Prof. Schmidt blickt in die Zukunft des Fußballs

„Covid-19 wird eine neue Realität schaffen“

Blickt in den Sport des Jahres 2050: Professor Sascha L. Schmidt.
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Blickt in den Sport des Jahres 2050: Professor Sascha L. Schmidt.

Was macht die Coronakrise mit dem Fußball? Wie wird er in Zukunft aussehen? Prof. Sascha Schmidt gibt im Interview einen fundierten Ausblick darüber.

Mit der Studie „Wir sind Nationalmannschaft“, in der er „Entwicklung und gesellschaftliche Bedeutung der Fußball-Nationalelf“ untersuchte, wurde Professor Sascha L. Schmidt 2013 einem breiteren Publikum bekannt, die These von der „Vierten Macht im Staat“, die „jeden Winkel der Gesellschaft erreicht“ wurde oft zitiert. Es ist wieder mal an der Zeit, sich mit ihm über die Wirkung des Fußballs zu unterhalten – gerade jetzt, in besonderen Zeiten. Professor Schmidt ist Direktor des Centers für Sport und Management an der WHU Otto Beisheim School of Management.

Prof. Schmidt: „Es war absehbar, dass eine Krise kommen wird“

Herr Professor Schmidt, vor sieben Jahren haben Sie den deutschen Fußball untersucht, er verzeichnete damals einen starken Aufwärtstrend. Wo steht er 2020, wenn wir auf den Zeitpunkt kurz vor der Corona-Krise zurückgehen?

Die positive Entwicklung hat sich fortgesetzt. Wir hatten 2013 ein deutsches Finale in der Champions League, 2014 den Gewinn der Weltmeisterschaft. Erlöse aus Medienrechten und Sponsoring stiegen, die Stadien waren voll, eine schöne Wachstumsgeschichte. Aber man sollte nicht unerwähnt lassen: Auch die drohende Überhitzung wurde diskutiert, man sprach von Blasenbildung. Es war absehbar, dass eine Krise kommen wird. Nun haben wir sie. Corona wird uns eine neue Realität bescheren.

Wie wird diese neue Realität aussehen?

Das ist noch schwer zu sagen. Auf einer Unsicherheitsskala von eins bis vier befinden wir uns auf Stufe vier. Zu viele Variablen sind noch unbekannt. Wir wissen nur, dass diese höchste Stufe der Unsicherheit vorübergehend sein wird.

Hilfsbereitschaft im Fußball ist gegeben

Der Fußball steht nun vor der Herausforderung, wirtschaftlich heil aus der Krise zu kommen, ohne dass dies etwa in Form von Sonderbehandlungen auf Kosten gesellschaftlich wichtigerer Bereiche geht. Wird ihm das glücken?

Schauen wir auf die Fakten. Was ist passiert? Wir erleben Sonderaktionen wie „We kick Corona“, initiiert von Spielern – Joshua Kimmich, Leon Goretzka, Mats Hummels –, dafür wurden bereits über drei Millionen Euro gespendet. Die TSG Hoffenheim hat angekündigt, einen Corona-Hilfsfonds aufzusetzen. Es gibt die 20-Millionen-Hilfsaktion der vier Champions-League-Teilnehmer, man liest von flächendeckenden freiwilligen Gehaltsverzichten. All das belegt: Die Bereitschaft, denen zu helfen, die unverschuldet in Not geraten sind, ist gegeben. Und sowohl DFB als auch DFL haben mehrfach betont, dass der Fußball keine Sonderrechte, etwa bei Laborkapazitäten beanspruchen wird. Das ist positiv.

Trotzdem hat die DFL ja Druck aufgebaut, damit sie bald wieder loslegen kann.

Von Geisterspielen hängt eine Menge ab. Sich Gedanken zu machen, wie solche Spiele technisch umgesetzt werden könnten, sind legitime Sofortmaßnahmen, wenn es ums Überleben geht. Die DFL gibt keinen Termin vor.

„Man kann den Amateurfußball mit anderen Sportarten gleichsetzen, bei denen sich Geisterspiele nicht rentieren“

Die Amateure werden nicht vor September spielen können, die Profis wohl schon. Stehen die Bundesligen dem Amateurfußball gegenüber dadurch nicht in einer noch stärkeren Solidaritätspflicht? Das Verhältnis ist kein einfaches, zumal der Grundlagenvertrag zwischen beiden Parteien bisher eine Deckelung der Zuwendungen von Profis an Amateure vorsieht.

Es ist schwer vorherzusagen, wie sich das gestalten wird. Das Prinzip, dass es ohne Breite keine Spitze geben kann, bleibt bestehen. Man kann den Amateurfußball mit anderen Sportarten gleichsetzen, bei denen sich Geisterspiele nicht rechnen würden. Der Profifußball hat eben die Besonderheit, dass sich Geisterspiele aufgrund der Medienrechteeinnahmen rentieren.

Eine Anekdote aus den 90er-Jahren: In einer Zeit, als die wirtschaftliche Situation sich im Ruhrgebiet verschlechterte, verpflichtete Borussia Dortmund für viel Geld den Nationalspieler Karlheinz Riedle. Ein BVB-Fan sprach damals den Satz: „Lieber bin ich mit Riedle arbeitslos als ohne Riedle arbeitslos.“ Heute sind die Gehälter noch sehr viel höher. Wird das nun bei den Fans noch Akzeptanz finden?

Früher war das Fanwesen um den Spieltag und um das Stadion herum strukturiert, das ist durch die Digitalisierung anders geworden. Fans sind nicht mehr so homogen, „der Fan“ ist schwer zu definieren. Es gibt unterschiedliche Gruppen, die an Bedeutung gewonnen haben. Fans vor Ort und Fans im Ausland haben ganz andere Bedürfnisse; oft kommt es auch zu Interessenskonflikten zwischen der Gruppen. Es ist die Frage: Wie holt man alle ab?

Schafft Covid-19 eine neue Realität?

Es werden ja durchaus Wünsche vorgetragen von Fanszenen, der Fußball möge sich rückbesinnen auf frühere Zeiten. Ist das möglich im professionellen Sport?

Wir haben bisher ein Wachstumsrennen erlebt, in dem nur die Clubs Erfolg haben konnten, die in der Lage waren, ihr Budget für Spieler kontinuierlich zu steigern. In keinem Lebensbereich kann man so einfach das Rad zurückdrehen, aber Covid-19 wird eine neue unbekannte Realität schaffen und die Chance bieten, über vieles nachzudenken wie beispielsweise eine Begrenzung von Spielergehältern und Beraterhonoraren. Aber das ist eine international zu lösende Frage.

Könnte 50+1 bei dringlichem Bedarf an Liquidität leichter fallen?

Strategische Investoren sind eine Option, aber das geht auch innerhalb von 50+1, wie man an den Beispielen von Bayern München und Hertha BSC sieht. Sie haben Investoren, die an einer langfristigen Entwicklung des Clubs interessiert sind.

Chancen durch vorangetriebene Digitalisierung

Wird der Fußball seinen Vorsprung auf andere Sportarten halten können – oder erleben wir eine Neuaufstellung der Sportlandschaft?

Was man sieht, ist, dass durch Corona die Digitalisierung schneller vorangetrieben wird. Das kann eine Chance für viele Sportarten sein, ihre jeweiligen Zielgruppen digital zu erreichen, sei es über Highlightangebote, oder über neue Formate, die eine besondere Nähe zum Athleten schaffen. Es geht ja in den sozialen Medien immer auch um Typen, und die gibt es in anderen Sportarten genauso. Man kann sie digital ohne öffentlich-rechtliche Sendezeit inszenieren. Und was auch ein immer größeres Thema im Sport werden wird...

Bitte...

… ist Nachhaltigkeit. Da sind interessante Entwicklungen auszumachen. In der Bundesliga gibt es ja schon länger Nachhaltigkeitsreporte. Nun hat sich rund um Hoffenheim etwas Bemerkenswertes getan. Die TSG hat eine Zukunftsstrategie verabschiedet, die unter anderem die Themen Umweltschutz und Abfallvermeidung umfasst, und ist dadurch an einen Namenssponsor für ihr Stadion gekommen: PreZero, ein Recycling-Unternehmen. So wird Nachhaltigkeit zu einem Bestandteil des Geschäftsmodells und entfacht eine ganz andere Wucht. Das ist kein Schönwetterphänomen, sondern von strategischer Bedeutung sowohl auf der B2B-Seite, also in Richtung Sponsoren und Werbekunden, wie auf der B2C-Seite, in Richtung Fans. Es wächst heran mit ganz anderen Verhaltensweisen als die Generationen davor. Nachhaltigkeit und Umweltschutz haben für sie eine hohe Relevanz.

Fußball in den nächsten Jahrzehnten - kein Stadionbesuch mehr nötig?

In England gab es mal eine Studie, die den Sport in einigen Jahrzehnten beleuchtet. Es stand dort: Zwei der drei umsatzstärksten Firmen in London werden Fußballvereine sein, sie werden ein eigenes Bildungssystem mit Schulen und Universitäten betreiben, und dank neuer Übertragungstechnologien muss man als Fan gar nicht mehr ins Stadion gehen. Zuschauer, die trotzdem kommen, werden bezahlt.

Die Clubs hätten es dann geschafft, ihren Markennamen auf andere Bereiche erfolgreich auszudehnen – das ist nicht abwegig. Ich schließe gerade ein Buchprojekt ab, bei dem wir in die Zukunft des Sports bis etwa 2050 blicken. Neue Technologien wie Künstliche Intelligenz, Robotik oder Blockchain werden ihn maßgeblich beeinflussen. So arbeiten wir mit Forschern vom MIT in Boston, von der Cambridge Universität in England sowie mit Technologie-Spezialisten in Australien, Schweden. Österreich eng zusammen, um fundierte Zukunftsszenarien für den Sport zu entwickeln.

Interview: Günter Klein

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