Eishockey-Star als Erdbebenhelfer: „Ich konnte nicht einfach umblättern“

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Erst war er Tourist, dann Helfer: Rick Goldmann mit indonesischen Kindern, für die es nach dem Erdbeben weitergehen muss. 

Erich „Rick“ Goldmann war ein bekannter Eishockeyspieler. Stammkraft in der Nationalmannschaft, Olympiateilnehmer. Heute ist er – neben seinem Zivilberuf als Betreiber zweier Reha- und Physiotherapiepraxen in München – Eishockeyexperte im Fernsehen. Er ist der Mann, der den Deutschen das Spiel erklärt. Im Sommer wollte er sich mal richtig erholen von Eishockey und Arbeit – und auf einmal war er Erdbebenhelfer in Indonesien. Und fehlte beim Eishockeystart.

VON GÜNTER KLEIN

Obwohl der Anlass für die ganze Geschichte ein trauriger ist: Man darf den Humor nicht verlieren. Deshalb sagt Erich „Rick“ Goldmann, dass die Arbeit mit dem „vier Kilo schweren Vorschlaghammer bei 38 Grad“ was fürs Oktoberfest gebracht hat. Er ist zurück aus Indonesien, er geht auf die Wiesn und hat sich zum ersten Mal im Leben am „Hau den Lukas“ versucht. „Alles getroffen.“

Er hätte das wahrscheinlich auch ohne sein spezielles Vorschlaghammer-Training geschafft. Er war Eishockeyspieler, Verteidiger mit Gardemaß. Er hat in Nordamerika gespielt, sogar mal in der berühmten NHL, bei den Ottawa Senators, 126 Länderspiele für Deutschland, 500 Profispiele in der DEL. So eine Karriere macht man nur mit Kraft im Körper.

Rick Goldmann, heute 42 und jetzt vor allem der Sympathikus, der den Deutschen im TV die Finessen des Eishockeys näherbringt und vor einem Jahr für den Deutschen Fernsehpreis nominiert war, hat im August Urlaub gemacht, mit Frau und der fünfjährigen Tochter: sie sind nach Bali geflogen und hinübergefahren zu den Gili-Inseln vor Lombok. „Phantastisch, wie ich es mir vorgestellt hatte. Du bist uns Wasser rein und mit Schildkröten geschwommen. Ein Traum.“ Die Goldmanns wohnten in einer Bambushütte.

Rick Goldmann wusste, dass Indonesien ein Erdbebengebiet ist. Und tatsächlich: Am 5. August um halb acht Uhr abends wackelte es, auch auf Gili Trawangan, zwanzig Sekunden lang. Goldmann fand: „Lange, aber nicht brutal.“ Er hat in seinem Sportlerleben auch die Gewalten der Natur kennengelernt. In Los Angeles ein Erdbeben, „und als ich in Amerika gespielt habe, bin ich in einen Tornado hineingekommen, der das Haus komplett platt gemacht hat.“ Nun waren Strom, Telefon, Internet weg. „Keiner wusste, was los war“, doch Goldmann blieb ruhig. Schließlich kam der Manager der Bambushütten-Anlage und sagte: Tsunami-Warnung, alle ins Innere der Insel.

Goldmann wusste: Das wäre ein Fehler. „Wir müssen auf den höchsten Punkt der Insel.“ Sie fuhren mit den Rädern los. „Schon nach hundert Metern haben wir das Ausmaß begriffen: Es war ein Riesenerdbeben. Es war alles kaputt. Häuser, Hotels.“ Bis zwei Uhr nachts blieb die Familie auf der Anhöhe, der Tsunami kam nicht.

Die Stunden haben sich eingebrannt. Im Leistungssport hat man auch seine Momente, in denen man denkt, es gehe um alles oder nichts. Jetzt weiß Rick Goldmann: „Es berührt dich anders als im Sport.“

Auf dem kleinen Berg auf Gili Trawangan war es so: „Leute neben dir weinen, weil sie meinen, sie müssten sterben. Deine fünfjährige Tochter fragt, wann das blöde Schüttelmonster aufhört, sie will wieder schlafen. Du hast selber Schiss, kannst es ihr aber nicht sagen. Du denkst, es könnte jetzt passieren, dass du stirbst. Du kannst nichts ändern, nur warten, ob die Welle kommt.“

Nachdem diese Gefahr vorüber war, haben viele Touristen panisch versucht, von der Insel wegzukommen, hinüber nach Lombok, obwohl das am schwersten getroffen worden war. Die Leute, erinnert sich Rick Goldmann, standen „mit den Koffern bis zur Brust im Wasser, um zu den Booten zu gelangen“. Die Goldmanns drängelten nicht, ein freundlicher Einheimischer bot ihnen schließlich an, sie im Boot die fünf Kilometer hinüberzubringen. Es hatte zehn Tote gegeben auf Gili Trawangan, die Insel wurde evakuiert.

In Lombok mussten Rick Goldmann, Frau und Tochter zwei Tage warten auf eine Fähre nach Bali. „Wir haben im Freien geschlafen, die Matratzen rausgetragen, darauf geachtet, dass wir nicht unter Kokospalmen liegen.“ Das war ungefährlicher, als in einem Haus zu nächtigen. Die Einheimischen raten den Touristen, sich ein zu 90 Prozent mit Wasser gefülltes Glas auf den Nachttisch zu stellen. Schwappt das Wasser über – sofort raus! „In den zwei Tagen in Lombok haben wir 120 Erdbeben erlebt.“

Es war klar: Die drei Münchner würden über Bali weg und nach Hause kommen – doch in Rick arbeitete es: „Du hast auf der Insel den schönsten Moment gehabt, den du dir vorstellen kannst – und auf einmal ist alles platt. 80 Prozent aller Gebäude waren weg, es gab kein Krankenhaus, es war verheerend.“ Goldmann beschloss für sich: „Du kannst nicht sagen: Wenn ich wieder weg bin, ist mir das hier alles wurscht. Du kannst nicht wie immer im Leben tun, als wäre nichts geschehen. Ich konnte nicht einfach umblättern.“

Zurück in München suchte er nach Möglichkeiten zu helfen. Er könnte seine Bekanntheit einsetzen und Spenden sammeln – eine Möglichkeit. Er richtete ein Konto ein. Aber das reichte ihm nicht. Er wollte mit anpacken, meldete sich bei der Hilfsorganisation „All hands and hearts“. Zehn Tage nach seiner Rückkehr nach Deutschland saß Goldmann wieder im Flieger nach Indonesien. Seine ersten Einsätze als Kommentator für die beginnende Saison in der Deutschen Eishockey-Liga sagte er ab.

Zwei Wochen lang sah sein Tag so aus: 6 Uhr Aufstehen. 6.45 Uhr Besprechung, welches Team wohin fährt, 7.15 Uhr Beladen der Trucks, mittags mal 45 Minuten Pause.

Der Job von Rick Goldmann, der Eishockey-Profi war und Gesundheitsmanagement studiert hatte: Kaputte Häuser abreißen, damit die Besitzer die Gelegenheit bekommen, bis zur Regenzeit wenigstens eine schützende Bambushütte aufzubauen. „Man arbeitet mit Schaufeln, Vorschlaghammer, Schubkarre. Eine Aufgabe, von der ich keine Ahnung hatte. In einem Land, dessen Sprache ich nicht verstand.“

Tote musste er keine bergen; es begegneten dem Hilfstrupp halt viele Ratten. Oder man fand Schulhefte, Plüschfiguren der Kinder, die dort gelebt hatten.

Es war eine gefährliche Arbeit. Ein Haus krachte zusammen, einer der Helfer verlor ein Bein. Es traten dann auch zunehmend Malariafälle auf, 136 in zehn Tagen.

„Die Menschen haben fast nichts mehr, aber das bisschen, was sie noch hatten, haben sie einem angeboten: Kokosnüsse, Honig – große Gesten.“ Rick Goldmann hat die zwei Wochen als bereichernd empfunden: „Es ist einfach so: Hilfst du anderen, hilfst du immer auch dir selbst. Ich wusste: Es ist richtig, was ich mache.“

Es soll noch nicht zu Ende sein, auch wenn er jetzt wieder in seinem normalen Leben mit seinen Praxen, seinem ersten Einsatz beim Eishockey (am Mittwoch Köln – Edmonton, das große NHL-Gastspiel) und dem Hau den Lukas auf dem Oktoberfest angekommen ist.

Rick Goldmann beschäftigt die Situation in Indonesien, ihm missfällt der Starrsinn der dortigen Regierung, die keinen internationalen Katastrophenfall ausrief – „politisch eine Frechheit“.

Einige tausend Euro hat er schon selbst nach Indonesien gebracht, um etwa Pop-up-schools zu unterstützen, er will das Spendenkonto noch offen lassen. Denkbar, dass er im Frühjahr zum Wiederaufbau nochmal Hand anlegt.

„Ich habe Glück gehabt und die richtigen Entscheidungen getroffen“, sagt er, „andere haben alles verloren.“

Spendenkonto

Wer das Projekt von Rick Goldmann finanziell unterstützen will, kommt über diesen Link zum Spendenkonto: 

https://de.gofundme.com/erdbebenhilfe-lombok-gili 

Engagieren wird sich Goldmann auch in der Heimat. Zum 17.10. übernimmt er die Schirmherrschaft des Vereins „Zeit des Lachens“ – ein Programm für Kinderkliniken.

Quelle: Merkur.de

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