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Weltkriegs-Waffen hier, kalte Häuser dort: Russland und Ukraine bereiten sich auf harten Winter vor

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Von: Franziska Schwarz

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Ukraine-Krieg: Ein ukrainischer Kämpfer feuert in der Region Charkiw eine Trägerrakete ab
Aufnahme vom 26. Oktober: Ein ukrainischer Kämpfer feuert in der Region Charkiw eine Trägerrakete ab. © Sergey Bobok/AFP

Winter und Kälte werden das Leid der Ukraine im Krieg erhöhen. Experten sehen Entbehrungen auch auf die russischen Angreifer zukommen.

Kiew/München - Der Winter wird die Lage im Ukraine-Krieg verschärfen. Die Regierung in Kiew appelliert bereits an geflüchtete Ukrainer, nicht ins Land heimzukehren. Die Invasionsarmee von Wladimir Putin bemüht sich unterdessen mit aller Macht, eroberte Gebiete zu sichern - teils mit hoffnungslos veraltetem Gerät.

Nach einer Einschätzung des britischen Geheimdienstes vom Sonntag (23. Oktober) bereitet Russland mit großem Aufwand die Abwehr weiterer ukrainischer Gegenoffensiven vor. Nach Spiegel-Informationen allerdings mit allem, „was sie in ihren Lagerhallen finden können“. Als Beispiele nennt das Magazin Helme und Gewehre „aus Zeiten des Zweiten Weltkriegs“ sowie die D-1-Haubitze aus Sowjetzeiten. Auch mit ihr seien Kämpfer gesichtet worden.

Ukraine-News: Russland mit „Techniken vom Anfang des 20. Jahrhunderts“

Der Chef der berüchtigten Söldnertruppe „Wagner“, Jewgeni Prigoschin, hatte laut den Geheimdienstlern Mitte Oktober online angekündigt, mit seinen Teams eine abgesicherte „Wagner-Linie“ aufzubauen, um die besetzte Region Luhansk zu verteidigen. Dazu gehören auch Panzerabwehrsysteme und Gräben.

Doch für die Verteidigungsanlagen setzen die Russen laut Spiegel auf „Techniken vom Anfang des 20. Jahrhunderts“, so etwa sogenannte Drachenzähne. Dabei handelt es sich um Panzersperren aus Beton. Diese wirkten „an einigen Stellen nicht ordentlich befestigt“, zitiert das Magazin den Militärexperten Ed Arnold. Er arbeitet am britischen Thinktank Royal United Services Institute. 

Ukraine: Russen errichten „Bollwerk“ an „Grenze“ besetzter Gebiete

Auch ein weiterer westlicher Thinktank, das Institute for the Study of War (ISW), sieht die russischen Truppen in teils desolatem Zustand. Großer Anlass für Hoffnungen sollte das wohl nicht sein. Denn die russischen Armeeingenieure seien in Sachen Verteidigungsanlagen den Ukrainern überlegen, sagte ein ukrainischer Kommandant in Charkiw Ende September Spiegel-Reportern. An der Grenze zur russischen Region Belgorod sprach er gar von einem „Bollwerk“.

Das ISW wandte sich in seinem Lagebericht vom Donnerstag (27. Oktober) übrigens direkt an „Wagner“-Chef Prigoschin. Der hatte nach Berichten über eine Konfrontation mit Putin gewitzelt, das ISW informiere sich wohl bei seiner verstorbenen Schwiegermutter über ihn. Das US-Institut betonte nun, für seine Lageberichte „in großem Umfang“ öffentlich zugängliche Quellen auszuwerten.

Ukraine-News: Psychologische Kriegsführung gegen die russischen Angreifer

Eine weitere Anekdote, über die der Spiegel berichtete, illustriert, welche Mittel die Ukraine auffährt. Einheiten warfen demnach mit Drohnen Flugblätter über besetzten Gebieten ab. Auf einem solchen sei ein russischer Armeeingenieur mit Klarnamen, Dienstgrad und seiner Einheit genannt worden, ein Foto zeigte ihn überdies mit Partnerin und Kind, alles offenbar Infos aus sozialen Netzwerken. „Wir wissen, dass deine Frau und dein Sohn zu Hause auf dich warten, und wir wollen dir helfen, zu ihnen zurückzukommen“, übersetzte das Nachrichtenmagazin den Flugblatt-Text aus dem Russischen.

Ukraine-Krieg: Kiew warnt Einwohner vor der Rückkehr im Winter

Das ISW wiederum schätzte die jüngsten massiven Angriffe auf ukrainische Zivilisten als nicht zielführend für die russische Seite ein. Es sei „außerordentlich unwahrscheinlich“, dass sie den Kampfeswillen der Ukrainer brechen würden, schrieben die Militärexperten in ihrem Lagebericht vom 23. Oktober. Der kommende Winter samt Kälte werde das Leid der Bevölkerung allerdings nochmals vergrößern und eine ökonomische und humanitäre Herausforderung für das Land bedeuten. Das ISW geht davon aus, dass die Russen in den vergangenen Wochen etwa ein Drittel der ukrainischen Infrastruktur zerstört haben.

Wegen der Kriegsschäden an Strom- und Wärmeversorgung bat Kiew nun Geflüchtete, erst im Frühjahr zurückzukehren. „Wenn sich die Möglichkeit bietet, bleiben Sie und verbringen Sie den Winter im Ausland!“, sagte Vizeregierungschefin Iryna Wereschtschuk am Dienstag (25. Oktober) im landesweiten Fernsehen.

Die Energiesysteme seien instabil. „Sie sehen, was Russland tut, jeder sieht es. Sie selbst, Ihre Kinder, alle ihre schutzbedürftigen Verwandten, die krank, mobilitätseingeschränkt oder älter sind“, sagte Wereschtschuk. „Wir müssen diesen Winter überleben.“ Im kommenden Frühjahr freue sie sich aber auf viele Heimkehrer, um Zerstörtes wieder aufzubauen und die Kinder auf ukrainische Schulen zu schicken. (frs mit Material von dpa)

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