ZDF-Doku enthüllt

So drücken sich Krankenkassen um Kosten - und kassieren ab

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Eine ZDF-Doku enthüllt: Krankenkassen wenden einige Tricks an, um mehr Geld zu erwirtschaften.

Die gesetzlichen Krankenkassen kämpfen mit harten Bandagen gegeneinander ums Geld. Bleibt die Gesundheit des Patienten dabei auf der Strecke?

"Teuer, unsinnig, patientenfreundlich? Wie die Kassen unser Geld verschwenden" – so hart klingt der Titel der ZDFzoom-Reportage vom vergangenen Mittwochabend (10.08., 23.45 Uhr). Das Thema: der Wettbewerb unter den 113 gesetzlichen Krankenkassen.

ZDF Doku: Krankenkassen tricksen für mehr Geld

Die Doku beleuchtet, wie die gesetzlichen Krankenkassen statt an den Patienten an erster Stelle nur an den eigenen Profit zu denken scheinen. So machte der Reporter den Test: Er, jung und kerngesund, kostet seinen Hausarzt keine 28 Euro pro Behandlung im Quartal – während aber die gesetzliche Krankenkasse vom Versicherten im selben Zeitfenster 900 Euro einkassiert.

Das Fazit des Hausarztes: "Meiner Meinung nach steht der Patient schon lange nicht mehr im Fokus der Krankenkassen." Doch anstatt mit dem überschüssigen Gewinn die Patientenversorgung aufzustocken, müssen manche Versicherte um Kostenzuschüsse oder -übernahmen geradezu betteln.

So auch die 22-jährige Jana-Alina Kornfeld aus Röttgesbüttel. Die junge Frau ist von Geburt an blind – und wünscht sich nichts Sehnlicheres, als ein mobiles Musikgerät namens Daisy Player speziell für Personen ohne Sehvermögen. Dieser kostet allerdings 460 Euro. Zu viel für ihre alleinerziehende Mutter – doch die Krankenkasse will nicht zahlen.

Betroffenen Patienten berichten: Jahrelanger Kampf um Kostenübernahme

Der Grund dafür: Jana-Alina hätte bereits ein stationäres Lesegerät zuhause, einen PC für Blinde. Seit eineinhalb Jahren streiten sich die Kornfelds bereits mit ihrer Kasse – erst nach Einschalten der Reporter-Teams gibt Letztere schließlich nach. Der Sozialverband in Hannover hat Jana-Alina rechtlich unterstützt – und bestätigt, dass viele gesetzliche Krankenkassen Fälle wegen angeblicher zu hoher Kosten ablehnen würden.

Das Pikante daran: Die Krankenkassen sollen aber in Geld schwimmen – und unglaubliche 16,7 Milliarden Euro Rücklagen haben. "Wir haben ganz oft das Gefühl, dass Krankenkassen nur noch die Wirtschaftlichkeit, das Geld und die Kosten im Blick haben und darüber hinaus einfach die Interessen ihrer Mitglieder völlig aus den Augen verlieren."

Es scheint fast so, als würde das Geld lieber für wichtigere Dinge ausgegeben, wie Werbemittel. Präventionskurse wie Hatha Yoga zur Stressbewältigung sollen neue und vor allem junge Mitglieder anlocken. Die Kosten dafür werden wiederum meist von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.

Gesundheitsexperte Wolfgang Wodarg sieht das kritisch. 1992 durften Versicherte erstmals ihre Krankenkasse selber wählen – doch anstatt, dass die für die Patienten besten gesetzlichen Krankenkassen übrig blieben, haben sich diejenigen gehalten, die am cleversten gewirtschaftet haben.

Gesetzliche Krankenkassen schwimmen in Geld - geben aber ihren Mitgliedern nichts ab?

Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen hält dagegen – so führen die Krankenkassen nur die Vorgaben der Politik aus. Doch Tatsache ist, dass seit 2008 die Zahl der Krankenkassen sinkt, die Zahl der Mitarbeiter und auch die Verwaltungsausgaben weiter ansteigen. Das kommt den Versicherten allerdings teuer zu stehen.

Zusätzliche Leistungen sind dafür allerdings nicht zu erwarten. Stattdessen müssen Patienten oft wochenlang auf einen Termin beim Arzt warten – und dann darf dieser auch nur 15 bis 20 Minuten pro Patient aufwenden. Auch hier ist der Grund: So wenig Kosten wie möglich. Der Morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich sollte das System endlich ausgleichen und den Wettbewerbungsdruck unter den Kassen entschärfen – hierbei sollten die gesetzliche Krankenkassen Extra-Geld für ernste Krankheitsfälle erhalten.

Das Alter und das Geschlecht spielen eine wesentliche Rolle. Aber auch, wenn ein Versicherter unter einer der 80 ausgewählten, vom Morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich ausgeglichenen Krankheiten leidet, wie zum Beispiel Asthma, Diabetes oder Rheuma.

Morbiditätsorientierter Risikostrukturausgleich: Krassere Diagnosen - Patient leidet, Krankenkassen kassieren?  

Der Morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich, auch kurz Morbi-RSA genannt, ist eine Art Subvention vom Fiskus für die Krankenkassen. Er ist am 1. Januar 2009 in Kraft getreten.

Der Morbi-RSA beeinflusst Geldzuschüsse aus dem Gesundheitsfonds an die gesetzlichen Krankenversicherungen.

Er orientiert sich am Krankheitszustand, dem Geschlecht und der Morbidität des Versicherten. Ziel soll es sein, die Versorgung Kranker zu gewährleisten und zu verbessern.   

Das heißt also: Je schwerer also die Krankheit, desto mehr wird pro Patient zusätzlich vom Staat bezuschusst. Am Ende spart die Krankenkasse auch noch, wenn sie die damit verbundenen Therapie-Kosten klein hält.

Ein weiteres Problem: So gibt es außerdem Anreize für die Kasse, Patienten kränker zu machen – um so am Ende mehr Geld zu kassieren. So wird aus der Diagnose leicht schon mal eine schwere Depression, was bereits einen Unterschied von 516 Euro ausmacht.

"Die größten Baustellen liegen in der Krankheitsauswahl. Wenn die Krankheitsauswahl sehr breit gestellt ist, ist es auch denkbar, dass man aus einer leichten Bluthochdrucks-Situation eine schwere codiert, das heißt, manche Kassen haben versucht, durch ganz bestimmte Verträge bei den Ärzten ein Verständnis dafür zu erzielen, dass eben auch schwerere Krankheiten codiert werden, weil dann auch mehr Geld fließt. Das heißt, man hat versucht, zu manipulieren", so Gesundheitsökonom Prof. Dr. Glaeske.

Zum Leidwesen der Patienten. Schließlich wird mit ihrem Vertrauen gespielt und ihnen jahrelang eingeredet, kränker zu sein als sie eigentlich sind.

Dass Krankenkassen versuchen, mit falschen Diagnosen mehr Geld zu ergattern, ist länger bekannt. Erfahren Sie hier mehr dazu.

Auch interessant: Stiftung Warentest verrät Ihnen, wie die Kasse Ihre Brust-OP übernimmt.

jp

Krankenkassen: Selbstzahler-Leistungen bringen meist nichts

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