„Sechzig ist...“

Mein Gott! Pfarrer Rainer Maria Schießler ist Löwen-Anhänger - darum wurde er kein FC-Bayern-Fan

Pfarrer Rainer Schießler: „Ich glaube, dass dir ein Verein im Idealfall ein Gefühl von Heimat geben kann.“
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Pfarrer Rainer Schießler: „Ich glaube, dass dir ein Verein im Idealfall ein Gefühl von Heimat geben kann.“

Sechzig wird hundert-sechzig! Aus diesem Anlass spricht Pfarrer Rainer Maria Schießler über den Grund, warum aus ihm kein Roter wurde, Ismaik und Lieblingsspieler.

München - Er ist der vielleicht bekannteste Pfarrer Deutschlands: Rainer Maria Schießler (59), Seelsorger der Gemeinden St. Maximilian und Heilig Geist am Viktualienmarkt. Volksnah, diskussionsfreudig, gerne provokant, immer interessant. In unserer Reihe zum 160. Geburtstag des TSV 1860 gibt er uns Einblicke in seine Passion als Fan der Münchner Löwen.

Herr Pfarrer Schießler, die Löwen werden 160 Jahre alt, Sie selbst im Oktober 60. Was wünschen Sie Ihrem Verein?

Schießler (schmunzelt): Zuerst mal frage ich mich, was die Löwen 100 Jahre lang ohne mich gemacht haben. Was ich ihnen wünsche, ist neben sportlichem Erfolg, dass sie ohne größere Schäden durch diese Krise kommen. Übergeordnet ist mein Wunsch die Überwindung des Lagerdenkens. Gefühlt wurde in den letzten Jahren ja jede Kontroverse öffentlich ausgetragen, statt dass man mal einen runden Tisch gemacht hätte.

Auch Ihre Worte nach dem Doppel-Abstieg 2017 klangen nicht versöhnlich, als sie Hasan Ismaiks Rolle bei Sechzig mit der „Babylonischen Gefangenschaft“ verglichen…

Ich weiß, mea culpa. Das waren Sätze aus der Enttäuschung heraus, die ich heute so nicht mehr sagen würde. Die Situation ist komplexer, als dass ich mich da guten Gewissens auf eine Seite stellen könnte. Ich will zu gar keinem Lager gehören, ich will eine Lösung. Meine Hoffnung ist ein Dialog, ein gegenseitiges Über-den-eigenen-Schatten-Springen.

Pfarrer Rainer Schießler mit  tz-Redakteur Ludwig Krammer in  St. Maximilian.

Wie kam es eigentlich, dass Sie ein Blauer und kein Roter geworden sind?

Ich bin 1960 in Laim geboren worden, bei uns in der Nachbarschaft gab’s gar nichts anderes als Sechzig, da wär keiner auf die Idee gekommen, dass er ein Roter wird. Die Meisterschaft 1966 hab ich im Übergang von Kindergarten zu Grundschule mitbekommen. Ein paar Mal durfte ich auch schon ins Stadion mitgehen damals. Unvergesslich.

Erzählen Sie!

Was mich als erstes fasziniert hat, war der Taferlmann oben auf der Kurve, der mit seinem Stangerl die Ziffern für die Tore aufgehängt hat. Daran denk ich heute noch immer, wenn ich die Stange fürs Einhängen vom ewigen Licht in der Kirche in der Hand hab. Überhaupt die ganze Atmosphäre im Stadion, die extreme Nähe der Zuschauer zum Spielfeld. Beim Eckball konntest du ja fast hinlangen an die Spieler. Einmal, das weiß ich noch genau, da hat mir vor einer 1860-Ecke jemand von hinten über die Schulter geplärrt: „Buama, hoit’s eicha Ruam hi!“ Reingeeckt, bumm, Tor! Manchmal frag ich mich, was mir wohl noch einfallen wird, wenn ich mal Demenz krieg. Wahrscheinlich genau der Satz: Hoit’s eicha Ruam hi!

„Bei den anderen drüben gibt’s einfach zu viele“

Gibt’s einen Spieler aus dieser Zeit, der Ihnen besonders viel bedeutet?

Mein Lieblingsspieler ist der Fredi Heiß, wir sind seit Langem befreundet, auch weil ich mit seiner Enkelin, der Lena, zehn Jahre lang Kinderfernsehen gemacht hab. Was soll ich sagen, die Meisterlöwen werden bei 1860 immer was Besonderes bleiben. Ich hab letztes Jahr - auf Vermittlung vom Fredi - den Wilfried Kohlars beerdigt in Oberföhring draußen. Nach der Trauerrede hab ich zu den Spielern von damals gesagt: „Schaut’s, das ist der Unterschied zu den Roten: Ihr werdet’s auf ewig die Meisterlöwen bleiben. Bei den anderen drüben gibt’s einfach zu viele.“

Was verbindet Sie mit dem Sechzig der Neuzeit?

Mei, wo soll ich da anfangen? Als ich Kaplan geworden bin in Giesing 1991, das war für mich auch eine Art Rückkehr zum Fußball. Ich war davor vier Jahre Kaplan in Rosenheim, da bin ich mehr zum Eishockey abgedriftet - überschaubare Stadt, nahbare Spieler, die dir überall über den Weg gelaufen sind. Ich hab die Kinder vom Mondi Hilger getauft, seinen Opa beerdigt. Dale Derkatch, Karl Friesen – das sind bis heute Freunde von mir. Jedenfalls ist dann 1991 die Stelle in Giesing freigeworden, mich hat’s zurückgezogen in die Heimat – und es waren wunderbare Jahre. Wenn’s terminlich irgendwie gegangen ist, bin ich rüber ins Stadion. Auch gegen Neunkirchen beim Aufstieg, wo der Karsten Wettberg den Schirm zamghaut hat. Legendär. Und der Karsten ist so ein feiner Mensch. Ich freu mich jedes Mal, wenn wir uns irgendwo über den Weg laufen und reden können.

Wettberg hat nach 1860 noch etliche Vereine trainiert. Sein Herz brennt bis heute für die Blauen.

Das kann ich vollumfänglich bestätigen (lacht). Ich glaube, dass dir ein Verein im Idealfall ein Gefühl von Heimat geben kann. So geht’s mir bei Sechzig. Der ehemalige Bischof von Innsbruck Reinhold Stecher (2013 verstorben, d. Red.) hat Heimat mal als einen von Liebe durchwehten Ort bezeichnet - schöner lässt es sich nicht ausdrücken. Und dieses Gefühl ist nicht abhängig von maximaler Gewinnausbeute.

„Ich kann mit den Sprüchen leben“

Sonst wär’s auch schwierig mit 1860…

Ich kann Spott ertragen und mit den Sprüchen leben. Ja, der Löwe braucht eine Spezial-Krankenversicherung, ja, er lebt auch am Montag noch - die ganze Palette. Aus jahrzehntelanger Erfahrung wiegen die Jubeltage die Niederlagen immer wieder auf. Bielefeld 1977, Meppen 1994, das Gefühl, wie ganz Giesing getanzt hat beim Aufstieg gegen Saarbrücken vor zwei Jahren - das war einfach berauschend, unglaublich schön. Sowas nimmt dir keiner mehr weg. Und darum ist Sechzig für mich nicht nur ein Teil meiner Identität, sondern auch ein Schmuck. Wenn die Leute an Weihnachten hier in St. Maximilian in die Kirche kommen und ich merke, wie sie als erstes meine Löwen-Christbaumkugeln suchen, dann lacht mein Herz. Denn die Kugeln sind auch ein Statement: Wir genießen den Augenblick. Ein Abstieg bringt uns nicht um.

Was kann die Kirche vom Fußball lernen?

Einiges! Grundsätzlich gibt es ja sehr viele Parallelen zwischen Kirche und Stadion. Zu jedem Spiel gehört das liturgische Gebärden, Gewand, Gesänge. Du hast die Hohepriester, das sind die Spieler, dann die Schriftgelehrten, verkörpert durch den Schiedsrichter, der sagt, was richtig und falsch ist. Es gibt die Regeln analog zu den Kirchengesetzen. Und es findet ein Kult statt, vom Einzug bis zum Auszug. Gut, Auszug gehört jetzt eher Eishockey. Wovon sich die Kirche jedenfalls was abschauen könnte, ist die Lebendigkeit, die Begeisterung. Warum gehen die Leute ins Stadion, warum ist die Auslastung trotz teurer Karten höher als die der Kirchen? Ja weil sich da was rührt, weil man da auch mal aus sich herausgehen kann!

„Bei der Faschingsmesse heuer haben wir geschunkelt“

Sie machen es vor.

Ich kann gar nicht anders. Bei der Faschingsmesse heuer haben wir geschunkelt, die Leute sind aus sich herausgegangen. Das ist für mich fundamental. Kirche muss lebendig sein, Begeisterung steckt an. Ich möchte jeden anstecken, eine Begeisterung zu entwickeln, die frei ist von Fanatismus. Aber: Du bekommst dann natürlich auch Briefe von übrig gebliebenen Erzkonservativen, die sagen, wir hätten damit den Kirchenraum entweiht. Damit muss und kann ich leben.

Stört es sie eigentlich, wenn Fans mit Aufnähern herumlaufen: Verein xy ist meine Religion!

Nein, da muss ich eher schmunzeln. Und wenn mir jemand beim Spiel - wie schon geschehen - sagt, er geht ins Stadion, weil er da die Nähe Gottes eher spürt als in der Kirche, dann antworte ich: Ist in Ordnung - und denk mir, dass ich als Religionsdiener nicht das Recht habe, jemandem vorzuschreiben, wo er seine Gotteserfahrungen macht. Früher hätte ich mich da vielleicht noch aufgeregt nach dem Motto: Dann lass dich bittschön auch vom Zeugwart eingraben, wenn’s soweit ist.

„Natürlich juble ich auch nicht, wenn der Gegner gewinnt“

Kann Fußball ein Religionsersatz sein?

Nicht im Sinne der Unterstützung eines Klubs, der im Wettkampf gegen einen anderen antritt, um ihn zu besiegen. In der Religion und im Glauben wird nicht zwischen Siegern und Verlierern entschieden, da gibt es nur Gewinner. Das ist der entscheidende Unterschied. Ich hab auch ein ungutes Gefühl, wenn Religion zum Religionsersatz wird, nur noch Formel ist, nur noch Pflichterfüllung. wenn der Katechismus wichtiger ist als die Bibel. Glaube ist nicht Formelglaube, Glaube ist Vertrauen, Hingabe. Was der Fußball, der Sport allgemein, im besten Fall schaffen kann, aber meistens nicht schafft, ist das Überwinden von Aus- und Abgrenzung. Dann kann Sport zu einer Quasi-Religion werden. Wenn Fanatismus und Hass regieren, dann ist er eine Pervertierung davon. Natürlich juble ich auch nicht, wenn der Gegner gewinnt, aber es ist ein sportlicher Gegner, kein Feind!

Der letzte Satz hätte jetzt auch von Michael Köllner stammen können.

Wir haben uns schon kennengelernt. Vor dem Adventssingen letztes Jahr im Stadion ist er auf mich zugekommen und hat mir erzählt, dass uns sehr viel verbindet, dass er auch mal Pfarrer werden wollte. Köllner ist in seinem Glauben verwurzelt wie in seiner Arbeit. Er ist unaufgeregt, hat eine tiefe Bescheidenheit in sich drin. Und der Erfolg spricht für ihn als Trainer. Da hat Sechzig großes Glück gehabt, dass sie ihn als Nachfolger der Identifikationsfigur Bierofka bekommen haben.

Die Geisterticket-Aktion des TSV 1860 München kommt bei den Fans gut an. Mehr als 15.000 Karten sind schon verkauft und es ist noch kein Ende in Sicht.

Alfred Böswald, einst Mentalcoach beim TSV 1860, schwärmt vom Gespann Gorenzel/Köllner. Der Geschäftsführer hat demnach sein Profil geschärft, der Trainer sei ein Naturtalent.

Quelle: tz

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