Die Eishockey-Bosse – so fern, so nah

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Philip Anschutz gehören die Eisbären Berlin. Die sieht er aber praktisch nie. Lieber ist er bei seinem Hauptklub, den Los Angeles Kings.

In der Deutschen Eishockey-Liga beginnt die Playoff-Zeit. Gegeneinander treten Klubs an, deren Strukturen unterschiedlicher nicht sein könnten. Teams, die ausländischen Konzernen gehören, gegen traditionell organisierte Vereine, die vor Ort geführt werden. Früher gab es weniger Einfluss von außen und schillerndere Funktionärstypen. Eine ganz andere Zeit – doch war es auch eine bessere?

Von Günter Klein

Was in der Deutschen Eishockey-Liga, der DEL, so läuft, darüber wird auch in Los Angeles bestimmt. Die Adresse: 800 West Olympic Boulevard. Hier ist der Hauptsitz der AEG, die nur zufällig die gleichen Initialen hat wie der traditionsreiche Hausgerätehersteller. Das Produkt der amerikanischen AEG, der Anschutz Entertainment Group, ist alles, was den Mensch unterhalten könnte. Die AEG lässt da gerne ein paar Namen fallen. Sie managt die Tourneen von zum Beispiel Justin Bieber, Katy Perry, Taylor Swift den Rolling Stones, Paul McCartney oder The Who. Sie betreibt 42 Arenen, 33 Theater, sieben Stadions und ganze Vergnügungsviertel. Ihr gehören diverse Sportteams, etwa die Basketball-Heroen der Los Angeles Lakers oder die Eishockey-Stanley-Cup-Sieger Los Angeles Kings. Und eben auch die Eisbären Berlin in Deutschland.

Peter John Lee, der Manager der Berliner, war gerade ein paar Tage in Los Angeles, um „oben“ vorzusprechen. Warum es nicht mehr so läuft beim DEL-Rekordmeister, warum man mehr Geld bräuchte. Ergebnis: Luc Robitaille, ehemaliger Star der L.A. Kings und einer, vor dem jeder Fan mit NHL-Geschichtskenntnissen andächtig niederkniet, ist nun auch Aufsichtsratsvorsitzender bei den Eisbären. Er kündigt an, dass die Berliner fortan auch mal Spieler aus Los Angeles bekommen würden, forderte für die Deutschland-Dependance der Firma in einem forschen Interview mit dem „Tagesspiegel“ allerdings auch gleich: „Wir wollen Meister werden. Jedes Jahr.“

Vom 800 West Olympic Boulevard in Los Angeles in die Eckstraße 1 in Rederzhausen, einem Ortsteil von Friedberg bei Augsburg. Hier steht ein gastronomischer Betrieb, das „Landhaus Sigl“. Spezialität: Bewirtung von Hochzeitsgesellschaften – und jeden Freitagabend ist „Schnitzel-Lotto“. Zehn Schnitzel-Gerichte stehen zur Wahl, „frisch und liebevoll zubereitet. Aktionspreis e 5,90“, so die Werbung. Doch auch hier auf dem Land geht es ums deutsche Eishockey, um die DEL. Lothar Sigl, der Chef des Landhauses, ist nämlich auch Hauptgesellschafter der Augsburger Panther. Kommende Woche, wenn die Playoffs mit dem Viertelfinale losgehen, feiert er Jubiläum. Vor 30 Jahren, im März 1987, als der Augsburger EV ein Zweitligist mit einem Konkursverfahren am Hals war, ist er Eishockey-Funktionär geworden. Er sanierte den Klub und ist der dienstälteste im Lande. Er macht das ehrenamtlich – und zu den Spielen des Vereins, der ja irgendwie ihm gehört, bezahlt er „selbstverständlich“ Eintritt.

„Mit der DEL kamen die Steuerberater“

Der Witz dieser Eishockey-Saison ist: Die Eisbären Berlin aus dem Imperium des stinkreichen Philip Anschutz (Platz 39 in der weltweiten Forbes-Liste – Vermögen 12,4 Milliarden Dollar) haben sich als Achter gerade noch in die Pre-Playoffs gerettet, Sigls Augsburger Panther wurden souverän und entspannt Sechster, was einen festen Viertelfinal-Platz bedeutet. Der Berliner Manager Lee musste nach Los Angeles zum Rapport fliegen – jedoch kein Augsburger die paar Kilometer nach Rederzhausen fahren. „Es gab Jahre, da hatte ich im September, Oktober schon die ersten Spieler bei mir sitzen“, sagt Sigl. 2016/17 wurde kein einziger einbestellt, alles gut. Einen klassischen Manager hat Augsburg auch nicht. Eine 100 000-Euro-Position, die Augsburg sich einspart. Der Trainer (seit zwei Jahren der Austrokanadier Mike Stewart) sagt, welche Spieler er haben will, Chef Lothar Sigl schaut, was er realisieren kann.

Es drei Jahrzehnte in diesem Sport mit seinem ständigen Mangel auszuhalten, das ist natürlich verrückt. Und Sigl bemerkt nicht erst seit heute, wie sich einstige Mitstreiter nach und nach verabschieden. In Krefeld ging Wilfrid Fabel in Ruhestand, die „alten Kämpfer“ trifft Sigl eigentlich „nur noch in Iserlohn“, vertraute Gesichter sind noch unter den Straubinger Gesellschaftern. Ansonsten: Die klassischen Eishockey-Funktionäre sterben aus. Schleichend – denn das geht schon länger so. „Als die DEL etabliert wurde und Kapitalgesellschaften gefragt wurden.“ Gründungsjahr der DEL war 1994. Und mit ihr kamen „die Steuerberater, die Rechtsanwälte“, so Sigl, der Wirt (mit BWL-Studium).

Jedenfalls endete nach und nach die Zeit der illustren Patriarchen im deutschen Eishockey, das bis 1994 als höchste Klasse ganz klassisch eine Bundesliga hatte. Immer schon herrschte dort die Sehnsucht nach der starken Persönlichkeit, die alle finanziellen Alltagssorgen vergessen lässt. Es war ein Austausch: Wer Geld brachte, wurde verehrt, durfte sich feiern lassen, das große Wort führen.

Köln hatte den Finanzjongleur Jochem Erlemann, der in den 70er-Jahren mit einem Geldkoffer (darin: 600 000 D-Mark Ablöse für den EV Landshut) in den Süden flog, um den Superstar Erich Kühnhackl zu verpflichten. Weil nicht alle seine Anlagen sauber waren, landete Erlemann später im Knast; neuer Chef bei den Haien wurde Heinz Landen, Pelzhändler (zu Zeiten, als solche Geschäfte noch liefen). Beim Rivalen Düsseldorf regierte der Suppenproduzent Ben Zamek, gefolgt von Josef Klüh, einem der größten deutschen Reinigungsunternehmer und Kantinenbetreiber. Klühs Sohn, DEG-Spieler, erfreute den Boulevard mit einem Techtelmechtel mit Prinzessin Stephanie von Monaco, Klüh senior hatte seinen nachhaltigsten Auftritt, als er in der Bundesliga-Finalserie 1989 gegen Rosenheim für einen Spielabbruch sorgte. Weil ihm die Schiedsrichterentscheidungen nicht passten, veranlasste er mit einem Wink, dass Trainer Peter Hejma die Mannschaft in die Kabine schickte.

In Deilinghofen alias Iserlohn zauberte der Fleischhändler Heinz Weifenbach die Bilanzen zurecht, als Hauptsponsor (tatsächlich wurden über die Bank of Arabia 500 000 Dollar bezahlt) gewann er 1987 den libyschen Revolutionsführer Gaddafi, der auf den Iserlohner Trikots für sein Skript „Das Grüne Buch“ warb, aber glaubte, es sei ein Tennisklub, den er finanziell unterstütze.

In Frankfurt butterte Gisela Thomas ihr Erbe in den Verein, die Lions, sie amtierte selbst als Geschäftsführerin, verpflichtete den NHL-Star Robert Reichel. Die Rechnung ging nicht auf, nach zwei Jahren, 1997, verkaufte sie ihre Gesellschaftsanteile für eine symbolische D-Mark an Gerhard Schröder, Frankfurter Immobilienunternehmer. Der nächste, der Träume nährte – die sich nicht dauerhaft erfüllten.

So hatte das deutsche Eishockey seine Typen. In Berlin den Steakhausbesitzer Hermann Windler, in Ratingen den Diamantenhändler Georg Dommel, nebenbei noch Honorarkonsul der Dominikanischen Republik für Nordrhein-Westfalen. Und in Rosenheim sollte mal der als Fernsehkoch bekannte Max Inzinger, ein früher Alfons Schuhbeck sozusagen, der Heilsbringer sein.

Rosenheim bekam nach Inzinger in den 80er-Jahren aber Unterstützer, die ein Vorgriff waren auf die heutige Zeit: den März-Clan.

Die Familie März hatte mit einem Milchladen angefangen, daraus erwuchs die Firma „Marox“. Fleischhandel, groß vertreten auch in Osteuropa, die Subventionen, für die der Freund des Hauses, Franz Josef Strauß, die Weichen stellte, waren hilfreich. Zugleich kauften Willi und Josef März Brauereien zu – zeitweise waren sie nach der belgischen Interbrew der zweitgrößte Bierproduzent Europas. Anfang der 90er kollabierte das Geschäft – folglich auch der Sport-Bund Rosenheim.

Rosenheim – das Marox-Firmenteam

Einige Jahre aber war der Klub das Paradies. Auch Franz Reindl, heute Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB), ließ sich als Spieler nach Rosenheim locken. „Ich war zuvor beim SC Riessersee, der war eher hemdsärmelig organisiert. In Rosenheim gab es saubere Zwölf-Monats-Verträge und alle Sozialleistungen, man war praktisch für die Firma tätig. An nichts hat es gefehlt, man konnte sich als Spieler voll auf den Sport konzentrieren.“

Die Märzens von damals sind mit den Hopps von heute vergleichbar. Daniel, Sohn des SAP-Mitgründers und Milliardärs Dietmar Hopp, engagiert sich im Eishockey. SAP, die Arena, die Adler Mannheim – es ist eine Verwertungskette. Aber alles regional verankert. Ein an mehreren Stellen gesichertes Unternehmen. Die Besitzer zeigen „Präsenz vor Ort“, wie es Franz Reindl formuliert. Das Gegenstück dazu: „Die anonyme Herrschaft.“

Das führt zu Philip Anschutz, dem US-Milliardär, der 1999 zwei Niederlassungen in Deutschland eröffnete: München Barons (mit der Lizenz des EV Landshut) und Eisbären Berlin, der frühere Ost-Klub (Dynamo). München befehligte er nach drei Jahren nach Hamburg, 2016 stellte er das Projekt Freezers ganz ein – Aktionen von Fans und Spielern tangierten den Chef im fernen Amerika nicht. Oder Didi Mateschitz (Red Bull): Er übernahm 2013 den maroden EHC München – ein Spiel seines Klubs hat er bis heute nicht gesehen. Die Düsseldorfer EG war einige Jahre konzerngeführt (DEG MetroStars), bei den Wolfsburg Grizzlys sichert Skoda den Etat ab. Der Verein in Nürnberg (die Ice Tigers) trägt sogar den Namen seines wichtigsten Financiers, des Schmuckhändlers Thoma Sabo – der sich allerdings glaubwürdig engagiert und meist im Stadion ist. DEL-Kollegen loben Sabo für den Aufbau professioneller Strukturen bei den Thomas Sabo Ice Tigers.

Es ist überhaupt alles ziemlich professionell geworden in der DEL. „Ich schimpfe immer auf die Technokraten in der Zentrale in Neuss“, gesteht der Ewig-Funktionär Lothar Sigl aus Augsburg – geht jedoch bald in ein Lob über: „Leider und Gott sei Dank ist das so.“ Geschäftlich laufe alles geregelt ab, Tricksereien gingen nicht mehr, und die Aufsichtsratsstruktur der Liga verhindere Einflussnahme im Tagesgeschäft. Alle würden gleich behandelt. Zwischen den Zeilen klingt an, dass es früher schon gewisse Seilschaften gegeben habe.

Gerade hat Sigl eine Mail von der DEL bekommen. „Elf Seiten. Wann soll ich das alles lesen?“, reklamiert er, überfliegt das Schreiben dann aber doch. Inhalt: Für die Playoffs setzt die Ligenleitung „Series Manager“ ein, Ex-Spieler oder Ex-Schiedsrichter sollen je eine Serie betreuen, Ansprechpartner und Mediator sein. damit die Klubs sich nicht zu heftig streiten. Sigl sagt: „Vielleicht ist das ja ganz sinnvoll.“ Macht er das halt auch noch mit. Nach dreißig Jahren.

Den berühmten Philip Anschutz aus Los Angeles, sozusagen seinen Mitstreiter und Kollegen in der DEL, hat Sigl nur einmal gesehen, 1999 im VIP-Raum der München Barons. „Aber Anschutz und seine Familie waren in einem Eck, sie wurden abgeschirmt.“ Weil sie zu einer anderen Welt gehören und diese nicht verlassen wollten. Kennengelernt hat man sich nie.

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