Verlässt Radi München?

+
Da staunen die Fans: Radi bei ­einer seiner Flugeinlagen im Trikot der Löwen.

München - Nein, groß feiern wird Petar Radenkovic seinen 75. Geburtstag am Donnerstag nicht. Dafür ist er nicht in Stimmung.

Zu sehr schmerzt immer noch der Tod seiner geliebten Ehefrau Olga, die im Januar dieses Jahres nach langer und schwerer Krankheit gestorben ist. So langsam habe sich der „Radi“ nach dem schweren Verlust zwar wieder berappelt, erzählen seine Mannschaftskollegen aus der Meisterelf des TSV 1860, aber an eine ausgelassene Fete wie zu seinem 60. Geburtstag (damals mietete er den VIP-Bereich des Olympiastadions) ist überhaupt nicht zu denken.

Und: Radenkovic überlegt derzeit sogar, München ganz zu verlassen. „Ich spiele mit dem Gedanken, wieder nach Belgrad zu ziehen“, verrät er. Als Delegationsmitglied der serbischen Nationalmannschaft, die sich wahrscheinlich für die WM in Südafrika qualifiziert, wird er in seiner Heimat ohnehin sehr gebraucht. Aber „Bestes Torwart von Welt“, so bezeichnete sich der legendäre Löwen-Keeper einst selbst, nicht mehr in München – das ist irgendwie nicht vorstellbar. Denn nach wie vor ist der „Radi“ eine Institution beim TSV 1860 und in der bayerischen Landeshauptstadt. Er war nicht nur ein Torhüter, der so manch Unhaltbaren abwehrte, sondern auch der erste Entertainer im deutschen Profifußball.

Von Grosser bis Bierofka - Kapitäne der Sechzger

foto

Ob’s nun seine Ausflüge auf dem Spielfeld waren oder sein erfolgreicher Abstecher ins Showgeschäft als Schlagersänger – Radenkovic war Mitte der sechziger Jahre der populärste Spieler in der noch jungen Bundesliga. Nicht nur ein Star beim TSV 1860, sondern in ganz Fußball-Deutschland. Den „Radi“ liebte und kannte fast jeder. Ein paar Jahre zuvor dagegen – im Herbst 1960 – wollte nicht mal in München jemand etwas von ihm wissen. Der 26-jährige Radenkovic hatte sich entschlossen, Jugoslawien zu verlassen und als Fußballer in Deutschland sein Glück zu versuchen. Da ihm sein alter Verein OFK Belgrad allerdings die Freigabe verweigerte, bekam er die damals übliche Einjahres-Sperre von der Fifa aufgebrummt.

Radenkovic benötigte also einen Job und einen Verein, um sich fit zu halten. Beides klappte nicht. In seinem 1965 erschienenen Buch „Bin i Radi“ erzählt er: „Ein Freund von mir brachte mich zum FC Bayern. Aber die erste Mannschaft schickt mich gleich zum Training der Reserve. Die schiebt mich ebenfalls ab – zum Training der Alten Herren. Doch auch die wollen mich nicht. Ungeduldig winken sie mich beiseite. Mich, den dreimaligen jugoslawischen A-Nationaltorhüter.“ Mit Tränen in den Augen geht Radenkovic damals den weiten Weg zur Schillerstraße im Bahnhofsviertel zurück, in seine Pension mit dem wie Hohn klingenden Namen „Daheim“. Aber daheim fühlt er sich in München nicht. Es geht ihm schlecht. Vor allem finanziell. Es gibt Tage, da ernährt er sich nur von trockenen Semmeln und einem Glas Milch. Im Frühjahr 1961 gibt Radenkovic auf und kehrt nach Belgrad zurück.

Ein paar Wochen ist er erst wieder in der Heimat, da meldet sich ein Verein aus Deutschland. Wormatia Worms will ihn als Torhüter verpflichten. Radenkovic sagt sofort zu, erhält nebenbei noch einen Job bei der US-Army und dann geht alles ganz schnell. Seine großartigen Leistungen im Tor der Wormatia erwecken das Interesse anderer Vereine. Auch das des TSV 1860. Die Löwen bieten einen Zweijahresvertrag an und Radenkovic unterschreibt. Er ist wieder in der Stadt, die er zwei Jahre zuvor alles andere als lieben gelernt hatte. Und die Löwen-Fans lernen einen Torhüter kennen, wie sie ihn noch nie gesehen haben. Sein erstes Spiel bestreitet der „Radi“ – diesen Spitznamen hat er schnell weg – am 28. Juli 1962 im Stadion an der Grünwalder Straße gegen Hessen Kassel. Ein Pokalspiel. Und Radenkovic verblüfft die Zuschauer mit seinen Ausflügen, die teilweise bis an die Mittellinie gehen.

Radis sportliche Heimat: Das Grünwalder Stadion

foto

Die Reaktionen sind unterschiedlich. „Bleib in deim Kasten“ – „Bist varruckt?“ – „Der traut se was“ – „Der ist guuuaaat“. Trainer Max Merkel ist trotz des 6:1-Siegs angefressen. Wegen der Faxen seines Torhüters. „Ich muss mit Ihnen reden“, zischt er Radenkovic nach dem Spiel an. Die beiden sollten in der Folge noch recht häufig aneinandergeraten. Trotzdem: Radenkovic blieb seinem Stil und seinen Späßen treu. Kabarettist Dieter Hildebrandt erzählt eine Geschichte immer wieder besonders gern: „Es war ein Spiel gegen Kickers Offenbach. Berti Kraus, später selbst bei 1860, lief allein aufs Löwen-Tor zu. Sein Schuss war aber nur ein müder Roller, den Radenkovic gelangweilt aufnahm.

Aber nun kommt’s: Der Radi warf Kraus den Ball wieder zu und sagte: Hier, probier’s noch mal. Kraus war so verblüfft, dass er erneut nur einen verunglückten Schuss zustande brachte, der wieder in Radis Armen landete. Der hob den Zeigefinger, grinste und sagte: „So, jetzt aber nicht mehr…“

Claudius Mayer

Auch interessant:

Meistgelesen

Bierofka will Stress machen beim Auswärtsspiel der Löwen in Würzburg
Bierofka will Stress machen beim Auswärtsspiel der Löwen in Würzburg

Kommentare