Ex-Löwe im Interview über die Corona-Krise

US-Legionär Jungwirth: „Krankenversichert über die Liga - das ist Luxus“

20.02.2016, 1.Fussball Bundesliga, FC Bayern München - Darmstadt
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Florian Jungwirth (re.), hier im Trikot von Darmstadt 98 gegen Bayern-Start Robert Lewandowski, spielt seit drei Jahren für die  San Jose Earthquakes. 

Ex-Löwe Florian Jungwirth lebt als Fußballprofi in den USA. Im Interview spricht der 31-Jährige über die Corona-Krise in den USA und gravierende Unterschiede zum deutschen Gesundheitssystem. 

  • Florian Jungwirth verdient seit drei Jahren sein Geld in den USA bei den San Jose Earthquakes
  • Der beim TSV 1860 München ausgebildete Mittelfeldspieler spricht im Interview mit Fussball Vorort/FuPa Oberbayern über die Corona-Krise in den USA und das dortige Gesundheitssystem. 
  • Dank Freunden aus seiner Heimatstadt Karlsfeld weiß der 31-Jährige seine Eltern in Deutschland gut versorgt. 

MünchenFlorian Jungwirth hat die Bundesliga verlassen, um seinen USA-Traum zu leben. 2017 wechselte der 31-Jährige, der einst der Nachwuchsschmiede des TSV 1860 angehörte, zu den San José Earthquakes in die MLS. Jungwirth lebt im Silicon Valley. Dort erlebt der U19-Europameister von 2008 erstmals das Gefühl, nicht frei zu sein. Doch für ihn wiegen die Schicksale vor Ort viel schwerer, wie er im Interview erklärte.

Servus Herr Jungwirth, Sie haben inzwischen eine ordentliche Matte auf dem Kopf. Hat sich Ihre Ehefrau noch nicht dazu bereit erklärt, mit der Schere loszulegen?

(lacht) Auf gar keinen Fall. Sie hat schon immer gesagt, ich soll mir die Haare lang wachsen lassen. Ich habe immer bis zum Übergang durchgehalten. Meine Haare locken sich ab einer gewissen Länge. Jetzt habe ich Zeit, diese Phase endlich mal zu überstehen. Um die Locken zu bändigen, müsste ich zum Glätteeisen greifen. Das wäre eine Premiere. Aber hei, warum nicht? Verrückte Zeiten, verrückte Maßnahmen.

„Es gibt Phasen, in denen mich alles nur noch ankotzt“

Wie gehen Sie als Fußball-Profi mit dieser Zeit um?

Jeder würde gerne das machen, was er liebt. Mir fehlt der Fußball. Aber in dieser Zeit merke ich auch, wie unwichtig der Sport ist. Ich verfolge die Nachrichten auf der ganzen Welt und erlebe, was der Virus für Menschen vor Ort bedeutet. Da verbietet es sich zu sagen: Ich will wieder Fußball spielen.

Sie haben die Bundesliga verlassen, weil Sie den Traum hatten, in den USA zu leben. In einem Interview haben Sie gesagt: „Ich möchte die Freiheit dort erleben.“ Ausgerechnet jetzt erlebt unsere Generation erstmals das Gefühl, nicht frei zu sein.

Meine Frau und ich reisen gerne. Aber das ist im Moment nicht relevant. Das ist Jammern auf hohem Niveau und verbietet sich zu einer Zeit, in der so viele Menschen leiden. Ich sage mir oft: Unsere Großeltern haben einen Weltkrieg erlebt. Wir müssen nur zu Hause bleiben. Auch ich erlebe Phasen, in denen mich alles nur noch ankotzt. Aber meine Frau und ich fangen uns dann gegenseitig auf. Wir haben uns eine Liste erstellt, was wir aus dieser Zeit machen können.

Viele Menschen in den USA sind nicht krankenversichert

Sie sind in Deutschland aufgewachsen. Wie erleben Sie die Corona-Krise in den USA in Bezug auf das Gesundheitssystem?

Die wenigsten sind krankenversichert. Kurz nachdem ich in die USA gezogen bin, ist eine Frau vor meinen Augen mit dem Rad schwer gestürzt. Sie war bewusstlos. Es stand außer Frage, dass ich den Krankenwagen rufen muss. Als sie wieder zu sich kam, ist sie hochgefahren, hat mich beschimpft und beleidigt, was mir einfällt, einen Krankenwagen zu rufen. Ich soll mich um meinen Scheiß kümmern. Die Frau ist schwer verletzt davon gehumpelt. Der Chef des Restaurants meinte zu mir: Du bist Tourist, oder? Keiner ruft einen Krankenwagen. Den muss man selbst bezahlen.

Was bedeutet die mangelnde Gesundheitsversorgung für die Menschen in der Corona-Krise?

Viele Menschen benötigen im Moment medizinische Behandlung. Deshalb ist es eine Extremsituation. Die Mutter unserer ehemaligen Hundesitterin ist zum Beispiel schwer krank geworden. Sie musste ihr Haus verkaufen, um die Behandlung bezahlen zu können. Jetzt wohnt sie bei ihren Kindern.

Karlsfelder Freunde bieten Hilfe für Jungwirths Eltern an

Kann man unser Gesundheitssystem erst wertschätzen, wenn man die US-Situation erlebt?

Ich habe die medizinische Versorgung in Deutschland immer für selbstverständlich gehalten. Ich habe das Glück, dass ich über die Liga krankenversichert bin. Das ist Luxus. Wir können froh sein, welches Gesundheitssystem wir in Deutschland haben. Jeder, der in der jetzigen Situation in diesem Land leben darf, sollte dankbar sein, dass Deutschland einer der größten Sozialstaaten der Welt ist.

Sie kommen aus Karlsfeld. Wie schwer ist es, in der jetzigen Zeit nicht bei der Familie zu sein?

Meine Freunde haben sich bei mir gemeldet und meinten: Wenn deine Mama irgendwas braucht, sag einfach Bescheid. Dieser Zusammenhalt ist großartig. Ich schätze jetzt noch mehr, was für eine tolle Familie und tolle Freunde ich habe.

Zehn Millionen Arbeitslose in zwei Wochen

Finden Sie es richtig, dass der Ball bald rollen soll?

Darauf kann ich keine richtige Antwort geben. Mir tun die Menschen unendlich leid, die Restaurants oder kleine Boutiquen besitzen. Sie kämpfen um ihre Existenz. Innerhalb von zwei Wochen sind in den USA zehn Millionen Arbeitslosenmeldungen reingeflattert. Es gibt hier kein Arbeitslosengeld oder einen Kündigungsschutz. Für mich würde es sich falsch anfühlen, wenn ich trainieren kann, gleichzeitig aber die Menschen vor die Hunde gehen. Ich würde mir wünschen, dass erst mal alle Menschen mit Existenzängsten ihren Alltag zurückbekommen, bevor ich als Fußball-Profi an der Reihe bin.

Und in Deutschland? Braucht die Gesellschaft die Bundesliga, um sich ablenken zu können?

Jeder braucht etwas Positives. Der Fußball hat in Deutschland einen hohen Stellenwert. Ein Spiel am Wochenende würde zumindest ein bisschen ablenken. In Zeiten wie diesen ist ein bisschen Unterhaltung nicht verkehrt.

Das komplette Video-Interview mit Florian Jungwirth

Interview: Christoph Seidl

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