Am Freitag beginnt die Eishockey-WM in Köln und Paris

Eishockey - ein Sport für 67 Millionen Deutsche?

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Tolle Tage 2010: Der damalige Nationaltorwart Dennis Endras feiert den Einzug ins Halbfinale.

Schon wieder hat Deutschland eine Heim-WM, es ist die dritte in 16 Jahren. Diesmal soll es nicht bei flüchtiger Begeisterung für die Mannschaft bleiben.

Köln – Der Sommer 2016 hatte sein Lied: „80 Millionen“ von Max Giesinger. Das hatte ursprünglich mit Fußball nichts zu tun, wurde aber zu einem Hit, den man mit der Europameisterschaft in Frankreich in Verbindung brachte. Ein paar Änderungen am Text, dann passte das auch. In „80 Millionen“ steckt ja die Botschaft: Ein ganzes Land fiebert mit, rund 80 Millionen Einwohner. Man nimmt an, dass sie alle sich für Fußball interessieren und über Fachkenntnis verfügen, woher der Satz rührt, alle zwei Jahre, bei den großen Turnieren, habe Deutschland 80 Millionen Bundestrainer (auch wenn nur bis zu 35 Millionen überhaupt zusehen).

Die 80 Millionen sind eine idealisierte Zahl – und daher sollte man auch vorsichtig mit der umgehen, die der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) hat ermitteln lassen und die er kurz vor der WM publiziert: „67 Millionen Menschen in Deutschland ist Eishockey in irgendeiner Weise ein Begriff“, heißt es. Daraus schließt man: Potenzial müsste vorhanden sein, um breites Interesse zu wecken. Franz Reindl, der Präsident des DEB, hat ein großes Ziel vor Augen: 2026, im Jahr der überübernächsten Olympischen Spiele, soll die deutsche Nationalmannschaft so stark sein, dass sie um die Medaillen mitspielt. Und die Menschen das gebannt verfolgen. Titel des Konzepts: „Powerplay 2026“. Was der Verband bei dieser WM 2017 erlöst, will er komplett in die sportliche Entwicklung investieren. Bei der Weltmeisterschaft spielt das deutsche Eishockey also darum, eine gute Zukunft zu haben. Es soll etwas entstehen.

Das ist bei den letzten Malen nicht gelungen. In den vergangenen 24 Jahren war die WM schon dreimal in Deutschland, sportlich lief sie immer gut – doch es entwickelte sich nichts Nachhaltiges daraus.

1993 spielte das Team um die Generation Gerd Truntschka/Didi Hegen in der Dortmunder Westfalenhalle eine stimmungsvolle Vorrunde und scheiterte im Viertelfinale in München am späteren Champions Russland – unterm Strich ein Erfolg. Doch ein Jahr später fiel man schon zurück und 1998 gar aus der 16 Länder starken A-Gruppe.

2001 die WM in Köln, Hannover, Nürnberg. Die Deutschen waren ein noch grünes Team, die Torhüter hatten in ihren von ausländischen Spielern dominierten Klubs keinen Stammplatz – doch Trainer Hans Zach trieb das Team bis ins Viertelfinale gegen Finnland – beachtlich. Doch 2005 unter Zachs Nachfolger Greg Poss: Abstieg in die B-Gruppe.

2010 erlebte das deutsche Eishockey seinen objektiv größten Erfolg: Platz vier in Köln und Mannheim. Halbfinal-Thriller gegen Russland, Spiel um Bronze gegen Schweden. Und fast 80 000 Leute hatten das Eröffnungsspiel gegen die USA, ausgelagert in die Fußballarena auf Schalke, gesehen. Doch 2011 wollte der damalige DEB-Präsident Uwe Harnos Bundestrainer Uwe Krupp nicht mehr haben, unter dem Schweizer Jakob Kölliker (2012) und dem Italokanadier Pat Cortina (2013, 14, 15) hielten viele der besten Spieler Abstand zur Nationalmannschaft. Und für Olympia 2014 qualifizierte man sich erst gar nicht.

In der nunmehr zweiten Saison amtiert Marco Sturm. Trainerneuling, aber der Name im deutschen Eishockey. Eine natürliche Autorität. Ihm sagt man nicht ab, für ihn spielt man, für ihn kommen auch die Deutschen aus der NHL. Nominell hat er eine starke Auswahl getroffen: mit viel Nordamerika-Erfahrung, mit Bewährtem aus der DEL, mit Technikern, mit Brechern. Bei der WM 2016 erreichte man das Viertelfinale, im Herbst gewann man das Qualifikationsturnier für Olympia 2018 – bis jetzt glückt Marco Sturm alles. Er ist unumstritten – trotz der Konkurrenz von realistisch 0,67 Millionen und erträumt 67 Millionen Bundestrainern.

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