Awata kam als Flüchtling nach München

„Zehn Mal dem Tod ins Auge geblickt“ - Wie ein Syrer beim TSV 1860 von Bierofka eine Chance erhielt

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Mehr als Freundschaft: „Für Köppi gibt es auf Deutsch ein besseres Wort. Er ist mein Bruder“, sagt Awata.

Christian Köppel halt Mohamad Awata, als dieser beim TSV 1860 München ankam. Nun spielen sie beim 1. FC Schweinfurt. Doch die beiden verbindet mehr.

Wie fühlt sich der Krieg in Syrien an? Mohamad Awata muss nachdenken. Wie soll er erklären, was er empfunden hat, als die Bomben gefallen sind? 200 Stück kamen vom Himmel. Jeden Tag. Eine Bombe hat das Haus seiner Familie getroffen. „Meine Mutter wurde von den Trümmern im Rücken getroffen. Sie war sofort tot. Ein Eisenstück hat meinen Onkel am Kopf getroffen. Er hat 17 Tage im Krankenhaus gelegen, hat noch geatmet, war aber nicht mehr ansprechbar. Dann ist er gestorben“, sagt Awata. Wie fühlt es sich an, wenn die Mutter und der Onkel im Krieg sterben? „Gib mir deine Hand, Bruder“, sagt Awata. Er führt meine Fingerkuppen über seine Nase. „Spürst du das?“, fragt Awata. Ich soll seinen Hinterkopf berühren, ihm über die Haare streichen. „Spürst du das große Stück hier?“, fragt er. „Das sind Bombensplitter. 13 Stück stecken unter meiner Haut. Zehn Mal habe ich dem Tod ins Auge geschaut. Neben mir sind Menschen tot umgefallen. Aber ich habe überlebt. Deshalb glaube ich, dass Gott einen Plan für mich hat.“

Awata zeigt die Wohnung, in der seine Mutter gestorben ist: „Wie soll darin noch ein Mensch leben?“

Christian Köppel sitzt Awata auf der Couch gegenüber. „Die Geschichte, wie seine Mutter gestorben ist, höre ich heute zum ersten Mal“, sagt Köppel. Er wohnt mit Awata in einer WG, sie spielen zusammen für den FC Schweinfurt. Köppel hört Awata zu, seit der Syrer im April 2016 zum ersten Mal in der Löwen-Kabine neben ihm saß. Awata konnte kein Deutsch und kein Englisch. „Wenn Sascha Mölders etwas zu mir gesagt hat, habe ich nur jajaja gesagt“, lacht Awata.

Mohamad Awata: „Lachen. Nur so kannst du weiterleben.“

Heute kann Awata lachen. „Immer lachen. Das ist das Wichtigste im Leben. Nur so kannst du weiterleben.“ Awata lacht, obwohl er im Krieg in Syrien alles verloren hat. Er erzählt von seiner Flucht. Von der Nacht auf dem Meer zwischen der Türkei und Griechenland, als neben ihm zwei Schlauchboote untergegangen sind. Nach der Hälfte der Strecke wird das Meer unruhig. Wenn ein Boot kippt, haben die Flüchtlinge keine Chance. „Die Kleidung saugt sich sofort mit Wasser voll. Die Menschen sind gesunken wie Steine. Um mich herum war alles schwarz. Ich habe meine Hand nicht gesehen. Nur ein winziges Licht hat am Strand in Griechenland geleuchtet.“

Awata hat auf der Flucht für seinen Traum sein Leben riskiert: Er will Fußball-Profi werden. Heute kann er darüber sprechen. Weil er einen Freund gefunden hat, der mit ihm täglich Deutsch lernt. „Köppi ist mein Lehrer. Seit wir zusammen in Schweinfurt wohnen, üben wir jeden Tag. Der, die, das ist noch schwer. Aber es wird immer besser“, sagt Awata stolz.

„Wir lieben gutes Essen. Mo kann kochen, ich kann verdammt gut essen. Jede Deutschstunde kostet ein Essen“, lacht Köppel. Die beiden Fußballer verbindet mehr als ihre gemeinsame Zeit beim TSV 1860. „Köppi ist viel mehr als Habibi für mich“, sagt Awata. „Habibi heißt Freund“, erklärt Awata. „Aber für Köppi gibt es auf Deutsch ein besseres Wort. Er ist mein Bruder, meine Familie. Ich verdanke ihm so viel“, sagt der 25-jährige. Awata war bereits mit 16 Jahren Profi in Syrien. Er schaffte es in die U21-Nationalelf und machte sogar ein Spiel in der asiatischen Champions-League.

Mohamad Awata über Syrien: „In diesem Land konnte ich nicht mehr leben.“

Dann kam der Bürgerkrieg. Und mit ihm die Bomben. „Jeden Tag. 200 Bomben. 365 Tage im Jahr. In diesem Land konnte ich nicht mehr leben. Es war alles kaputt“, sagt Awata. Der 25-Jährige zeigt ein Bild auf seinem Handy. Ein Wohnhaus liegt in Trümmern. „Schau Köppi. In dieser Straße bin ich aufgewachsen. Das ist die Wohnung meiner Familie. Fünf Stockwerke, dann kam eine Bombe. Es war alles am Boden. Wie soll darin noch ein Mensch leben? Die ganze Stadt schaut so aus.“ Nach dem Tod seiner Mutter floh Awata aus Syrien. „Ich hatte Angst vor dem Tod. Aber lieber auf der Flucht sterben, als so weiter leben“, sagt Awata und legt das Handy weg.

Es gibt jetzt Wichtigeres als die Vergangenheit und den Krieg. Die zweite Halbzeit der Löwen gegen den FSV Zwickau beginnt. „Ich liebe diesen Verein. Die Farben, die Fans“, schwärmt Awata. Beim TSV 1860 durfte er nach seiner Flucht vorspielen. „Daniel Bierofka hat mir eine Chance gegeben. Ich habe zuvor vier Jahre kein Fußball mehr gespielt. In diesem Probetraining ging es um mein Leben.“ Awata erhielt einen Vertrag, aber nach dem Abstieg der Profis in die Regionalliga keine Chance mehr.

Er spielt das Video von der Aufstiegsparty nach dem Saarbrücken-Spiel ab. „Ich liebe dieses Video. Wie viele Fans auf dem Platz stehen. Unglaublich. Und jetzt fangen sie an zu singen: Einmal Löwe, immer Löwe, hei, hei!“, singt Awata und zeigt Köppel das Video. „Gleich kommt die Bierdusche von mir“, sagt Köppel. Gemeinsame Erinnerungen an die Zeit beim TSV 1860. Festgehalten auf dem Handy.

Christian Köppel über TSV 1860: „„Es tut sehr weh, nicht mehr dabei zu sein.“

Heute sehen beide den Verein ihres Herzens nur noch im Fernsehen. Efkan Bekiroglu trifft zum 2:0. „Effe!!!!!“, schreit Köppel und ballt die Faust. Zwölf Jahre hat er für 1860 gespielt. Bei den Fans ist er ein Held. Nach dem Abstieg in die Regionalliga erzielte er das erste Tor. Im Relegationshinspiel gegen Saarbrücken legte er das Siegtor von Sascha Mölders auf. Nach dem Aufstieg erlebte er das gleiche Schicksal wie Awata im Jahr zuvor. Er spielte keine Rolle mehr. „Es tut sehr weh, nicht mehr dabei zu sein. Aber wenn ich Biero im Fernsehen sehe, denke ich mir: Trainer, wir steigen mit Schweinfurt auf. Wir sehen uns nächstes Jahr in der 3. Liga im Grünwalder Stadion wieder“, sagt Köppel.

Mehr als Freundschaft: „Für Köppi gibt es auf Deutsch ein besseres Wort. Er ist mein Bruder“, sagt Awata.

Der 24-Jährige kämpft für seine sportlichen Ziele. Doch der Fußball alleine gibt seinem Leben kein Fundament, keinen Sinn. Wie Awata glaubt er an Gott. „Der gemeinsame Glaube, dass es auf dieser Welt etwas viel Größeres gibt, verbindet Mo und mich nur noch viel mehr“, sagt Köppel und betont: „Ob Moslem oder Christ spielt für uns keine Rolle.“ In einem Umfeld, in dem sich jeder selbst der Nächste ist, hat Köppel Fußballer aus dem Sportlerhauskreis kennengelernt. „Das ist ein normaler Gottesdienst, den auch Ze Roberto oder Rafinha besuchen. Ich habe so zu Gott gefunden. Das hat mein Leben verändert.“ Seitdem geht Köppel sehr offen mit seinem Glauben um. Er postet regelmäßig Botschaften auf Instagram und Facebook. Die Überwindung zu Beginn war riesig. Wer mit seinem Glauben offen umgeht, trifft auf Skepsis.

Christian Köppel: „Was ist der Köppel nur für ein Spinner?“

„Viele denken sich: Was ist der Köppel nur für ein Spinner? Wer geht in diesem Alter noch in einen Gottesdienst?“, sagt Köppel. Doch der Fußballer fand in der Religion vieles, was er in seinem Leben zuvor nicht kannte: „Die Freundschaft zu Mo ist doch das perfekte Beispiel. Im Glauben geht es auch um Nächstenliebe. Darum, auf andere Menschen zuzugehen. Es ist Gottes Wille, dass ich ein Vorbild bin.“ Awata nickt. Er versteht jedes Wort: „Ich habe auch den besten Deutschlehrer“, sagt er, lacht und schaut zu Köppel: „Ich habe meine Mutter verloren. Aber Gott hat mir mit Köppi einen Bruder geschenkt. Ich bin ihm unendlich dankbar.“

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