Raumpsychologe im Interview

Welche Probleme beim Leben im offenen Wohnraum auftauchen

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Ein großer Wohnraum ohne abtrennende Wände und Türen vereint alle Familienmitglieder. Fehlende Rückzugsorte können aber auch ein Nachteil sein.

Die Idee verspricht auf dem Bauplan ein schönes Zusammenleben: Alle Räume gehen ineinander über, die Familie lebt ohne geschlossene Türen zusammen. Dies hat auch Nachteile.

München  - Eine zum übrigen Wohnraum hin offene Küche ist mittlerweile bei Neubauten Standard. Auch bei Umbauten werden gerne Wände herausgerissen.

In der Werbung wirkt das wunderschön: Die ganze Familie lebt ohne Einschränkungen durch Türen und Wände fröhlich und harmonisch zusammen - und rückt unweigerlich näher zusammen. Doch vielen wird nach dem Bau erst bewusst: Die Nähe kann auf Dauer problematisch sein. Raumpsychologe Uwe Linke aus München erklärt das im Interview.

Verändert der offene Grundriss das Zusammenleben?

Uwe Linke: Der Vorteil ist, dass sehr großzügige Grundrisse entstehen können. Doch oft fehlen dadurch Rückzugsbereiche. Es mag vielleicht beim Küchenbereich nicht so offensichtlich sein, aber die Küche ist immer auch der Ort, an dem intime Gespräche stattfinden, die in offenen Bereichen nicht möglich sind.

Inwiefern ist der Verlust des Rückzugsortes ein Problem?

Uwe Linke: Unser Leben ist gläsern geworden, weil wir zum Beispiel über das Internet viel preisgeben. Aber wir sind uns inzwischen auch bewusst, dass es notwendig ist, uns vor allzu großer Öffentlichkeit zu schützen. Nicht, weil wir etwas zu verbergen hätten, sondern weil Intimsphäre grundsätzlich wichtig ist. Das sollte sich im Zusammenleben auch in der Gestaltung von Grundrissen widerspiegeln.

Kann das Zusammenleben im offenen Raum sogar anstrengend sein?

Uwe Linke: Ich bin mir sicher, dass das Zusammenleben anstrengend wird, wenn es keine Rückzugsbereiche mehr gibt. Intimität und Entspannung geht verloren, wenn man nicht einfach mal die Tür zumachen kann, um entweder alleine zu sein oder das Zusammensein mit anderen nicht teilen zu müssen. Manchen fällt allerdings der Verlust an Intimität nicht auf, weil sie durch Großraumbüros dieses Öffentlich-Sein gewöhnt sind.

Würden Sie künftigen Bauherren also raten, keine offene Küche zu planen?

Uwe Linke: Offene Küchen mit Essplätzen greifen die Idee auf, was die Küche ursprünglich mal war: nämlich ein Ort, wo sich alle zum Austausch treffen. Erst in den 1950er und 60ern Jahren ist in Deutschland die Küche zu einem isolierten Raum gemacht worden. Wegen der Gerüche und weil man die Hausfrau nicht bei der Arbeit sehen wollte, wurde die Tür geschlossen. Aber dieses fragwürdige Ideal der fleißigen Hausfrau ist längst überholt. Die Eckbank hat vor 20 Jahren eine Renaissance erlebt und in der Folge damit auch der offene Grundriss. Die Entwicklung zurück zum Treffpunkt halte ich für positiv, wenn dabei gleichzeitig andere Rückzugsmöglichkeiten geschaffen werden.

Wo würden Sie auf jeden Fall für Wände plädieren? Im Bad?

Uwe Linke: Unbedingt! Ich war gerade in Asien in einem Hotel mit Badezimmer ohne Türen. Ich war mit Freunden dort. Wenn einer auf die Toilette wollte, hat der Rest den Raum verlassen. Selbst wenn man sich relativ gut kennt, ist das Bad oft ein Bereich, in dem man Abgeschiedenheit schätzt.

Das Schlafzimmer?

Uwe Linke: In mein Wohnzimmer oder in die Küche lasse ich auch meine Gäste. Insofern sind das öffentliche Bereiche, wenn ich Besuch habe. Aber ins Schlafzimmer lasse ich nur Menschen, mit denen ich tatsächlich diesen Raum als Rückzugsbereich aufsuchen will. Daher empfehle ich, das Schlafzimmer abtrennbar zu machen und nur wenige Kompromisse diesbezüglich einzugehen. Es gibt ja offene Grundrisse, wo das Bad ins Schlafzimmer übergeht - eine feine Sache, wenn tatsächlich nur zwei Menschen darin leben! Mit einer Familie ist das nicht mehr lustig.

Die Entscheidung fällt trotzdem für den offenen Wohnraum. Muss die Familie ihre Lebensweise überdenken?

Uwe Linke: Ich bin sicher, dass Familien oder Paare die Art des Umgangs festlegen müssen, weil offene Grundrisse eine größere Rücksichtnahme erfordern. Gerade wegen der Schallbelastung haben wir auch schon im privaten Einrichtungsbereich eine Diskussion um Lärm als Stressquelle.

Kann der Mensch dauerhaft Rücksicht nehmen?

Uwe Linke: Ich glaube, wir werden aufgrund der Bevölkerungssituation auf dem Planeten und aufgrund der Urbanisierung gezwungen, unser Verhalten diesbezüglich dauerhaft zu verändern. Rücksichtnahme muss oft erst gelernt werden und dazu ist es wichtig, Rückzugsbereiche zu schaffen. Dass Rückzug wichtig ist, sieht man an Menschen, die ins Handy starren oder mit Kopfhörern unterwegs sind, um sich abzuschirmen.

dpa

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