Vereine spielen in ausländischen Ligen

Das Eishockey und der (kleine) Grenzverkehr

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Prost: Die Tilburg Trappers aus Holland, die Deutscher Oberliga-Meister sind.

Im Fußball wird gerade darüber nachgedacht: Sollten Vereine die Liga ihres Landes verlassen und in einem anderen Land mitspielen? Im Eishockey wird das bereits praktiziert. 

Als die Tilburg Trappers, der beste niederländische Eishockey-Verein, 2015 in die deutsche Oberliga Nord eintraten, die dritthöchste Spielklasse im Nachbarland, eröffneten sie einen Biergarten. Und bestellten Bratwürste.

Weil nun nicht mehr Fans aus Heerenveen, Eindhoven oder Geleen kommen würden, sondern aus dem Ruhrgebiet, aus Berlin oder Rostock. Andere Kunden, andere gastronomische und kulinarische Präferenzen.

„Und für uns selbst“, sagt Gerdjan Kipping lachend, „haben wir Biergarten und Bratwürste auch eingeführt“.

Kipping ist von Beruf Jura-Dozent an der Hochschule „und sicher nicht der archetypische Eishockey-Fan“, wie er sagt. Doch die Sportart, die in den Niederlanden nie eine große Rolle spielte, hat ihn seit den 70er-Jahren und Erich Kühnhackl interessiert. Bei den Tilburg Trappers, seinem Club, kaufte er meist eine Dauerkarte, auch bis 2015, als die Trappers noch in der Eredivisie spielten. Die Liga schrumpfte, bis sie sich auflöste.

Die Übriggebliebenen fanden in der gemeinsam mit Belgien betriebenen BeNeLeague eine neue Heimat, Tilburg wechselte nach Deutschland. „Gegen Duisburg, Essen, Herne, das sind jetzt unsere Derbys“, sagt Gerdjan Kipping. Und weil in den Playoffs die Oberliga Nord sich mit der Oberliga Süd verzahnt, ging die Reise für die Trappers auch in die Traditionsstandorte, die Kipping in der Jugend bewundert hatte: Landshut, die Kühnhackl-Stadt, Bad Tölz.

„Es macht Spaß“, sagt er über die Jahre, seit Tilburg in Deutschland mitspielt. Der Verein hat sich entwickelt, „weil die besten niederländischen Spieler sich ihm anschließen“ und weil die Trappers deutsche Eishockey-Kultur kennengelernt und angenommen haben: Man orientierte sich an den Hardcore-Fans, die nun etwa aus Hannover (mit zwei Clubs: Indians und Scorpions) nach Tilburg kamen, mit Duisburg entstand eine Fan-Freundschaft. Nur mit den Fans aus Essen verstehen die aus Tilburg sich nicht, da bleiben die Blöcke im Stadion streng getrennt.

Der Schritt in ein anderes Land ist im Eishockey nicht ungewöhnlich. Es gibt viele kleine Märkte, auf denen ein Verein oft weit über den anderen steht, sodass er sich nicht mehr richtig gefordert fühlt. Oft ist es auch so, dass man es zu den Gegnern näher hat, wenn man über die Grenze fährt. Von Tilburg aus ist man in eineinhalb Stunden im Ruhrgebiet. Auch die VEU Feldkirch, die in den 90er-Jahren unter dem deutschen Trainer Ralph Krueger zu den besten Clubs in Europa zählte, kokettierte mit einem Wechsel von der österreichischen Liga in die deutsche oder Schweizerische – denn von Vorarlberg aus war es nach Wien, Villach oder Klagenfurt eine viel weitere Reise als nach Bayern oder Zürich, Kloten, Olten, Davos. . . Eine Vereinspleite durchkreuzte die Pläne der Feldkircher.

Auch der EHC München hegte mal Auswanderungspläne. 2010 machte er den sportlichen Aufstieg aus der 2. Liga in die DEL perfekt, im ersten Anlauf wurde ihm jedoch die Lizenz für die höchste Liga verweigert. Der EHC konnte die geforderten Sicherheitsleistungen nachreichen, doch auch seine Drohung wirkte: Die Münchner erwogen, in die Erste Bank Eishockey-Liga zu wechseln, wo Österreicher, Italiener und Slowenen spielten.

Inzwischen ist München dreimal Deutscher Meister geworden, der Getränkekonzern Red Bull hat den Club vollständig übernommen. Das Eishockeyprogramm der Firma basiert auf dem Prinzip, die internationale Herausforderung zu suchen. Erste und zweite Mannschaft des EC Salzburg spielen in EBEL und der ähnlich strukturierten Alps Hockey League, das Nachwuchsteam der Akademie ist in den Spielbetrieb der tschechischen Junioren-Liga eingegliedert – und beherrscht sie. Zuvor hatte man an der russischen Nachwuchsliga MHL teilgenommen.

Russland geht das Thema des länderübergreifenden Spielverkehrs im Eishockey anders an: Es ist nicht der kleine Verband, der sich an einen großen Partner anlehnt, sondern der Riese, der Expansionskurs eingeschlagen hat. Die Kontinental Hockey League (KHL) war als rein russische Liga gestartet, doch hat nach und nach auch Teams aus ehemaligen Sowjetstaaten aufgenommen und anschließend auch Clubs aus der Slowakei, China und Finnland. Und den Wunsch formuliert, noch Zuwachs zu bekommen aus Schweden, der Schweiz und Deutschland.

Gernot Tripcke, der Chef der Deutschen Eishockey-Liga (DEL), meint: „Offiziell sage ich dazu nichts. Nicht dass noch jemand aus Moskau vorbeikommt.“

Das war im September in einer Runde mit Journalisten. Tripcke wurde dann halboffiziell, die Mikrofone liefen ja mit. Das Beispiel Jokerit Helsinki zeige, dass das Modell nicht funktioniere. Finnlands berühmtester Club hatte sich 2014 der KHL angeschlossen, weil seine Halle, die Hartwall-Arena, von Russen gekauft wurde, und weil es schließlich sportlich reizvoll war, sich mit ZSKA Moskau und SKA St. Petersburg zu messen. Aber Jokerit ist nun zuhause isoliert, kann kein Derby mehr gegen IFK Helsinki spielen. Die Atmosphäre rund um Jokerit: „Gehässigkeit, verschenkte Tickets.“

Was, wenn die KHL nach Deutschland käme? „Der Deutsche Eishockey-Bund und wir als Liga würden versuchen, das zu verhindern“, erklärt Tripcke und verweist auf die Regelung, dass auf allen Seiten Verband und Liga und schließlich auch noch der Weltverband IIHF zustimmen müssten.

Wobei, das verschweigt er nicht: So abwegig ist der Gedanke der KHL nicht, auf dem deutschen Markt landen zu wollen: „Wir sehen das ja, wenn WM ist, wie viele russischstämmige Menschen in Deutschland leben. Auch im Nachwuchs haben wir viele ihrer Kinder.“ Schön möglich, dass ein in Deutschland stationiertes KHL-Team Interesse wecken würde.

Ein klein wenig spekuliert man in der Branche, dass Krefeld das mal sein könnte. Mit Michail Ponomarew ist zu Saisonbeginn ein russischer Investor eingestiegen. Allerdings: Konkrete Anzeichen gibt es nicht, dass die Pinguine in die KHL wechseln wollen würden.

Von der Öffentlichkeit unbemerkt, gab es vor einigen Jahren eine Kontaktaufnahme mit der KHL aus einer anderen Stadt: Stuttgart. Diaspora: Viele Pleiten, nie höher als 2. Liga gespielt – und auch der Deutschland Cup, der anfangs in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle stattfand, konnte den Eissport in der Fußballstadt nicht beleben. Doch ein wirtschaftlich bewanderter Eishockey-Enthusiast schrieb einen Businessplan und stellte ihn Alexander Medwedew, dem damaligen KHL-Präsidenten und Chef des Energieriesen Gazprom vor. Die Liga ließ sich darauf aber nicht ein.

Manchmal bleiben Türen eben geschlossen. Das müssen die Tilburg Trappers aus Holland gerade erfahren.

Wurden sie anfangs als Bereicherung wahrgenommen, weil sie in die Oberliga Farbe und oft „eine volle Bude“ (so Fan Gerdjan Kipping) mit 2500 Zuschauern in den Heimspielen einbrachten, so spüren sie nun öfter den Neid der Gegner. Denn die Niederländer sind zum stärksten Team der dritten Liga geworden. Trotz ihrer Meisterschaften durften sie nicht in die DEL2 aufsteigen, verbauten diese Möglichkeit aber anderen Vereinen. Die Konkurrenz sagt nun: Das sind Vollprofis, die Trappers identisch mit der niederländischen Nationalmannschaft. Tilburg-Kenner Kipping sagt: „Die Spieler gehen alle arbeiten, die Sponsoren sind überwiegend lokal.“ Es ist keine Geschichte von Geld und gekauftem Erfolg. Sondern: „Die Mannschaft ist über die Jahre gewachsen, es gibt keine großen Wechsel. Ähnlich wie bei Peiting im Süden.“

Die Tilburg Trappers haben sich bei der DEL2 vorgestellt, sie würden gerne aufsteigen. Doch die Clubs der DEL2 sind gegen die Niederländer.

Die werden sich für die kommenden Jahre eine neue Liga suchen (müssen). Eishockey-Insider tippen, es könnte die „Elite League“ in Großbritannien sein.

An Deutschland blieben Tilburg dann nur die Erinnerungen. An Begegnungen wie die mit den Bad Tölzern. Am Ende ihres Finales 2017 feierten die holländischen und oberbayerischen Spieler die ganze Nacht.

Das sind supranationale Ligen

Alpenliga: 1991 taten sich Österreich, Slowenien und Italien zusammen, um sich in einem zu den eigenen Meisterschaften parallel laufenden Wettbewerb einer höheren sportlichen Herausforderung zu stellen. 1999 war Schluss, weil die italienischen Clubs nicht mehr mitmachen wollten.

Interliga: Folgte auf die Alpenliga und hielt sich acht Jahre. bestückt mit Teams überwiegend als Slowenien und ergänzend Ungarn.

Erste Bank Eishockey-Liga (EBEL): 2003/04 stieg das Kreditinstitut als Namenssponsor der österreichischen Liga ein. 2006 wurde mit Jesenice der erste ausländische Vertreter aufgenommen. Die Zusammensetzung heute: Neben acht österreichischen Mannschaften spielen eine kroatische, ungarische, tschechische und italienische Mannschaft mit. Die stärksten Teams sind Red Bull Salzburg und der HC Bozen.

Alps Hockey League: Die kleine Schwester der EBEL – eine Art 2. Liga mit Österreichern, Slowenen, Italienern. Salzburg II etwa ist dabei, wo der EHC München einige seiner jungen Spieler parkt.

BeNeLeague: 2015 machten Niederländer und Belgier gemeinsame Sache, nachdem belgische Teams schon öfter in der Eredivisie mitgespielt hatten. Derzeit spielen 13 Clubs mit. Doch die Tilburg Trappers, das Aushängeschild, haben sich für die deutsche Oberliga Nord entschieden, in der BeNeLeague tritt ihre Reservemannschaft an.

International Hockey League (IHL): 2017 ins Leben gerufen, organisiert vom slowenischen Verband. Es spielen kroatische und serbische Mannschaften mit.

Asia League Ice Hockey: Eishockey in Asien kommt nicht so recht voran, Japan konnte sich nicht unter den besten 16 Nationen der Welt etablieren, zuletzt stieg Südkorea nach einem Jahr wieder ab. Doch der Ligenbetrieb ist konstant: Seit 2003 gibt es die Asia League Ice Hockey. Den Kern stellten vier japanische Vereine, es kamen südkoreanische und vorübergehend chinesische Teams dazu. Interessant ist die ALIH für Clubs im äußersten russischen Osten. Golden Amur Chabarowsk war der erste Teilnehmer aus der Ex-Sowjetunion, inzwischen hat der HK Sachalin den Platz eingenommen.

Kontinental Hockey League (KHL): Das europäische Schwergewicht, das sich an der nordamerikanischen NHL orientiert. 2008 ging es mit 24 Teilnehmern los, jetzt sind es 29. Mit je einem Club sind China (Kunlun Red Star), Finnland (Jokerit Helsinki), Slowakei (Slovan Bratislava), Weißrussland (Dinamo Minsk), Kasachstan (Barys Astana) und Lettland (Dinamo Riga) vertreten. Dabei waren auch mal Medvescak Zagreb aus Kroatien, das aber ausstieg und in die EBEL wechselte, und Lev Poprad (Tschechien/mit Spielort Prag).

Quelle: Merkur.de

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