Extrem-Fans sprechen über das Virus

„Das Schlimmste ist die Ungewissheit“: Löwen-Allesfahrer über Corona

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Corona-Sicherheitsabstand muss sein: Die Allesfahrer auf dem 1860-Gelände.

Was tun Menschen, deren Leidenschaft normalerweise auf einen Fußballverein konzentriert ist? Drei Allesfahrer des TSV 1860 über die Corona-Krise.

  • Das Coronavirus* hat auch denTSV 1860 München voll im Griff.
  • Die dritte Liga und der Trainingsbetrieb ruhen.
  • Drei Allesfahrer beschreiben ihre Gedanken zum Virus und zum Verein.

München – Die Stadt ist wie leer gefegt in diesen Tagen. Kaum Autos, kein Berufsverkehr. Es muss also gute Gründe haben, wenn sich Menschen verspäten, die für ihre Pünktlichkeit bekannt sind – schon aufgrund ihres verbindenden Hobbys.

Überpünktlich zum Interview erschienen ist Roman Wöll, der seit 12.55 Uhr das verlassene Löwengelände auf sich wirken lässt („Ungewohnt, irgendwie traurig“), und als 15 Minuten später auch Franz Hell und Fritz Fehling um die Ecke biegen, wird schnell klar, dass drei der größten Fans des TSV 1860 auch in Krisenzeiten nicht bereit sind, gewisse Prinzipien über Bord zu werfen. „Jetzt musste ich extra einen Bogen um die Säbener Straße fahren“, ruft Hell und schiebt entschuldigend hinterher: „Der Fritz hat darauf bestanden.“ Ein Umweg, für den Wöll, intern „Chef“ genannt, maximales Verständnis zeigt. „Ich war noch nie im Leben an der Säbener“, betont er, was schon ziemlich gut erklärt, warum die drei Ü 60-Sechzger in den letzten 50 Jahren so viel Zeit miteinander verbracht haben.

Roman Wöll.

TSV 1860: Allesfahrer haben die Meisterschaft miterlebt

Allesfahrer werden die drei leidenschaftlichen Löwen genannt, die ihrem TSV ins entlegenste Stadion der Fußballwelt gefolgt sind, aber nicht für viel Geld die 700 Meter rüber zum FC Bayern laufen würden. Hell, Wöll und Fehling waren mit 1860 in Meppen und Völklingen, im finnischen Pori, an der bulgarischen Schwarzmeerküste und sogar in Korea. Sie haben als junge Fans den Meisterlöwen zugejubelt (1966), später zusammen Abstiege betrauert, Aufstiege gefeiert, zehn Jahre in der Bayernliga verbracht und 2017 auch den Zwangsabstieg in die viertklassige Regionalliga überstanden. Zuletzt lief es wieder etwas besser für die Blauen und ihre treuen Begleiter: 14 Spiele in Folge hat das Drittligateam von Michael Köllner nicht verloren, und es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, dass es nun ein Virus ist, das den drei Altlöwen und ihren Hoffnungen einen gehörigen Dämpfer verpasst. „Jetzt ham’s uns ausgebremst, aber richtig“, sagt Wöll. Fehling drückt es ähnlich aus: „Sportlich ist es gut gelaufen, da gibt’s nix. Wir sind auf dem richtigen Weg. Es passt zu 1860, dass jetzt wieder irgend so ein Klotz daherkommt, wo bremst.“

Coronavirus: Spielbetrieb soll bis mindestens Ende April ruhen

Und was für ein Bremsklotz das ist. Mindestens bis Ende April soll der Spielbetrieb in der 3. Liga ruhen, und wie es danach weitergeht, mit Geisterspielen und Englischen Wochen oder gar nicht, steht in den Sternen. Schon für den normalen Fußballfan ist das eine Zeit der Entbehrung, die schwer auszuhalten ist. Allesfahrer, die zum Daheimbleiben verdammt sind, leiden aber vielleicht noch etwas mehr, wie alle drei ohne Umschweife bestätigen. „Persönlich geht’s mir gut, da fehlt’s an nix“, sagt der 68-jährige Fehling, „aber es fehlt natürlich schon was. Mein Hauptthema ist nun mal der Verein mit den vier Zahlen. Seit’s die Bundesliga gibt, seit 1963, renn’ ich hinter denen her.“

Zweite Mannschaft, A- und B-Junioren – nicht mal ein Profi-Ersatzprogramm ist derzeit geboten. Das Schlimmste, sagt Wöll, ist die Ungewissheit, wie’s weitergeht. „Wenn’s absehbar wäre, dass man sagt: In zwei, drei Wochen ist’s vorbei, dann könnt’ ma’s schon hinbringen, aber so, wie’s grad ausschaut . . . Das kann ja noch Monate dauern. Für uns wäre das natürlich der Super-GAU.“

TSV 1860 München: Allesfahrer sortieren ihre Sammlungen

Schon jetzt ist es ja zumindest ein mittlerer GAU, dass Wochenenden gefüllt werden müssen, die jahrzehntelang eine feste Struktur hatten. „Es ist schon eine Umstellung, wenn man Samstag- oder Sonntagmittag nicht zum Fußball fährt, sondern die x-te Folge einer Serie anschaut, die man schon 1000 Mal gesehen hat“, sagt Hell. „Oder man holt wieder irgendein altes Video von alten Spielen raus. Ich hab Gott sei Dank relativ viele.“

Nicht nur er. 230 VHS-Kassetten mit je 240 Minuten Laufzeit sind es bei Wöll nach eigener Schätzung, was Fehling vielleicht sogar toppen kann – „bloß ist das bei mir nicht so geordnet“. Zuletzt hat sich der Mann mit dem langen Bart „1977“ rausgepickt und in den Rekorder gelegt, die drei Relegationskrimis gegen Bielefeld (0:4, 4:0, 0:2): „Das war das erste Mal, dass wir eine Durststrecke hinter uns gebracht haben (sieben Jahre 2. Liga/Red.) und es positiv weitergegangen ist.“ Ein kleiner Mutmacher in diesen Zeiten.

Fritz Fehling.

Es sind trübe Tage, auch für Hell, der allerdings stets betont, die „Restriktionen“ der Regierung gut zu heißen, schließlich sei Gesundheit das höchste Gut und man könne nur hoffen, „dass der Kelch irgendwie insgesamt an uns vorübergeht“. Auch Wöll sagt: „Am Anfang hab ich’s nicht so ernst genommen, aber wenn man von den vielen Todesfällen in Italien liest . . . Ich bin nicht in Panik, aber natürlich bin ich auch nicht mehr der Jüngste.“ Im Vergleich mit Hell, 66, und Fehling ist er das zwar schon, aber auch Wöll, 65, lässt in diesen Tagen Vorsicht warten, verlässt das Haus nur, um seine Hausmeisterei zu führen.„Langweilig wird’s mir nicht“, sagt er, „aber wenn’s jetzt noch Monate dauert, dann wird’s schon ein Problem.“ Auch für das Eheleben? Frau Wöll ist so viel Zweisamkeit gar nicht mehr gewöhnt, doch keine Sorge, sagt ihr Gatte: „Ein Zerwürfnis gab’s noch nicht. Ich bin ja ein friedlicher Mensch.“ Lächelnd fügt er hinzu: „Und häusliche Gewalt wird’s bei uns auch nicht geben.“

TSV 1860: Kompensationshandlungen bei den Allesfahrern

Wie in vielen Haushalten während der Coronakrise stehen auch bei den Allesfahrern Kompensationshandlungen hoch im Kurs. Hell zum Beispiel überträgt gerade seine handschriftlichen Spielaufzeichnungen in eine Excel-Datei. „1900 bis 2018, die letzten drei Tage bin ich gut vorangekommen. Bis zum Jahr 1996. So gesehen hat die Pandemie auch etwas Gutes“, scherzt er. Wöll sagt, über sich selbst staunend: „Ich hab schon die Steuererklärung für letztes Jahr gemacht. Völlig verrückt – so früh war ich noch nie dran.“

Franz Hell.

Abwarten, sich ablenken, Zeit überbrücken. Hell bringt das Leben der zum Nichtfahren verbannten Allesfahrer auf den Punkt: „Du kannst eigentlich bloß schauen, dass du dich einigermaßen beschäftigst.“ Und auch das ist wichtig: Der Grundoptimismus der tiefblauen Allzeitlöwen darf nicht in den Keller sacken. Doch selbst dafür, betont Wöll, hat er ein Gegenmittel im VHS-Schrank: „Wenn ich mal ganz schwermütig bin, dann mach’ ich vielleicht den Wettberg rein, 1991. Oder Meppen (der Bundesliga-Aufstieg 1994/Red.). Aber ganz so weit ist es zum Glück noch nicht.“

Uli Kellner

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Die Spieler des TSV 1860 München harren in der Corona-Krise der Dinge. Um sich bei Laune zu halten, haben die Löwen-Profis eine Challenge gestartet.

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