Die Serie zum 75. Geburtstag von Petar Radenkovic

Radi greift die Beatles an!

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Die glorreichen ­Löwen in den 60er Jahren: Grosser, Radenkovic, ­Luttrop, Reich, Patzke (von vorn)

München - Der 6. Mai 1963 – ein für den Münchner Fußball ganz entscheidender Tag. Beim einen Klub knallten die Sektkorken, beim anderen flossen die Tränen.

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Im Hotel Europäischer Hof in Hamburg gab der DFB bekannt, welche 16 Vereine in gut drei Monaten in der neu gegründeten Bundesliga an den Start gehen dürfen. Der TSV 1860 war dabei, als aktueller Süddeutscher Meister eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Der FC Bayern, der Dritter geworden war, wurde nicht berücksichtigt. Es wäre ja auch zu schade gewesen, wenn eine Mannschaft mit Spielern wie Petar Radenkovic, Rudi Brunnenmeier, Fredi Heiß usw. ignoriert worden wäre. Denn jedem Fußballkenner war klar: Diese Truppe, die da an der Grünwalder Straße von Max Merkel trainiert wurde, müsste in den nächsten Jahren zu ganz Großem fähig sein. Und mit diesem „Partisanen“ im Tor würde es auch nie langweilig werden. „Partisan“ wurde Radenkovic von Max Merkel genannt, wenn er gerade mal wieder sauer auf ihn war.

Schon in der ersten Bundesligasaison sorgten die Löwen für Aufsehen: 5:0 gegen Nürnberg, 7:1 gegen Saarbrücken, 6:1 gegen Dortmund, 9:2 gegen den Hamburger SV, 7:1 gegen Schalke – Schützenfeste, die aufhorchen ließen. Leider immer ohne Radi-Tor. Auch wenn er noch so viele Ausflüge unternahm.

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Gekrönt wurde die Saison mit dem Pokalsieg im Sommer 1964, einem 2:0 gegen Eintracht Frankfurt. Mit einem ganz konzentrierten Radenkovic im Tor, der auf jegliche Sperenzchen verzichtete.

Und: Die Löwen waren damit reif für Europa: Union Luxemburg, FC Porto, Legia Warschau, AC Turin – die älteren Löwen-Fans können heute noch die Hürden aufzählen, die von den Sechzigern auf dem Weg ins Europacup-Finale in Wembley genommen wurden. Wobei vor allem die Spiele im Halbfinale gegen Turin unvergessen bleiben. Dem 0:2 in Italien folgten ein hinreißender 3:1-Erfolg in Giesing und das Entscheidungsspiel im Zürcher Letzigrund-Stadion. Die Löwen gewannen es mit 2:0. Vor allem deshalb, weil hinten ein überragender Radenkovic zwischen den Pfosten stand. Beim Stand von 1:0 hielt er mit einem Wahnsinnsreflex einen „Unhaltbaren“ von Simoni, woraufhin Max Merkel hinterher begeistert feststellte: „Das war die beste Leistung, die ich je vom Radi gesehen habe. Kein anderer Torwart auf der Welt hätte diesen Ball gehabt.“

Die Spiele im Europacup-Halbfinale fanden auch in jenen Wochen statt, als die erste Schallplatte des Löwen-Torhüters die Hitparaden stürmte. Bin i Radi bin i König hieß der von einer Blaskapelle unterstützte Ohrwurm, der – zumindest in Deutschland – den Beatles und den Rolling Stones ernsthafte Konkurrenz machte. Rund 400 000 Scheiben drehten sich auf den Plattentellern in den deutschen Wohnzimmern. Radis Form tat der Ausflug ins Showgeschäft überhaupt keinen Abbruch. Im Gegenteil: Er präsentierte sich in diesen Wochen in absolut überragender Verfassung.

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Auch im Endspiel des Europacups, das am 19. Mai 1965 im Londoner Wembley-Stadion gegen West Ham United stattfand. Trotz der Begleitung von 12 000 Fans war das Finale gegen den Klub aus dem Osten Londons aber ein klares Auswärtsspiel, in dem sich die Löwen mehr als teuer verkauften, aber am Ende mit 0:2 den Kürzeren zogen – trotz vieler grandioser Paraden vom „Radi“. Ein englischer Sportjournalist schrieb hinterher: „Seit 20 Jahren gehe ich auf Fußballplätze; ich habe alle großen Mannschaften erlebt. Den besten Torwart, den ich je sah, sah ich heute: Radenkovic!“ Und empfangen wurden die Löwen in München mit einer Begeisterung, als hätten sie den Europapokal mit einem zweistelligen Ergebnis gewonnen. Vom Flughafen Riem gings im Autokorso zum Marienplatz, wo sie von Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel auf dem Rathausbalkon geehrt wurden.

Die Löwen hatten sich für diesen Auftritt noch einen ganz besonderen Gag einfallen lassen. Alle Spieler waren mit einem Bowler auf dem Kopf erschienen, der typischen Kopfbedeckung für die englischen Geschäftsleute. Am Abend wurde im Bürgerbräukeller noch kräftig gefeiert, und der Löwen-Torhüter stand natürlich im Mittelpunkt. Auf der Bühne musste er seinen Hit Bin i Radi bin i König zum Besten geben. Und die Kollegen grölten kräftig mit. Für den ganz großen Wurf waren sie ohnehin bereit…

Claudius Mayer

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