Ohne Rausschmiss bei 1860 „wäre ich kein Fußballprofi geworden“

Florian Niederlechner: „Habe erlebt, was andere Profis nicht erlebt haben“

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„Wir wollen zeigen, dass in Augsburg zu spielen immer eklig ist“: Florian Niederlechner.

Es läuft nicht beim FC Augsburg, der am Samstag (15.30 Uhr) den FC Bayern erwartet. Die Mannschaft, Tabellen-Vierzehnter mit nur fünf Punkten, steht in der Kritik.

Augsburg – Wenige Spieler sind davon ausgenommen. Florian Niederlechner etwa. Der 28-jährige gebürtige Ebersberger hat sich mit vier Toren in sieben Spielen schnell etabliert.

Florian, Sie haben sich als einen Menschen beschrieben, der in 99 Prozent der Zeit gut und fast nie schlecht drauf ist. Ehrlich: Können Sie das Verhältnis von 99:1 in Augsburg halten?

Ich denke, dass Fußball zu einem großen Teil im Kopf stattfindet. Wenn man anfängt, negativ zu werden, kann man seine volle Leistung nicht mehr abrufen. Daher bleibe ich positiv, auch wenn unser Start nicht so wie gewünscht ausgefallen ist.

In Mönchengladbach verlor der FCA 1:5, lag schnell mit drei Toren zurück. Ist man auf dem Platz in der Lage, in dieser Situation noch einen ermunternden Gedanken zu fassen?

Da braucht man nicht groß herumzureden: Wenn es nach einer Viertelstunde 0:3 steht, glaubt man nicht wirklich, dass man das Spiel noch 4:3 gewinnen wird. Man versucht trotzdem noch, ein anderes Gesicht zu zeigen, den Schaden zu begrenzen. Klar: Es war ein absolutes Mistspiel von uns, die schlechteste Saisonleistung. Es hat hinten und vorne nicht gepasst.

„Das schwerste Spiel, das man haben kann“

Die Partie zuvor war auch ernüchternd: ein 0:3 zuhause gegen Leverkusen.

Gegen die ist es grundsätzlich schwer. Ein paar Tage, nachdem sie bei uns waren, spielten sie Champions League in Turin und hatten dort in der ersten Halbzeit auch 70 Prozent Ballbesitz. Klar, Juventus hat mehr Qualität als wir und nutzt seinen Konter dann. Zu unserem Spiel gegen Bayer: Wenn ich nicht das Eigentor mache, gehen wir mit einem 0:0 in die Halbzeit, Leverkusen wird vielleicht nervöser. 0:2 und 0:3 sind ja auch relativ spät gefallen. Richtig ist: Wir hatten fast keine Torchancen.

Beim 2:1-Heimsieg gegen Frankfurt und mit dem 1:1 in Freiburg, streckenweise zuvor auch bei der unglücklichen 2:3-Niederlage in Bremen, schien der FC Augsburg aufzuzeigen, dass sich etwas entwickelt. Nun zwei Rückschläge. Gibt es also keinen Fortschritt?

Einige Spieler konnten erst spät verpflichtet werden. Die Viererkette, mit der wir in Gladbach gespielt haben, war im Trainingslager gar nicht dabei. Dort hätte sich die Viererkette untereinander und mit den zwei Sechsern einspielen sollen. Wenn ich sehe, wer im Pokal in Verl (Augsburg schied gegen den Regionalligisten mit einem 1:2 aus, d. Red.) gespielt hat: Da war zuletzt keiner mehr dabei.

Wie lange wirken Erlebnisse wie Gladbach nach?

Ich bin am nächsten Tag nicht so gut drauf. . .

. . . das eine Prozent. . .

. . . dann versuche ich es so schnell wie möglich abzuhaken und wieder gut zu trainieren. Wir hatten auch eine gute Analyse und gute Gespräche letzte Woche. Normal hätte ich mir gewünscht, dass wir gleich wieder spielen und es gutmachen können, aber es war Länderspielpause, Okay, da konnte jeder am Wochenende den Kopf freikriegen. Und jetzt kommt das wohl schwerste Spiel, das man in der Bundesliga haben kann. Es ist aber auch eine Chance. Ich hoffe, dass wir so rauskommen wie aus der letzten Länderspielpause, wo wir in zwei Spielen vier Punkte gemacht haben. Es kann passieren, dass man gegen die Bayern verliert, aber ich will sehen, dass jeder sich voll reinhängt, wir als Mannschaft auf dem Platz stehen und jeder einzelne Zuschauer spürt: Jeder gibt alles. Wir wollen zeigen, dass in Augsburg zu spielen immer eklig ist.

„Mutig muss man sein, dann kann man Bayern schlagen.“

Trainer Martin Schmidt war im Sommer mit der Mannschaft auf einer Bergtour in der Schweiz. Das Gemeinschaftserlebnis, das man in 3000 Meter Höhe hatte, sollte dem Team im Bundesligaalltag in kritischen Situationen helfen. Hat die Wanderung mit Matratzenlager-Übernachtung auf der Hütte was hinterlassen – oder war das nur Kokolores?

Es war eine Teambuildingmaßnahme, die ich super fand und die allen gefallen hat. Sie war dazu gedacht, dass man zum Kennenlernen zwei Tage was zusammen unternimmt. Ab und zu denkt man dran, wenn man Fotos sieht. Ich war jetzt einen Tag in den Bergen in Österreich, da bin ich sogar angesprochen worden auf unsere Bergtour.

Wie spielt man gegen Bayern?

Man muss sie unter Druck setzen. Mit Freiburg haben wir es in den Heimspielen immer so gemacht, dass wir draufgehen, sie aggressiv zu Ballverlusten zwingen, sie nicht ins Spiel kommen lassen. Steht man tief in der eigenen Hälfte und wartet und wartet, dann wird irgendwann einer durchgehen und Lewandowski ein Tor machen. Und wenn man Thiago hundert Ballkontakte erlaubt, wird er immer sicherer, und das wäre nicht gut für uns. Mit Balleroberungen in der gegnerischen Hälfte tut man ihnen weh. Mutig muss man sein, dann kann man Bayern schlagen.

Als Stürmer über den Stürmer des Gegners: Wie gut ist Robert Lewandowski?

Momentan sind er und Harry Kane die Besten, die Quote ist herausragend. Und wie er in der Champions League mit dem Rücken zum Tor aus der Drehung das Ding macht – Top Drei in der Welt.

„Nicht mehr das Sechzig, das ich aus meiner Kindheit kannte“

Sie haben neulich bei einem FCA-Fanstammtisch für einen Aufreger gesorgt. Sie wurden gefragt, wen Sie ins Tor der Nationalmannschaft stellen würden. Sie sagten: Marc-Andre ter Stegen.

Ich habe das gesagt und stehe dazu. Das Thema war aber überhaupt viel zu hoch gehängt. Es ist halt so, dass wir zwei Weltklassetorhüter haben und ter Stegen mit Barcelona Jahr für Jahr überragend spielt. Manu Neuer ist natürlich einer der besten Torhüter der Welt und ein überragender Kapitän.

Als Ebersberger steht man vor der fußballerischen Grundsatzfrage: Wird man ein Blauer oder Roter?

So war es im Ort und in der Familie. Ich habe mich für Blau entschieden, wurde Löwen-Fan, das ist halt so. Aber es ist abgeflaut. Es ist nicht mehr das Sechzig, das ich aus meiner Kindheit kannte.

In der Jugend haben Sie beim TSV 1860 gespielt.

Mit zwölf bin ich rausgeschmissen worden. Damals war ich enttäuscht, aber im Nachhinein froh, denn sonst wäre ich wohl kein Fußballprofi geworden. Es ist alles so gut, wie es passiert ist.

Warum mussten Sie gehen?

Ich war kleiner als alle anderen, erst mit 15, 16 kam ein Wachstumsschub. Und wir haben immer gegen Ältere gespielt, ich war körperlich nicht so weit.

„Ich weiß es jetzt noch mehr zu schätzen, dass ich Fußballprofi bin“

Sie sind zurück nach Ebersberg gegangen, haben sich bei Markt Schwaben, Ismaning und Unterhaching und Heidenheim peu à peu an den großen Fußball herangearbeitet.

Ich habe eben einen anderen Weg eingeschlagen und erlebt, was andere Profis nicht erlebt haben.

Zum Beispiel?

Ich habe eine Ausbildung zum Industriekaufmann abgeschlossen, bin um fünf Uhr aufgestanden, habe ab sechs Uhr gearbeitet und bin abends um zehn vom Training in Markt Schwaben oder Ismaning heimgekommen. Daher weiß ich es jetzt noch mehr zu schätzen, dass ich Fußballprofi bin.

Der Schritt zurück bringt einen manchmal nach vorne?

Absolut. In Mainz hatte ich mich gefreut, meinen ersten Bundesligavertrag unterschrieben zu haben, merkte aber schnell, dass ich aufgrund der starken Konkurrenz nicht wie gewünscht zu meinen Einsätzen kommen werde. Dann bin ich in die 2. Liga zu Freiburg, konnte mich weiterentwickeln, es war der perfekte Schritt, ich bin mit dem Sport-Club aufgestiegen, habe mich in der Bundesliga etabliert. Es waren zwei Schritte nach vorne.

Bis zur ungewöhnlichen Verletzung eines Kniescheibenbruchs vor zwei Jahren.

Es passierte im Training beim Spiel im Kreis. Ich dachte, es wäre das Schienbein. Der Mannschaftsarzt, der sonst nie da war, schaute zufällig zu, lief sofort auf den Platz, tastete das Knie ab und spürte das Loch. Eineinhalb Stunden später lag ich auf dem Operationstisch. Es ist eine Verletzung, die den ganzen Körper durcheinanderbringt. Seitdem weiß ich: Gesundheit ist das Wichtigste.

Bastian Schweinsteiger „war immer ein Vorbild“

In Ihren Clubs trugen Sie immer die Rückennummer 7 oder 31. Sie sind Schweinsteiger-Fan.

Er war immer ein Vorbild – auch wenn er bei Bayern spielte. Eine absolute Führungsfigur, zu der man aufschaut. Man muss nur seine Leidenszeit sehen mit dem verschossenen Elfmeter im Champions-League-Finale und wie er zurückgekehrt ist. Und was für ein Leader er im WM-Endspiel 2014 gegen Argentinien war. In Heidenheim und Mainz hatte ich wie er bei Bayern die 31, in Freiburg war sie nicht frei, ich bin auf die 7 ausgewichen, die Schweinsteiger in der Nationalmannschaft trug. Jetzt in Augsburg wieder.

Kennen Sie ihn persönlich?

Ja, aber seinen Bruder, den Tobi, besser, wir sind befreundet. Als ich 2015 zu Mainz ging, war mein erster Gedanke: Jetzt kann ich mit dem Basti Schweinsteiger das Trikot tauschen. Ich, habe mich schon gefreut. Und was passiert? Er geht zu Manchester United und ist raus aus der Bundesliga.

Interview: Günter Klein

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