TSV 1860: Interview mit Sportchef Gorenzel

„Das macht Michael Köllner sensationell!“

Sportchef Günther Gorenzel schaut zu Trainer Michael Köllner.
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„Harmonisch, zielgerichtet und hochprofessionell“: Sportchef Günther Gorenzel über sein Verhältnis zu Trainer Michael Köllner.

Der Trainer spricht von einem „Top-Transfersommer“. Und Sportchef Gorenzel, der die neun Neulöwen verpflichtet hat? Der schwärmt von einem magischen Dreieck.

Das Fotomotiv dieses 1860-Sommers: Sportchef Günther Gorenzel, 50, neben einem neuen Spieler. Neunmal wurden Pressemitteilungen mit dieser Pose an die Redaktionen versandt – so viele Hoffnungsträger hat der Vorjahresvierte für seine geplante Aufstiegssaison an Land gezogen. Unser Interview mit dem Mann, der all diese Verträge unterschrieben hat – mit links, weil es der rechten Schulter nach einer Eishockeyverletzung nach wie vor schlecht geht.

Herr Gorenzel, Michael Köllner sagt, er habe noch nie so viel Verantwortung für Transfers übernommen. Hat der Trainer Ihnen die Arbeit abgenommen?

Gorenzel: Da muss ich schmunzeln. Es war bei neun Transfers ganz einfach mehr Gestaltungsspielraum da – deswegen ist beim Trainer vielleicht dieser Eindruck entstanden.

Wie viel Köllner steckt im neuen Kader und wie viel Gorenzel?

Gorenzel: Nicht mehr und nicht weniger als bisher. Es sind auch in den letzten Jahren keine Transfers gemacht worden, ohne dass diese im gleichseitigen Dreieck zwischen der Scoutingabteilung von Jürgen Jung, dem Cheftrainer Michael Köllner samt Trainerteam und meiner Person abgestimmt wurden.

Der Trainer spricht von einem „Top-Transfersommer“. Sie auch?

Gorenzel: Wir haben uns bewusst dazu entschieden, das Team umzubauen. Ich sehe das ganz nüchtern: Wir hatten jetzt die Möglichkeit, neun Kaderpositionen zu verändern. Wenn du zweimal um Haaresbreite am Ziel vorbeischrammst, dann ist es normal, dass man die Strategie wechselt. Letztes Jahr hätte es niemand verstanden, dass wir unser Platz-vier-Team radikal umbauen, dieses Mal haben wir Verträge gezielt auslaufen lassen.

Interview unter der Taktiktafel: 1860-Sportchef Günther Gorenzel (r.) im Gespräch mit Sportredakteur Uli Kellner.

Herrschte bei allen Transfers Einigkeit im von Ihnen beschriebenen Dreieck?

Gorenzel: Ich kann sagen, dass ich so lange inhaltlich Dinge in diesem Dreieck einfordere, bis Einigkeit herrscht.

Erklären Sie doch mal bitte, wie so ein Transfer, sagen wir der von Jesper Verlaat, angebahnt und abgewickelt wird?

Gorenzel: So etwas wird über Wochen und Monate in Zusammenarbeit mit der Scoutingabteilung vorbereitet. Für jede Position gibt es bei uns zehn bis 15 Kandidaten, also 150 bis 200 Spieler, die wir im Laufe einer Saison sichten und mit denen wir uns beschäftigen. Dann beginnt die Abstimmung mit dem Trainer. Wo sieht Michael Köllner die Prioritäten, wo ich? Am Ende bleiben zwei, drei Spieler pro Position übrig.

Die dann von Ihnen kontaktiert werden?

Gorenzel: Der Erstkontakt findet immer über die Berater statt. Man klopft ab, wohin finanziell die Reise gehen soll. Werden Größenordnungen aufgerufen, die für uns nicht darstellbar sind, kehre ich in unser Dreieck zurück – und der nächste Kandidat wird kontaktiert.

Trainer Köllner hat im Zusammenhang mit den Transfers explizit Anthony Power gelobt.

Gorenzel: Prinzipiell kann man nur gemeinschaftlich im Team erfolgreich sein. Und in diesem Zusammenhang ist in der Kommunikation der Geschäftsführung zu unserem Gesellschafter HAM International Limited Anthony Power ein wichtiger Ansprechpartner. Genauso wie Robert Reisinger und seine Präsidiumskollegen wichtige Ansprechpartner für die Geschäftsführung zum Gesellschafter e.V. sind.

Oft ist vom Menschenfänger Köllner die Rede? Ist er bei diesen Gesprächen das Zünglein an der Waage?

Gorenzel: Absolut. Das ist eine der Qualitäten von Michael Köllner, das macht er sensationell. Was man aber auch sagen muss: Die Marke 1860, der Standort München und unser ambitioniertes Konzept – das alles zieht. Wir sagen nicht: Schauen wir mal, was passiert. Sondern wir sagen ganz klar: Wir wollen den Wunsch des gesamten Vereins in die Tat umsetzen und alles dafür tun aufzusteigen. Wenn man sich die Spieler ansieht, die wir geholt haben: Die hätten fast alle auch in der 2. Liga unterschreiben können.

Sinngemäß: Lieber 3. Liga mit 1860 in der schönen Stadt München als 2. Liga woanders?

Gorenzel: Es ist uns gemeinschaftlich jedenfalls gelungen, ihnen unsere Konzeption schmackhaft zu machen. Wir haben ihnen gesagt: Passt auf, ehe Ihr woanders eine Backup-Rolle habt oder Euch matchen müsst, kommt doch lieber zu uns und werdet Leistungsträger! So hat am Ende ein Rädchen ins andere gegriffen – und so ist dieser Transfersommer zu erklären.

Köllner sagte, 1860 habe sämtliche Wunschspieler bekommen, es hätte keine einzige Absage gegeben. Was sind die Gründe?

Gorenzel: Entscheidend war die Verfügbarkeit der Mittel – und der diesbezügliche Zeitpunkt. Heuer war es so, dass wir sehr früh Entscheidungen treffen konnten. Wären wir nur zwei, drei Wochen später dran gewesen, hätten wir die Topkandidaten sicherlich nicht mehr bekommen. Zumindest nicht die, die von der ganzen 3. Liga und Teilen der 2. Liga gejagt werden.

Es heißt, der neue Kader sei nicht teurer als der letztjährige. Wie geht das, dass man mutmaßlich bessere Spieler für das gleiche Geld bekommt?

Gorenzel: Da spielen mehrere Effekte mit rein. Einer ist, dass sich Türkgücü aufgelöst hat und 15 Topspieler auf den Markt gespült wurden. Das heißt: Es gibt mehr Angebot, aber weniger Nachfrage auf Grund des Corona-Effekts: Die Etats einiger Vereine sind heuer offensichtlich enger gesteckt und somit werden folglich Kaderplätze reduziert.

Vorige Saison gab es Spieler, die mehr als 20 000 Euro im Monat verdient haben. Hat man bei 1860 zu lange auf den Faktor Geld gesetzt?

Gorenzel: Ich werde hier keine Zahlen bestätigen, aber Fakt ist: Wir haben schon immer auch auf so genannte weiche Faktoren gesetzt. Nur: Vor zwei Jahren hatten wir eine andere Strategie. Damals war der Gedanke, den auch viele Experten unterstützt haben: Du brauchst eine Achse an Spielern mit Erfahrung in höheren Ligen. Die kosten natürlich, wenn du sie direkt aus diesen Spielklassen holst und nicht über den Umweg 3. Liga. Aktuell haben wir sieben Spieler, die in der Vergangenheit schon höherklassig gespielt haben, jedoch in letzter Zeit in der 3. Liga, und vielleicht heißt es in ein paar Wochen in den Diskussionen: Wieso habt Ihr nicht Spieler mit direkter Zweitligaerfahrung geholt?

Wir wollen den Wunsch des gesamten Vereins in die Tat umsetzen und alles dafür tun. Wenn man sich die Spieler ansieht, die wir geholt haben: Die hätten fast alle auch in der 2. Liga unterschreiben können.

1860-Sportchef Günther Gorenzel.

Täuscht der Eindruck oder tritt Köllner lauter auf als früher, fast so dominant wie einst Werner Lorant. Was ist der Grund dafür?

Gorenzel: Ich nehme kein verändertes Auftreten wahr. Ich überlasse Michael Köllner gerne den Part des Frontmannes in der Öffentlichkeit. Ich denke, das passt mit meinem Verhalten perfekt zusammen in dieser Rollenverteilung und ist auch gelebte Praxis in den meisten Profifußballclubs. Die Rolle des Cheftrainers hat sich in den letzten 20 Jahren stark verändert. Heutzutage  ist der Cheftrainer einer der wichtigsten Repräsentanten eines Profifußballclub in der Öffentlichkeitsarbeit.

Wie würden Sie aktuell Ihr Verhältnis zum Trainer beschreiben?

Gorenzel: Harmonisch, zielgerichtet und hochprofessionell.

Nachdem der neue Kader nun auch ein Köllner-Kader ist, gibt es nun keine Ausrede mehr für einen Nichtaufstieg, oder?

Gorenzel: (lacht) Den Wunsch des Vereins aufzusteigen teilen wir mit sechs, sieben anderen Mannschaften – die auch ähnliche Voraussetzungen haben. Es wäre daher respektlos zu sagen: Wir marschieren jetzt durch die Liga.

Der Erfolgsdruck dürfte aber zunehmen.

Gorenzel: Ich glaube nicht, dass wir mehr Erfolgsdruck haben als in den letzten Jahren, wo wir auch schon über gute Kader verfügt haben. Es ist eine gewisse Euphorie spürbar, ich bin aber ein Mensch, der sich generell nicht so von Emotionen leiten lässt. Nüchtern betrachtet war die Erwartungshaltung immer schon hoch.

Die größte Gefahr ist wahrscheinlich, dass durch die vielen Wechsel auch der Teamspirit leidet?

Gorenzel: Diese Ausrede darf nicht gelten. Wir haben uns bewusst für diesen Umbruch entschieden – und wir haben jetzt fünf Wochen Zeit, den richtigen Spirit zu entwickeln.

Die Löwen gehen in ihre fünfte Drittligasaison, dreimal hat es zuletzt nicht ganz für den Aufstieg gereicht. Wie viele Anläufe geben Sie sich noch?

Gorenzel: Ich bin jetzt knapp zehn Jahre bei diesem tollen Verein, die letzten fünf im Management. Mich reizt das Potenzial, das von der Marke 1860 ausgeht. Das ist noch lange nicht ausgereizt. Solange ich Gestaltungsmöglichkeiten sehe, werde ich keine Ruhe geben.

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