US-Profi dachte über Abschied nach

Ex-Löwe Florian Jungwirth: „Amerika hat politisch versagt“

Florian Jungwirth (re. hier im Zweikampf mit FCB-Star Robert Lewandowski) spielt seit drei Jahren in der MLS für San Jose.
+
Florian Jungwirth (re. hier im Zweikampf mit FCB-Star Robert Lewandowski) spielt seit drei Jahren in der MLS für San Jose.

Trotz hoher Infektionszahlen startet die US-Profiliga MLS am Donnerstag. Fußball-Profi Florian Jungwirth spricht im Interview über den Re-Start und die Situation in den USA.

  • Die Major League Soccer (MLS) startet am Donnerstag in Disney World wieder den Spielbetrieb. 
  • Der in Karlsfeld aufgewachsene Florian Jungwirth verdient seit drei Jahren sein Geld bei den San Jose Earthquakes. 
  • Im Interview spricht der 31-Jährige über die Corona-Pandemie in den USA und den Re-Start der MLS.

München – Erschreckend hohe Infektionszahlen, ein weiterhin völlig überforderter Präsident Donald Trump – trotzdem wollen die USA in der Nacht zu Donnerstag (deutscher Zeit) zumindest im Fußball einen Schritt zurück in Richtung Normalität gehen. Die Profiliga MLS wird zunächst mit einer Gruppenphase, dann mit K.o.-Spielen fortgesetzt – planmäßig bis zum Finale am 11. August. Dafür haben die Teams Quartier in Orlando (Florida) bezogen, wohnen isoliert von der Öffentlichkeit in Disney World. Das gilt auch für den gebürtigen Gräfelfinger und Ex-Löwen Florian Jungwirth (31), der seit 2017 für die San Jose Earthquakes spielt. Das Interview:

Florian Jungwirth blendet steigende Zahl von Corona-Neuinfektionen aus

Herr Jungwirth, wir erreichen Sie in Disney World. Das klingt nach Vergnügen. Wie sieht die Realität aus?

Ja, wir sind in Disney World, können es aber nicht so ausnutzen und genießen, wie sich das einige vielleicht vorstellen. Hier herrschen strikte Regeln. Jedes Team hat seinen eigenen Flur, seinen eigenen Bereich. Wir verlassen die Zimmer eigentlich nur zum Essen, für das Training und manchmal auch, um in die Lounge zu gehen. Es gibt draußen auch noch einige Freizeitmöglichkeiten, zum Beispiel eine Pool-Anlage, aber das Wetter hier in Florida ist eine Katastrophe. Es blitzt, donnert und regnet jeden Tag.

Das Wetter passt also gewissermaßen zur Stimmung in Florida, wo es
zuletzt täglich Tausende Corona-Neuinfektionen gab. Wie nehmen Sie das Drumherum wahr?

Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem ich all das wahrnehme, es aber sehr gut ausblenden kann. Ich bin jetzt hier und versuche, das Beste daraus zu machen und fit zu werden. Was in Florida passiert, kann ich nicht beeinflussen. Wir sind sehr gut isoliert von der Öffentlichkeit. Die Gefahr, dass wir uns bei Außenstehenden infizieren, ist sehr gering.

„Wir waren drei Monate zuhause eingesperrt wie die Hamster“

Wie ist es für Sie, in dieser angespannten Lage wieder Fußball zu spielen?

Hier in den USA muss man ganz klar von politischem Versagen sprechen. Irgendwann kommt dann der Punkt, an dem auch wir als Fußballer sagen müssen: ‚Jetzt sind wir auch mal wieder dran.‘ Wir waren drei Monate zuhause eingesperrt wie die Hamster. Jetzt explodieren in den USA auf einmal wieder die Zahlen. Da frage ich mich schon: ‚Warum war ich drei Monate eingesperrt, wenn die Verantwortlichen die Lage trotzdem nicht in den Griff bekommen haben?‘ Ich bin an den Punkt gekommen, an dem ich wieder meiner Arbeit nachgehen will – und es gibt mit dem Turnier in Orlando eine Möglichkeit dazu.

Auch dort läuft aber nicht alles ohne Probleme ab.

Das stimmt, das Turnier hat durchaus seine Komplikationen. Der FC Dallas hat die Turnierteilnahme abgesagt, weil es zehn Corona-Fälle im Kader gab. Nashville hat auch schon fünf positiv Getestete, deren Spiel wurde deshalb verschoben. Genauso ist es bei Toronto, weil der Club erst am Dienstag nach Orlando gereist ist. Vancouver hat die vier positiv getesteten Spieler erst mal zu Hause gelassen.

Jungwirth kritisiert fehlendes Miteinander zwischen Republikanern und Demokraten

Sie haben von politischem Versagen gesprochen. Können Sie das präzisieren?

Ich bin weder Politiker noch Arzt oder Virologe, aber es ist kein Geheimnis, dass Amerika im Kampf gegen Corona versagt hat. Das hat aber nicht nur Präsident Donald Trump getan, sondern auch die Gouverneure. Das Problem ist, dass dieses Jahr die Präsidentschaftswahl ansteht. Es wäre zu wünschen gewesen, dass Demokraten und Republikaner zusammenarbeiten, um die Probleme zu lösen. Stattdessen schießen sie nur Giftpfeile aufeinander. Viele republikanische Staaten haben den Lockdown sehr früh beendet, die demokratischen Staaten hatten sehr lange eine Quarantäne und haben es zum Teil noch heute. Wenn es ein Miteinander gegeben hätte, wären vielleicht ganz andere Lösungen dafür gefunden worden, die Fallzahlen in den Griff zu bekommen und den Leuten gleichzeitig die Chance zu geben, zur Arbeit zu gehen. So etwas wie Arbeitslosengeld oder einen Kündigungsschutz gibt es in den USA nicht, die Arbeitnehmer werden von einem auf den anderen Tag gefeuert. Und wer seine Rechnungen nicht bezahlen kann, ist innerhalb eines Monats obdachlos. Jetzt gibt es sowohl hohe Infektionszahlen als auch Millionen von Menschen, die um ihre Existenz bangen. Zudem explodieren die Zahlen von Selbstmorden, Depressionen und häuslichem Missbrauch.

Können Sie sich schon vorstellen, in dieser Situation wieder um Siege und Punkte zu kämpfen?

Das Schlimmste für mich ist, dass ich ohne meine Familie hier bin. Das kann ich nicht so einfach wegstecken. Natürlich fühle ich mich hier auch mal einsam. Ich bin aber schon lange im Geschäft, und wenn ich auf dem Platz stehe, kann ich das verdrängen. Auch die neuen Anstoßzeiten – neun Uhr morgens oder zehn Uhr abends – stören mich nicht. Auf dem Platz bin ich ein Straßenhund: Mir ist es völlig egal, wann ich spiele.

„Deutschland und die DFL können wirklich unglaublich stolz sein“

Haben Sie persönlich darüber nachgedacht, die Saison nicht fortzusetzen?

Ja, absolut! Meine Frau ist alleine zu Hause – und das ist natürlich kein Zustand, der mich glücklich macht. Wenn ich unter normalen Umständen im Trainingslager wäre, wäre das etwas ganz anderes. Momentan leben wir aber in einer verrückten Welt. Wir haben viele Proteste im Land, viel Gewalt und viele Schießereien. Meine Frau und ich haben lange diskutiert und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es Sinn macht für mich, hierher zu fahren. Wenn etwas passieren sollte, steige ich in den nächsten Flieger und reise zurück. Bisher kann ich aber sagen, dass es die richtige Entscheidung war.

Wie haben Sie in den letzten Wochen und Monaten die Entwicklungen in Deutschland gesehen?

Ich habe das Vorgehen in Deutschland verfolgt und auch mit ein paar ehemaligen Kollegen Kontakt gehabt. Deutschland und die DFL können wirklich unglaublich stolz darauf sein, wie sie die Bundesliga-Fortsetzung durchgezogen haben. Ich könnte jetzt sagen, dass ich nichts anderes gewohnt bin von Deutschland – dem am besten organisierten Land der Welt (lacht). Natürlich gab es auch Vereine wie Dynamo Dresden, die sich sportlich benachteiligt gefühlt haben – und das kann ich zu einhundert Prozent nachvollziehen. Aber es ging um die Allgemeinheit und um die Zukunft der Clubs und des deutschen Fußballs.

Florian Jungwirth im Video

(Interview: Jonas Austermann)

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

TSV 1860: Bleibt Tim Rieder ein Löwe? Konkurrenz wohl zu groß
TSV 1860: Bleibt Tim Rieder ein Löwe? Konkurrenz wohl zu groß
“Löwenstüberl“ in der Corona-Krise: Wirt Lankes versucht‘s mit Kreativität
“Löwenstüberl“ in der Corona-Krise: Wirt Lankes versucht‘s mit Kreativität
3. Liga: Enger Terminkalender - eine Änderung trifft den FC Bayern hart
3. Liga: Enger Terminkalender - eine Änderung trifft den FC Bayern hart

Kommentare