Exklusiv-Gespräch mit Ex-Trainer

Bierofka im Exklusiv-Interview: „Die Löwen werden immer mein Verein sein“

Daniel Bierofka und Markus Fauser beim 1860-Spiel gegen Duisburg auf der Tribüne des Grünwalder Stadions.
+
„Unsere Tarnung ist relativ schnell aufgeflogen“: Daniel Bierofka (r.) mit Ex-Geschäftsführer Markus Fauser beim Löwen-Spiel gegen Duisburg.

Zwei Jahre hat es gedauert, bis Daniel Bierofka mal wieder ein Spiel der Löwen live im Stadion erlebte. Hier spricht der Ex-Coach erstmals seit seinem Rückzug.

Daniel Bierofka, überraschend saßen Sie beim 3:2-Sieg der Löwen gegen Duisburg auf der Tribüne, erstmals seit Ihrem freiwilligen Rückzug im Herbst 2019. Wie kam’s dazu?

Bierofka: Am Samstag war’s einfach eine gute Gelegenheit. Unmittelbar nach meinem Rückzug hatte ich keinen Drang verspürt, dann kam der Lockdown – und mein Trainerjob in Innsbruck. Markus Fauser hatte mich gefragt, ob ich mal Lust hätte – wir sind ja seit damals befreundet (seit Bierofka und der Sanierer aus Stuttgart die Scherben nach dem Doppelabstieg 2017 zusammengekehrt haben/Red.). Natürlich habe ich sofort Ja gesagt. Keiner weiß ja, ob nicht bald wieder Geisterspiele kommen.

Eine Rückkehr nach zwei Jahren – wie viele Emotionen waren da im Spiel?

Bierofka: Ein bisschen komisch hat es sich schon angefühlt. Wir hatten ja am Trainingsgelände geparkt – da war schon der Fußweg etwas Besonderes. Es hat dann auch richtig Spaß gemacht, mal wieder im Stadion zu sitzen und die einzigartige Atmosphäre mal wieder mitzubekommen.

Wie haben die Fans reagiert?

Bierofka: Der eine oder andere hat schon geschaut. Wir hatten ja FFP2-Masken auf, deswegen waren sich einige nicht sicher, ob ich’s wirklich bin. Im Spaß hab ich zu Markus Fauser gesagt: „Unsere Tarnung hat ja nicht lange gehalten.“

Stadionsprecher Sebastian Schäch begrüßte Sie als „Vorzeigelöwen“, die Fans sangen: „Ohne Biero wär’n wir gar nicht hier“. Hatten Sie mit so einem herzlichen Empfang gerechnet?

Bierofka: Ich war schon überrascht, als nach fünf Minuten die Durchsage kam – und die Reaktion der Tribüne. Ein schönes Gefühl! Da merkt man, dass man in all den Jahren nicht so viel verkehrt gemacht haben kann.

Nebenbei konnten Sie eine kleine Rechnung begleichen. Sie sollen ja nicht so begeistert gewesen sein, dass Michael Köllner 2019 auf der Tribüne auftauchte, in einer für Sie schwierigen Phase . . .

Bierofka: Dass sich Trainer Fußballspiele anschauen, ist doch ganz normal. Ich glaube nicht, dass Michael Köllner damals den Hintergedanken hatte, mich ablösen. Als Trainer geht es ja auch darum, dass man im Karussell drin bleibt. Auch ich werde demnächst vielleicht mal in Unterhaching oder sonst wo auf der Tribüne sitzen.

Einmal Löwe, immer Löwe: Gilt auch (wieder) für Ex-Trainer Daniel Bierofka.

Also sind Sie mit Ihrem Nachfolger im Reinen?

Bierofka: Zwischen Michael Köllner und mir ist alles okay. Ich hatte ihm damals kondoliert, als sein Vater gestorben ist. Seitdem hatten wir den einen oder anderen Kontakt. Zum Sieg am Samstag hab ich ihn auch beglückwünscht. Ich hoffe, dass die drei Punkte Auftrieb geben und sie noch mal eine Serie starten. Die Mannschaft hat auf jeden Fall die Qualität dazu, zehn Spiele oder mehr ungeschlagen zu bleiben – mit hoffentlich mehr Siegen als Unentschieden. In der 3. Liga ist alles möglich, wie wir wissen.

Von Verbitterung, was 1860 angeht, ist nichts mehr zu spüren, wenn man Sie so reden hört.

Bierofka: Die gab’s auch nie. Klar war im ersten Moment eine Enttäuschung da – vor allem, wenn man weiß, wie manche Dinge gelaufen sind. Aber: Zeit heilt alle Wunden. Ich werde immer ein Sechzger bleiben. Das eine ist der Verein, das andere sind handelnde Personen. Ich hatte mich deswegen auch komplett rausgenommen, überhaupt keine Interviews gegeben in den zwei Jahren. Mein Ziel war, dass da nichts Negatives zurückbleibt.

Das eine ist der Verein, das andere sind handelnde Personen. Ich hatte mich deswegen auch komplett rausgenommen und überhaupt keine Interviews gegeben in den zwei Jahren. Mein Ziel war, dass da nichts Negatives zurückbleibt.

Daniel Bierofka über seine Art der Vergangenheitsbewältigung.

Sind Sie auch mit denen im Reinen, von denen Sie damals enttäuscht waren? Gab es Aussprachen?

Bierofka: Aussprachen gab es nicht, die braucht es aber auch nicht.

Zum Sportlichen: Wie fanden Sie das Spiel?

Bierofka: Ich fand’s super, extrem packend – es ging ja rauf und runter. Torchancen auf beiden Seiten, vier Pfostentreffer, zwei Elfmeter, einen davon verschossen. Dazu der Spielverlauf: 0:1 hinten, 2:1 geführt, 2:2, dann doch noch der Sieg. In der zweiten Halbzeit war es ein offener Schlagabtausch. Als verantwortlicher Trainer wünscht du dir sicher ein kontrollierteres Spiel, aber für die Zuschauer war es ein Vergnügen.

Emotional wie der ganze Verein.

Bierofka: Ja, aber wenigstens mit einem guten Ausgang, da ist ja schon mal wichtig.

Emotionaler Höhepunkt: Daniel Bierofka (mit Phillipp Steinhart) nach dem Aufstieg in die 3. Liga am 27. Mai 2018.

Viele Spieler aus Ihrer Zeit sind ja noch da. Erkennen Sie auch noch sportliche Bierofka-Elemente, die die zwei Jahre überdauert haben?

Bierofka: Unabhängig von meiner Person freue ich mich, dass noch viele Jungs da sind, die unter mir gespielt haben: Sascha, Vino, Steini, Marco (Mölders, Wein, Steinhart, Hiller/Red.). Es ist kein komplett neues Team, das da jetzt auf dem Platz steht. Deswegen wünsche ich den Jungs auch das Allerbeste!

Bei Wacker Innsbruck sind Sie seit Oktober raus. War das eine ähnliche Erlösung wie damals bei 1860? Was die Turbulenzen in Innsbruck angeht, gab es ja durchaus Parallelen.

Bierofka: Sagen wir so: Geplant war es über drei Jahre, als ich in Innsbruck unterschrieben hatte. Natürlich war damals nicht abzusehen, dass der Investor dann die Zahlungen einstellt… Am Ende haben wir die Aufstiegsrelegation um ein Spiel verpasst. Wir mussten sieben Spieler abgeben und konnten nur einen verpflichten. Das war alles nicht so einfach, auch wegen der Erwartungshaltung – Innsbruck ist ja wie 1860 ein Traditionsverein. 2021 hab ich dann bis zu meiner Freistellung einen Zwei-Punkte-Schnitt geholt – am Ende aber nicht genug, wahrscheinlich auch wegen des wirtschaftlichen Drucks.

Frust in Tirol: Anfang Oktober wurde Daniel Bierofka als Trainer von Wacker Innsbruck freigestellt.

Verbucht als weiteres Kapitel Berufserfahrung?

Bierofka: Es war schon ein Job, den ich mit sehr viel Leidenschaft gemacht habe. Das war eine richtig gute Truppe, auch vom Charakter her. Bei 1860 hatte ich den Rücktritt allein entschieden, diesmal war’s eine Freistellung. Ich konnte es relativ schnell abhaken, weil es natürlich nicht ganz so emotional war.

Haben Sie schon eine Idee, was Sie als Nächstes machen?

Bierofka: Ich hatte direkt ein Angebot aus der 3. Liga – der Zeitpunkt war aber zu früh. Donnerstag kam die Freistellung, Samstag hätte ich schon woanders aufschlagen sollen. Für den Kopf war das zu viel - und ich wollte es meiner Familie auch nicht antun. Grundsätzlich bin ich aber offen für alles. Ich könnte mir auch vorstellen, wieder in den Ausbildungsbereich zu gehen, das hatte mir bei 1860 sehr viel Spaß gemacht.

Ist Heimatnähe weiterhin ein wichtiger Faktor für Sie? Oder würden Sie auch nach NRW oder Norddeutschland gehen?

Bierofka: Momentan ist Heimatnähe schon ein Faktor. Mein Sohn wird jetzt 16, in dieser wichtigen Phase möchte ich gerne für ihn und die Familie da sein. Wenn was kommen sollte, das weiter weg wäre – dann müsste es schon zu 100 Prozent passen. Schauen wir mal, was so reinfliegt.

Ich bin offen für alles, aber ich mache nur Dinge, von denen ich überzeugt bin. Nach allem, was ich schon erlebt habe, schreckt mich nichts mehr ab.

Daniel Bierofka über ein mögliches Interesse am Trainerjob bei Türkgücü.

Bei Türkgücü ist gerade was freigeworden. Wäre das für Sie vorstellbar?

Bierofka: Dazu müsste man miteinander reden – und schauen, ob man auf einer Wellenlänge liegt. Wie gesagt: Ich bin offen für alles, aber ich mache nur Dinge, von denen ich überzeugt bin.

2021 hat Türkgücü schon vier Trainer verschlissen, der Verein wird mit nervöser Hand geführt. Schreckt das nicht ab?

Bierofka: Nach allem, was ich schon erlebt habe, schreckt mich nichts mehr ab.

Entspannter wäre sicher ein Job im Ausbildungsbereich, den Sie sich ja vorstellen könnten. In der Grünwalder Straße 114 werden immer gute Jugendtrainer gesucht. Wie wäre es mit einer Rückkehr zu 1860?

Bierofka: Das ist, glaube ich, eine Frage an andere Leute. Ob die sich das vorstellen können . . . (lacht). Wie gesagt: Zeit heilt alle Wunden. 1860 wird immer mein Verein bleiben. Und im Leben soll man generell niemals nie sagen.

Wird man Sie denn jetzt auch häufiger im Grünwalder Stadion antreffen?

Bierofka: Definitiv! Wenn es zeitlich mal wieder passt, nehme ich die Chance gerne wahr. Wie gesagt: Es hat mir richtig Spaß gemacht am Samstag!

Und was ist Ihre Prognose für den Rest der Saison?

Bierofka: Wenn man die Tabelle sieht, ist vieles möglich. Klar darfst du die hinteren Plätze nie aus den Augen verlieren, aber wie Michael Köllner gesagt hat: Wenn du einen Lauf startest, bist du relativ schnell wieder da, wo 1860 auch hinwill – und hingehört.

Klar darfst du die hinteren Plätze nie aus den Augen verlieren, aber wie Michael Köllner gesagt hat: Wenn du einen Lauf startest, bist du relativ schnell wieder da, wo 1860 auch hinwill – und hingehört.

Daniel Bierofka über die Aufstiegschancen der Löwen.

Klingt so, als würden Sie gerne noch mal mit 1860 einen Aufstieg feiern.

Bierofka: (lacht) Klar! Wenn ich eine Einladung bekomme, bin ich gerne dabei. Die Feier nach der Relegation wird aber schwer zu toppen sein.

Interview: Uli Kellner

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Kommentare