Umeswaran Arunagirinathan

Seehofer sollte seinem Gastredner gut zuhören, der als Flüchtling nach Deutschland kam

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Umeswaran Arunagirinathan bietet seinen Patienten an, ihn einfach Dr. Umes zu nennen. 

Umeswaran Arunagirinathan, den seine Patienten Dr. Umes nennen dürfen (ist einfacher), kam mit zwölf Jahren als unbegleiteter Kriegsflüchtling nach Deutschland. Er beschreibt, wie es sich anfühlt, ein „fremder Deutscher“ zu sein. Ausgerechnet Horst Seehofer lud ihn als Gastredner ein. 

Berlin - Umeswaran Arunagirinathan ist mit zwölf Jahren als unbegleiteter Bürgerkriegsflüchtling von Sri Lanka nach Deutschland gekommen, seine Flucht mit mehr als 200 weiteren Tamilen dauerte acht Monate. „Meine Mutter konnte nicht Google fragen, wer die besten Schlepper waren. Sie fragte andere Eltern und vertraute ihnen“, erzählt Arunagirinathan. Da seine Eltern eine Tochter verloren hatten, weil die Ärzte ihre Krankheit nicht erkannt und behandelt haben, wollten sie, dass die anderen vier Kinder in Sicherheit lebten. Das, was Arunagirinathan in den acht Monaten erlebt hat, war „lange nicht so schlimm, wie das, was ich im Krieg erlebte.“

Sein Onkel in Hamburg nahm ihn auf. Umeswaran Arunagirinathan war ein geduldeter Kinderflüchtling, dem kurz vor dem Abi die Abschiebung drohte. „Das war sehr schmerzhaft, der Bescheid überforderte mich. Man wollte mir meine neuen Wurzeln wieder rausreißen. Ich stand im elften Stock und wollte springen“, erinnert sich Arunagirinathan. Er habe aus dem Gefühl, am Tiefpunkt zu sein und die Kontrolle über sich zu verlieren, viel gelernt. Seine Lehrer sammelten Geld für die Anwaltskosten, er wurde später deutscher Staatsbürger („Ich wollte die Anerkennung“) und angehender Herzchirurg. Es ist die Geschichte einer gelungenen Integration in Deutschland. Seine Schwester ist heute Kanadierin, die andere Engländerin, sein Bruder Amerikaner. Die Eltern blieben in Sri Lanka, der Vater ist inzwischen tot.

Das, was er in den acht Monaten auf der Flucht erlebt hat, war „lange nicht so schlimm, wie das, was ich im Krieg erlebte.“ 

Arunagirinathan schätzt, dass ihm in 20, 30 Jahren nicht mehr die Frage gestellt werden würde: „Woher kommst du richtig her?“ Aber dafür brauche es mehr Geschichten wie seine, die verbreitet werden: „Wir müssen den Dialog fördern. Damit sich Menschen, die jetzt herkommen, in 20, 30 Jahren nicht mehr fremd fühlen müssen.“ 

Seine Mama soll über ihn gesagt haben: „Schau dich an, du bist ein Mangobäumchen und das kann niemals eine deutsche Eiche sein. Aber das Mangobäumchen existiert, wenn es in Deutschland Wurzeln schlägt, deutsches Wasser, deutsche Erde bekommt.“ 

Manche Menschen geben ihm das Gefühl, fremd zu sein, obwohl er sich nicht so fühlt

Er selbst fühle sich längst nicht mehr fremd in diesem Land, doch es gibt Menschen, die ihm das Gefühl geben, fremd zu sein. Indem diese Menschen zum Beispiel erstaunt kommentieren: „Oh, Sie sprechen aber gut deutsch.“ Oder diese Menschen reden ihn in abgehackter Sprache an und sagen dann entschuldigend: „Oh, ich dachte, du bist Asylant und sprichst unsere Sprache nicht.“ Alltagsrassismus lächelt Arunagirinathan weg. „Es ist unangenehm und nervig, aber ich möchte jedem, der das erlebt, sagen: Nimm‘ es nicht persönlich. Reagiere nicht beleidigt, sondern noch freundlicher.“

Seinen Patienten bietet Umeswaran Arunagirinathan an, ihn einfachheitshalber Dr. Umes zu nennen. Er hofft, dass er im nächsten Jahr die Ausbildung abgeschlossen hat. „Ich habe 70-Stunden-Wochen, sage mir aber: Umes, halt die Klappe. Sei froh, dass du einen Job hast.“ Nebenbei reist Dr. Umes in diesem Jahr zu insgesamt 60 Lesungen. Sein Engagement hat einen wichtigen persönlichen Grund: „Ich möchte der Gesellschaft nicht nur angehören, sondern sie mitgestalten.“ Man müsse die Menschen dazu kriegen, miteinander zu reden. Nicht zwingend über Integration. Der Dialog brauche nicht tiefgründig zu sein, manchmal reichten schon Gesten, ein Lächeln zum Beispiel. Hauptsache, die Menschen interessieren sich füreinander, sagt der Buchautor. 

Darum nimmt Umeswaran Arunagirinathan ausgerechnet Seehofers Einladung an

Der 20. Juni ist ein Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung. Innenminister Horst Seehofer (CSU) hatte Umeswaran Arunagirinathan persönlich als Gastredner eingeladen. Ausgerechnet Seehofer. (Lesen Sie den Nachrichten-Ticker zum Asyl-Streit zwischen der CSU und der CDU.) Arunagirinathan gibt zu, dass ihn Seehofers persönliches Schreiben „etwas irritiert“ habe, „weil man seine Meinung aus der Presse kennt.“ 

Arunagirinathan diskutierte mit seinem Verlag, ob er hingehen oder die Einladung ablehnen sollte. Am Ende setzte sich der Buchautor durch: „Seehofer braucht das. Er ist immer noch vorurteilshaft. Ihm fehlt das Verständnis“, argumentiert Arunagirinathan. Er wolle daher „die Bühne nutzen und eine von vielen Geschichten geflüchteter Menschen erzählen.“ Nämlich seine eigene. Er freue sich über die Chance, den Dialog zwischen Seehofer und Menschen, die Flüchtlinge waren, zu eröffnen. „Ob Seehofer wirklich darauf eingeht, ist seine Sache, aber ich hoffe es.“

Am Mittwochvormittag (20. Juni) hatte Welt.de gemeldet, Seehofer würde doch nicht zu der Gedenkfeier kommen. Er hätte seine eigene Rede aus terminlichen Gründen abgesagt. Das stellte sich als Falschmeldung heraus. Sehen Sie Seehofers Rede bei der Gedenkfeier im Deutschen Historischen Museum:

Video: Arzt und Autor Arunagirinathan hält seine Rede vor Seehofer und Merkel

Nach Arunagirinathans Rede, die nur zehn Minuten kurz sein durfte und  „leider zensiert“ wurde („Ich werde meine Kritik indirekt verpacken, das wurde nicht herausgestrichen.“), sprach Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Hier gelangen Sie zum Programm des Gedenktags für die Opfer von Flucht und Vertreibung

Lesen Sie einen Auszug aus Umeswaran Arunagirinathans Buch „Der fremde Deutsche“

„Ich stand vor Zimmer 513, die zuständige Pflegerin sprach mich etwas zögerlich an: Es sei vielleicht besser, wenn ein Kollege die Visite übernehmen würde. Es war ihr sichtlich unangenehm. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte, und wollte wissen, was los sei. Sie rückte dann damit heraus, dass der Patient Herr Claussen sich darüber beschwert habe, dass er von einem Schwarzen behandelt werde, der nicht einmal ein richtiger Arzt der Klinik sei. Die Ehefrau des Patienten habe auch schon auf der Station angerufen und gefragt, ob tatsächlich ein Schwarzer als Arzt in der Klinik arbeite. Das überraschte mich sehr, denn bei der Visite am Tag zuvor war mir an Herrn Claussens Verhalten nichts Besonderes aufgefallen. Wie üblich hatte ich das Zimmer mit den Worten "Moin Moin, ihr Lieben" betreten und mich bei jedem Patienten nach seinem Befinden erkundigt. Als ich Herrn Claussen fragte, schaute er aus dem Fenster und sagte nichts. Ich war davon ausgegangen, dass der 80-jährige Patient nach einer schweren Bypass-Operation noch nicht in der Lage war, meine Frage zu beantworten. 

Dass sein Verhalten gegen mich gerichtet war, schmerzte mich, aber ich sagte zu meiner Kollegin von der Pflege: "Es ist mir egal, ob er ein Nazi oder ein Krimineller ist oder welche Vorurteile er mir gegenüber hat. Er ist mein Patient, und ich werde ihn weiter behandeln." 

Die Beschwerde seiner Ehefrau hatte sich schnell in der Klinik herumgesprochen. Mein Chef regte sich über den Patienten auf und sagte, dass er ihn jederzeit in eine andere Klinik verlegen könne. Ich bestand darauf, dass er mein Patient sei und ich ihn weiter behandeln möchte, es sei denn, er wolle freiwillig die Klinik verlassen. 

Ich erinnerte mich an eine ähnliche Situation, als ich auf der Überwachungsstation während meines Nachtdienstes nach einem Patienten gesehen hatte, der wegen einer Herzschwäche mit vielen Medikamenten behandelt wurde. Ich wollte sichergehen, dass sein Zustand stabil war, und ich keine weiteren Maßnahmen ergreifen musste. 

„Der fremde Deutsche“ ist die Geschichte der gelungenen Integration eines tamilischen Kriegsflüchtlings, der mit zwölf Jahren unbegleitet nach Deutschland kam.

Am nächsten Tag beschwerte sich der Patient bei der Visite des Stationsarztes, dass in der Nacht ein pakistanischer Flüchtling in sein Zimmer gekommen sei und sich als Arzt ausgegeben habe. Mein Kollege ärgerte sich über den Patienten und gab dessen Äußerung an den Chefarzt weiter. Der Chef sagte dem Patienten während seiner Visite so ganz nebenbei: "Bitte wundern Sie sich nicht, dass in unserer Klinik pakistanische Flüchtlinge als Ärzte tätig sind. Das sind übrigens die besten, die wir haben", und verließ das Patientenzimmer. Mein Kollege, der dabei war, erzählte mir die Geschichte, und wir amüsierten uns sehr darüber.

[...]

Während ich noch vor dem Patientenzimmer 527 mit dem Visitenwagen stand und die nächste elektronische Akte studierte, klopfte mir plötzlich Herr Claussen, der auf seinen Transport zur Reha-Klinik wartete, auf die Schulter. Als ich mich umdrehte, sagte er: "Du bist ein guter Junge", und schaute mich freundlich an. Das war eines meiner schönsten Erlebnisse im Krankenhaus. Der Mensch ist bis zum letzten Atemzug in der Lage, etwas dazuzulernen. Es wäre unvernünftig gewesen, Herrn Claussen in die Schublade mit der Aufschrift "Rassist" zu packen. Es wäre auch verständlich gewesen, wenn ich ihn nicht weiter behandelt hätte. Das vernünftige Verhalten war genau das, was ich getan habe. Auf jemanden, der aus Vorurteilen von dir Abstand nimmt, zuzugehen. Vermutlich hatte Herr Claussen zuvor nie die Gelegenheit, einen Dunkelhäutigen kennenzulernen. Vielleicht begegnet er in der Zukunft einem Dunkelhäutigen anders als bisher. Vielleicht habe ich mit meinem Verhalten einem achtzigjährigen Mann die Chance gegeben, nicht als Rassist zu sterben. Ich halte es für wichtig, mit dem Andersdenkenden in einen Dialog zu kommen, auch wenn es viel Energie und Geduld kostet. Wenn wir die nicht investieren, ändern wir niemanden. Mit unserer Hilfe haben sie vielleicht die Möglichkeit, über ihren eigenen Schatten zu springen, jeden Menschen als Menschen zu sehen und keine Unterschiede zu machen. Der Fremde bleibt nur solange fremd, wie er sich als Fremder fühlt und von der Gesellschaft als Fremder wahrgenommen wird.“

Der Gastbeitrag ist ein Auszug aus dem Buch „Der fremde Deutsche. Leben zwischen den Kulturen“ von Umeswaran Arunagirinathan. (erschienen im Konkret Literatur Verlag, 144 Seiten, 12,50 Euro). Außerdem schrieb Dr. Umes das Buch „Allein auf der Flucht. Wie ein tamilischer Junge nach Deutschland kam“ (137 Seiten, 12,50 Euro), das im selben Verlag erschien. 

TV-Beitrag des Bayerischen Rundfunks über Dr. Umes:

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sah 

Hinweis: Die Zitate von Umeswaran Arunagirinathan stammen aus einem Interview der Autorin für das Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerk sowieso aus einem Interview in der NDR-Talkshow „DAS! Gäste auf dem Roten Sofa“.

*tz.de und Merkur.de gehören zum deutschlandweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerk. 

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