima in der Realität ganz anders aus. Aber das macht nichts. Denn Ghost of Tsushima soll gar keine Liebeserklärung an Geschichtsbücher sein, sondern eine an Samurai-Filme. Insbesondere an die Werke von Akira Kurosawa, der unter anderem den Klassiker „Die sieben Samurai“ inszenierte und damit nicht nur das Genre, sondern das Kino in Gänze nachhaltig prägte.

Ghost of Tsushima ist die Essenz der Ästhetik, die Kurosawa prägte. Sieht man, wie sich Jin Sakai im Duell mit einem Boss gegenübersteht, wie man sich belauert, dann wird einem klar, dass die klassischen Western alle von Kurosawa inspiriert waren. Das Spiel fängt das ganz wunderbar ein. Und sieht deswegen auch unfassbar cool aus. Apropos cool: Es ist absolut unverständlich, warum bisher noch niemand auf die Idee gekommen ist, ein wirklich aufwändiges Samurai-Spiel zu machen. Ghost of Tsushima ist unfassbar cool. Und wunderschön.

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Ghost of Tsushima im Test: Unfassbar cool, unglaublich schön

Denn genau, wie die Entwickler die Essenz von Kurosawas Filmschaffen (das sogar mit einem 4:3 Schwarzweißfilter geehrt wird, den beinharte Fans zuschalten können) in ihre Spiel packen, destillieren sie für die Spielwelt auch die gesamte Schönheit Japans und des Samuraifilms. Ghost of Tsushima ist eines der schönsten Spiele, die jemals erschienen sind. 

Nicht, weil jede kleinste Textur knackscharf ist (sind sie nicht) oder weil die Animationen butterweich und immer passend ablaufen (tun sie nicht). Nein, es ist einfach wunderschön. Die Spielwelt ist immens abwechslungsreich, hinter jeder Ecke wartet ein Augenöffner auf den Spieler.

Im Goldenen Wald segeln die gelben Blätter poetisch zu Boden, ein paar Minuten Ritt weiter steht man in einem lilafarbenen Blumenfeld, kurz darauf rieseln die Kirschblüten wie Schnee zu Boden. Das ist natürlich, rein logisch betrachtet, schon jahreszeitlich gesehen ein Schmarrn - aber es ist so schön, dass Logik keine Rolle spielt. 

Ghost of Tsushima im Test: Innerer Konflikt zwischen Ehre und Notwendigkeit

Die Geschichte von der Rückeroberung der Insel gewinnt jetzt nicht unbedingt einen Originalitätspreis, ist aber sehr schön erzählt. Insbesondere der innere Konflikt des Protagonisten, der immer wieder mit sich ringt, weil er den Pfad des ehrenhaften Samurais verlassen muss, um ehrenvolle Aufgaben höchst unehrenvoll, aber erfolgreich zu erledigen, ist fesselnd. Und auch die zahlreichen Nebencharaktere bringen viele schöne, meist sehr spannend und anrührend erzählte Geschichten mit.

Ghost of Tsushima ist ein schönes, aber zutiefst zwiespältiges Spiel. Da ist die bezaubernde Spielwelt, in der man kleinen Füchsen zu ihren Schreinen folgen kann, man in einem sehr schönen Mini-Spiel Haikus dichtet. Da ist aber auch der Krieg, der mit schonungsloser Brutalität dargestellt wird. Das Leben als Samurai ist ein blutiges Geschäft, die Altersfreigabe von USK18 mehr als angemessen.

Ghost of Tsushima im Test: Samuraischwertscharfes Kampfsystem

Und doch wirkt all die Brutalität nicht wie ein Bruch in der Spielwelt, sondern wie die andere Seite einer Medaille, wie der Schatten, der das Licht umso heller strahlen wird. Wozu sicher auch beiträgt, dass die Kämpfe eines der Highlights von Ghost of Tsushima sind. Über die gewohnten Erfahrungspunkte entwickelt man seinen Charakter immer weiter. Und alle angebotenen Erweiterungen sind sinnvoll und unterstützen einen Spielstil. 

Ob nun ehrenhafter Samurai oder heimtückischer Meuchelmörder - beides ist möglich und im Spielverlauf auch nötig, um ans Ziel zu kommen. Das Kampfsystem ist sehr komplex, aber nie unfair oder überfordernd. Statt dessen hat man beständig das Gefühl, besser zu werden - so soll es sein.

Abgerundet wird Ghost of Tsushima von einem fantastischen Soundtrack, der aus einem Samuraifilm stammen könnte und einer sehr guten deutschen Synchronisation.

Ghost of Tsushima im Test: Fazit

Ghost of Tsushima ist ein mehr als würdiger Schlusspunkt unter der Erfolgsgeschichte der PS4-Exklusivtitel. Es zeigt, dass sich offene Welten und fesselnde Geschichten nicht ausschließen müssen, kombiniert eine wunderschöne Insel mit fantastischen Kämpfen. Es setzt die ohnehin sehr hohe Latte für die Spiele auf der PS5 noch ein ganzes Stück höher. Ein Meisterwerk mit kleinen Schwächen bei KI und Technik, die aber am Ende nicht ins Gewicht fallen.

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