„Es fehlen noch zwei Stürmer“

Fühlt sich wohl in der Höhenluft: Löwen-Coach Ewald Lienen auf dem Gernkogel im Pongau.
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Fühlt sich wohl in der Höhenluft: Löwen-Coach Ewald Lienen auf dem Gernkogel im Pongau.

St. Johann - Löwen-Trainer Ewald Lienen über Neueinkäufe, hungrige Talente und Überzeugungsarbeit in Gesundheitsfragen.

Behaupte noch mal einer, Ewald Lienen beharre stur auf seinen Prinzipien. In St. Johann, wo die Löwen bis gestern ihr zehntägiges Trainingslager abhielten, zeigte sich der als Gesundheitsapostel geltende Coach von seiner großzügigen Seite. Bei der Bergtour am Montag gestattete er seinen Spielern nicht nur koffeinhaltigen (!) Kaffee, sondern auch eine „fettige Mehlspeise“ (Originalzitat) namens Kaiserschmarrn. Auch diese Episode zeigt: Lienen ist mit Form und Fitness seiner Mannschaft zufrieden, er vertraut ihr und lässt sie auch mal – gemäßigt – über die Stränge schlagen. Was in der bevorstehenden Saison von Lienens Löwen zu erwarten ist, verrät der 55-Jährige in unserem Interview.

Herr Lienen, Sie haben die Aussicht vom 1750 m hohen Gernkogel sehr genossen und ausgiebig Fotos fürs Privatalbum geschossen. Auf welche Aussichten darf sich der Fan in der neuen Saison freuen?

Ewald Lienen: Ich halte nichts vom Denken: Vorher war alles schlecht, jetzt wird alles gut. Es wird nur dann gut, wenn wir gemeinsam das Richtige tun. Alle im Klub müssen begreifen, dass der Weg zum Erfolg nur über viele kleine Schritte gehen kann. Die Bereitschaft ist da. Es war eine anstrengende, aber schöne Woche mit vielen guten Erkenntnissen.

International bestückt ist auch Ihre neue Mannschaft. Sie muten den Fans einige Zungenbrecher zu. Hat das bayerische Modell ausgedient? Oder ist es Zufall, dass die Neuzugänge aus so vielen verschiedenen Ländern kommen?

Was sich Ewald Lienen so alles notiert...

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Lienen: Das ist absoluter Zufall. Wir nehmen die Spieler, von denen wir überzeugt sind, sportlich und charakterlich. Es ist egal, welche Sprache sie sprechen. Das ganze Leben ist doch international, da macht der Fußball keine Ausnahme.

Haben Sie alle Ihre Wunschspieler bekommen?

Lienen: Wünsche äußern können nur die reichen Vereine, wo man im Katalog blättert und so die Spieler zusammensucht. Wir müssen schauen, was machbar ist, und da sind wir sehr zufrieden. Es ist eine sehr gute Mischung zwischen jungen, erfahrenen und halb erfahrenen Spielern. Wobei ich zugebe: Manchmal spielt auch der Zufall eine Rolle. Der Florin Lovin war anfangs gar kein Thema, ich kannte ihn überhaupt nicht. Beim Videostudium hat er uns dann so gut gefallen, dass wir den Transfer realisiert haben. So läuft das eben, wenn man spät Planungssicherheit hat. Da muss man erfinderisch sein.

Trauen Sie Ihrer Mannschaft jetzt schon zu, um den Aufstieg mitzuspielen? Oder fehlt dazu ein hochkarätiger Stürmer?

Lienen: Es fehlen sogar zwei Stürmer. Darüber hinaus halte ich nicht viel von Hochrechnungen. Dass wir aufsteigen wollen, ist selbstverständlich, aber davon permanent zu reden, ist der falsche Weg. Es geht nur Schritt für Schritt, mit harter Arbeit, aber auch mit Freude. Wenn die Einstellung nicht jede Woche stimmt, kannst du nach Hause gehen. Eine Saison ist ein Marathonlauf, aber ich traue meiner Mannschaft zu, dass sie alles dafür tun wird, damit wir unser Ziel erreichen.

Auch außerhalb des Platzes verlangen Sie einiges von den Spielern: Nix Süßes, kein Alkohol, viel Erholungsphasen. Kommt die Mannschaft mit Ihren strengen Vorgaben klar?

Lienen: Das ist nicht streng, das ist vernünftig. Wir sind dabei, die Spieler davon zu überzeugen, aber wir werden ihnen nicht den Magen auspumpen, um zu sehen, was sie zu sich nehmen. Im Idealfall spüren die Spieler irgendwann, dass ihnen ein gesunder Lebenswandel gut tut. Der Erfolg findet nicht nur auf dem Trainingsplatz statt, sondern auch zwischen den Einheiten.

Mit Ilhan Mansiz, den Stürmern Kushtrim Lushtaku und Ardijan Djokaj sowie dem Linksverteidiger Leandro „Messias“ dos Santos stehen derzeit einige Trainingsgäste auf dem Prüfstand. Wer darf sich Hoffnungen auf einen Vertrag machen?

Lienen: Alle haben ihre Qualitäten, aber wir lassen uns Zeit. Der kleine Kushtrim ist ein Supertalent, den werden wir sicher behalten. Nicht als Stürmer Nummer eins, aber als Alternative. Ilhan hat drei Jahre nicht gespielt, das kann man nicht so schnell aufholen. Auch Ardijan schauen wir uns weiter an. Der Brasilianer (Messias/d. Red.) hat Pech gehabt, dass er gegen Saloniki krank war, vielleicht setzen wir ihn am Dienstag gegen Xanthi noch mal ein.

Mit Sandro Kaiser, Mathias Wittek, Peniel Mlapa und Tarik Camdal mischen schon wieder einige hoffnungsvolle Talente mit. Wem trauen Sie am ehesten den Sprung in die erste Mannschaft zu?

Das muss man abwarten. Alle haben ganz hervorragende Leistungen gezeigt. Sandro steht ein bisschen über den anderen, Tarik hat mit leichten Abstrichen überzeugt, Mlapa kommt langsam, und Wittek ist körperlich superstark. Wir sind froh, dass wir offensichtlich die richtigen Talente ausgesucht haben.

Daniel Bierofka fällt nach seiner Bandscheiben-OP länger aus, Benny Lauth ist langsam wieder fit. Wann und wie entscheiden Sie die Kapitänsfrage?

Lienen: Wichtig ist nicht, wer Kapitän wird, sondern dass wir viele gute Führungsspieler haben. Nicht nur der Benny, sondern auch Gabor Kiraly, Torben Hoffmann oder Michael Hofmann. Ich denke, wir klären das noch vor dem Wochenende. Und ob ich den Kapitän bestimme oder die Mannschaft ihn wählt – das Ergebnis dürfte gleich sein (lächelt).

Haben Sie eigentlich inzwischen einen Vertrag unterschrieben?

Lienen: Das ist vielleicht ein bisschen untergegangen, aber ich habe für zwei Jahre unterschrieben. Wobei das völlig unerheblich ist, denn der Weg ist das Ziel.

Das Interview führte Uli Kellner

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