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„Kein Kriegsverbrecher“: AfD-Mann Chrupalla empört Gäste bei Lanz mit Putin-Aussage

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Markus Lanz im Gespräch mit Tino Chrupalla (AfD).
Markus Lanz im Gespräch mit Tino Chrupalla (AfD). © Markus Hertrich/ZDF

„Markus Lanz“ bietet AfD-Fraktionschef Chrupalla eine Bühne, auf der er Verständnis für russische Positionen im Ukraine-Krieg äußert.

Hamburg – AfD-Politiker Tino Chrupalla bekommt am Dienstagabend bei „Markus Lanz“ eine Bühne geboten, auf der er Positionen vertreten darf, „die nach Sarah Wagenknecht klingen, aber AfD sind“, wie der Moderator selbst feststellt. Doch zu Beginn der Sendung erklärt Sicherheitsexpertin Claudia Major zu schrecklichen Bildern blutüberströmter Menschen in Kiew, dass Russland mit einem „Entvölkerungs- und Vernichtungskrieg“ die Ukraine zu einem Diktatfrieden bewegen wolle.  

AfD-Politiker Chrupalla bei „Markus Lanz“: Schuld am Krieg sei auch der Westen 

Das Kriegsthema ist damit ohne viel Vorgeplänkel eröffnet und Chrupalla der Meinung, dass Russland deshalb so brutal in der Ukraine zuschlage, weil „jede Reaktion eine Gegenreaktion“ provoziere. Weil etwa das ukrainische Militär die Krim-Brücke zerstört habe, reagiere Russland auf ukrainische Angriffe auf eigenem Territorium. Um dieses Aufwiegeln nicht zu verlängern, seien diplomatische Lösungen, ein Waffenstillstand und Friedensgespräche angezeigt. 

Gastgeber Markus Lanz moniert in Chrupallas Aussagen „etwas Relativierendes“. Der weist die Kritik zwar von sich, sagt aber: „Der Krieg hat mehrere Väter und die Ursachen sind auch im Westen zu suchen.“ Major widerspricht Chrupalla, die Krim sei völkerrechtswidrig annektiert worden, weshalb es sich einerseits um ukrainisches Territorium handele und andererseits Bilder von Raketen auf russische zivile Infrastruktur nicht existieren. Es sei außerdem „eine Binse, nach Friedensverhandlungen zu rufen“, schließlich werde seit 2014 erfolglos mit Russland verhandelt. 

Chaotische Debatte bei „Markus Lanz“ - Chrupalla über Putin: „Für mich ist er kein Kriegsverbrecher“ 

Nachdem Major auf die zahlreichen Berichte über russische Kriegsverbrechen verweist, möchte Talkmaster Lanz von Chrupalla wissen, ob Russlands Präsident Wladimir Putin für ihn ein Kriegsverbrecher sei. Der AfD-Mann wirkt angefasst und sagt nach einem kurzen Hin-und-Her mit Lanz: „Für mich ist er kein Kriegsverbrecher.“ Der Moderator fragt mit für seine Verhältnisse bemerkenswerter Gelassenheit, warum Chrupalla das nicht so sehe. Die Antwort: Es sei nicht seine Aufgabe, zu beurteilen, was ein Kriegsverbrechen sei und was nicht – dies hätten Gerichte nach dem Krieg zu beurteilen. 

Tino Chrupalla (AfD) stößt bei Sicherheitsexpertin Claudia Major auf Unverständnis.
Tino Chrupalla (AfD) stößt bei Sicherheitsexpertin Claudia Major auf Unverständnis. © Markus Hertrich/ZDF

Dass Chrupalla unmittelbar danach jedoch den ehemaligen US-Präsident George W. Bush für den Irak-Krieg als Kriegsverbrecher bezeichnet, obwohl dieser nicht von Gerichten schuldig gesprochen wurde, entzieht sich auch der Logik von Markus Lanz. Ungläubig fragt der Gastgeber: „Sie wären jederzeit bereit, mit mir darüber zu diskutieren, ob Bush ein Kriegsverbrecher ist, aber bei Wladimir Putin nicht?“ Chrupalla lenkt ein, er sei schon dazu bereit, „aber fangen wir doch erst einmal damit an, was in der Vergangenheit passiert ist. Warum wurden diese Dinge nicht aufgeklärt?“ 

AfD-Mann Chrupalla stößt in der „Markus Lanz“-Runde mit seinen Positionen auf wenig Verständnis 

„Das würde ja bedeuten, dass Großmächte, die schwer zu verurteilen sind, nie Kriegsverbrechen begehen, weil man ihre Führer nie vor ein Gericht stellen kann. Das ist ja ein Zirkelschluss“, urteilt der Soziologe Gerald Knaus über Chrupallas Argumente. Knaus spricht sich für ein „Tribunal neben dem internationalen Strafgerichtshof“ aus, das darüber befinden solle, ob es sich bei Russlands Krieg in der Ukraine um einen Angriffskrieg handele und ihn dadurch als solchen für illegal erklären könne. 

Für Chrupallas Aussagen fehlt Knaus jedes Verständnis. Es sei nicht zu begreifen, wie man in Frage stellen könne, ob Putin, der seit Monaten in der russischen Öffentlichkeit die Vernichtung der Ukraine propagiere und den Stalinismus wiederaufleben lassen wolle, mit dem Überfall auf die Ukraine ein Kriegsverbrechen begehe. Talkmaster Lanz versucht, Chrupalla wenigstens zu einem Bekenntnis zum Völkerrecht zu bewegen, doch auch das lehnt der AfD-Politiker in der sich aufheizenden Stimmung ab. „Wer macht denn das Völkerrecht?“, stellt Chrupalla die Gegenfrage, was den Gastgeber zu einem Vortrag über das Helsinki-Abkommen bewegt, das auch die Russen vor dem Hintergrund der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs unterschrieben hätten. Lanz: „Zählt das alles nicht mehr?“ 

„Markus Lanz“ - das waren seine Gäste am 29. November 

„Natürlich zählt das noch“, sagt Chrupalla und fügt an: „Aber man kann den Zweiten Weltkrieg nicht mit diesem Krieg vergleichen.“ Vielmehr sei zu bedenken, dass man es mit einer Atommacht und deren legitimen Sicherheitsinteressen zu tun habe, die bereits mit dem Einsatz von Atomwaffen gedroht habe. Außerdem sei die Rolle der USA nicht zu vernachlässigen, wobei dem Sohn von US-Präsident Joe Biden eine „Schlüsselrolle“ zukomme.  

Lanz sagt, er würde Chrupalla gerne ernst nehmen, statt raunenden Narrativen nachzugehen, die „im Keller einer Pizzeria in Washington und Hillary Clinton und so“ münden. So konkret wie möglich fragt er Chrupalla, welche Rolle Hunter Biden im Ukraine-Krieg zuteilwerde. „Keine gute“, antwortet dieser weiter vage und versichert, dass „die Wahrheit ans Licht“ komme. Für den Moment hat der AfD-Politiker jedoch nicht mehr zu bieten als eine Vermutung: „Und eine Vermutung, die ich nicht weiß, äußere ich nicht.“ 

Chrupallas steile Thesen bei „Markus Lanz“: Hunter Biden, Nord Stream 2, Sozialtourismus 

Eine Vermutung, mit der sich Chrupalla direkt im Anschluss weniger schwertut, ist die, dass Amerika die Pipeline Nord Stream 2 zerstört habe. Die Ostsee sei das am besten überwachte Binnengewässer und man wisse, wer es gewesen sei. „Qui bono?“, fragt Chrupalla und behauptet, die USA hätten eine vergleichsweise niedrige Inflation und könnten Deutschland dank des Krieges überteuertes LNG-Gas verkaufen. Der Bundesregierung wirft er ein „lautes Schweigen“ vor, sie mauere bei der Aufarbeitung, wer den Anschlag auf „unsere Infrastruktur“ durchgeführt habe. An dem Vorgang sei zu sehen, dass Deutschland im Westen „eben nicht nur Freunde“ habe. 

Nachdem Chrupalla außerdem von „Pull-Effekten“ spricht, zu denen er zwar keine Zahlen habe, die aber dennoch ukrainische Flüchtlinge zu „Sozialtourismus“ in Deutschland ermutigen, versucht es Knaus nach einem Seitenhieb mit nüchternen Fakten: „Obwohl ich das Gefühl habe, dass nicht jedem in der Runde die Fakten gleich wichtig sind.“ Der Soziologe zählt auf, wie viele ukrainische Geflüchtete von welchen Ländern aufgenommen worden seien und rechnet vor, dass Deutschland „pro Kopf“ nicht mehr Menschen aufnehme als Tschechien, Polen oder die baltischen Staaten. Sein Befund: „Die Vorstellung, die Ukrainerinnen kommen nach Europa und suchen sich aus, wo sie mehr Geld bekommen, ist absurd. Das zeigen die Zahlen.“ 

„Markus Lanz“ - Das Fazit der Sendung 

Bei „Markus Lanz“ macht der Politiker Tino Chrupalla (AfD) greifbar, warum er und seine Partei eine politische Minderheit in Deutschland vertreten. Bei größtenteils sachlichen Nachfragen von Talkmaster Markus Lanz weicht Chrupalla aus, springt zum nächsten Thema oder stellt Gegenfragen. Ein echtes Gespräch kommt dadurch bestenfalls punktuell zustande. Weil auch die Argumente der Sicherheitsexpertin Claudia Major, der Journalistin Eva Quadbeck und des Soziologen Gerald Knaus an ihm abprallen, wird deutlich, dass es Chrupalla mehr darum zu gehen scheint, seine Klientel vor den TV-Geräten anzusprechen als sich einer inhaltlichen Debatte zu stellen. (Hermann Racke)

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