Das Kult-Turnier zum Jahreswechsel

Großer junger Sport

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Kein Unterschied zu den „Großen“: Junioren-WM-Finale 2019 zwischen Finnland und den USA in der NHL-Arena von Vancouver.

Jugend-Meisterschaften gibt es in jeder Sportart, sie werden von der Fachwelt beachtet, nicht aber vom breiten Publikum. Im Eishockey ist das anders. Dort zieht das stets zur Jahreswende stattfindende WM-Turnier der Unter-20-Jährigen die Massen an. Diesmal in Tschechien und auch mit deutscher Beteiligung, regelmäßig aber im Mutterland Kanada. Ein stolzer Verband und ein Fernsehsender haben aus einem lästigen Termin ein Topevent gemacht.

Zur Jahreswende 1991/92 fand die Weltmeisterschaft der besten Junioren im Eishockey in zwei Kleinstädten im Allgäu statt, in Füssen und Kaufbeuren. Vor den Stadien bildeten sich ganze Fuhrparks mit den Übertragungsgerätschaften nordamerikanischer und skandinavischer Fernsehstationen, in den Orten wurde überwiegend Englisch gesprochen, und überhaupt herrschte große Aufregung: „The Next One“ war da.

Man nannte Eric Lindros so. Lindros war das kanadische Eishockey-Übertalent. Man traute ihm zu, so gut zu werden wie Wayne Gretzky („The Great One“), der Beste in der Geschichte dieser Sportart. Eric Lindros war erst 18, doch es waren bereits sechs Biografien über ihn erschienen; in Füssen gab es sie zu kaufen.

Auch Mutter Lindros kam mit nach Füssen – was bis zum heutigen Tag der härteste Stresstest für die Füssener Hotellerie war. Mehrere Häuser wiesen der extravaganten Dame die Tür.

Franz Reindl, heute Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes und damals frisch in der Verbandsarbeit, kann sich an die U-20-Weltmeisterschaft vor 28 Jahren gut erinnern. „Für uns war das eine Supersache“ – doch natürlich nicht zu vergleichen mit dem, was dieses Turnier heute darstellt. „Wenn man die Zahlen anschaut: Jetzt ist die U-20-WM wie die A-Weltmeisterschaft – manchmal ist sie sogar mehr.“

Voriges Jahr, als die U- 20-WM in Kanada ausgetragen wurde, fungierte Reindl für die International Ice Hockey Federation (IIHF) am Spielort Victoria als Chairman. „Schon im August waren alle Spiele dort ausverkauft“, sagt er. 300 000 Zuschauer wurden gezählt in Victoria und Vancouver. Reindl hat eine Statistik vorliegen: „Ökonomischer Mehrwert für die Provinz British Columbia: 340,8 Millionen Dollar.“ Was ja auch ein Beweis ist: Die Weltmeisterschaft der Nachwuchsspieler ist richtig groß geworden. Für Reindl eine Erfolgsgeschichte, die ihren Ursprung in der Qualität des Spiels hat, in Tempo und Leidenschaft. Was daraus folgte: Vermarktung, großer Einstieg des Fernsehens, steigende Zuschauerzahlen.

Doch es gab auch einen Urknall. Einen Vorfall, auf den das Eishockey wahrlich nicht stolz ist, aus dem aber etwas Gutes resultierte: der „Punch-up in Piestany“, geschehen 1987. Die schlimmste Massenschlägerei in der Geschichte des IIHF-Eishockeys.

Junioren-WM in der Tschechoslowakei. Letzter Spieltag. Die Sowjetunion hat ein enttäuschendes Turnier gespielt, sie ist Sechster, kann keine Medaille mehr gewinnen. Sie spielt gegen Kanada, das auf Goldkurs ist. Kanada führt 4:2, da geht es los. Ein erster Faustkampf, dann zwei, drei. Schließlich öffnet sich bei den Sowjets die Bandentür: Alle Mann aufs Eis. Die Kanadier hinterher. Zwanzig Minuten langen prügeln beide Mannschaften aufeinander ein, es kommt zu Kopfstößen, Schlittschuhtritten, jeder Ehrenkodex wird missachtet.

„Die UdSSR war ein Team, das Stunk wollte – und wir waren keine Engel“, sagte Brendan Shanahan in einer Dokumentation zum 30-jährigen „Jubiläum“. Er wurde – wie etliche andere der Russen und seiner kanadischen Mitspieler – später ein Star in der National Hockey League (NHL).

In der Halle wurde schließlich das Licht ausgeschaltet, um den Gewaltexzess so zu beenden. Shanahan: „Es war so dunkel, dass man das Gesicht, in das man schlug, nicht mehr erkennen konnte.“ Als dann alle Energie aus den Körpern geprügelt war, disqualifizierte die IIHF beide Teams und erklärte Finnland zum Weltmeister. Dadurch wurde die Junioren-WM in Kanada zum Topthema. Im Fernsehen diskutierten die Experten rauf und runter: Hätte man den Sowjets so in die Falle gehen dürfen? Oder war es richtig, die Ehre des Landes mit den Fäusten zu verteidigen? Jedenfalls: Die jährliche U-20-Weltmeisterschaft sollte zu einem kanadisch dominierten Projekt werden.

Hockey Canada, der kanadische Verband, kaufte der IIHF die Vermarktungsrechte an der U-20-WM ab (später auch die an der Weltmeisterschaft der Frauen). Und TSN (The Sports Network), der wichtigste Fernsehsender im Lande, stieg ein. Beginnend mit der WM im fernen Deutschland 1991/92. TSN schickte seine besten Leute zur WM der Unter-20-Jährigen – obwohl die NHL weiterlief. Doch im Bewusstsein der Hockey-Konsumenten verfestigte sich das Wissen: Weihnachten ab dem zweiten Feiertag bis Ende der ersten Januar-Woche ist U-20-WM. Franz Reindl hat die Erfahrung gemacht: „Wenn man in Kanada um diese Zeit in eine Sports Bar geht, läuft beides nebeneinander: NHL und WM.“

Regeländerungen haben das Spiel schneller gemacht, jüngere Spieler stürmen die NHL, es gibt Karrieren wie die von Jack Hughes. Der US-Amerikaner spielte vorige Saison die U-18-WM, die U-20-WM und die richtige Weltmeisterschaft, während er seinen 18. Geburtstag feierte. Im Sommer wurde er von den New Jersey Devils gedraftet, er ist jetzt NHL-Spieler. Das ist das einzige Manko der U-20-Weltmeisterschaft: Die NHL unterliegt – anders als die Clubs in Europa – keiner Abstellpflicht. In der Regel erlaubt sie ihren Jungstars, dass sie an der U-20-WM teilnehmen, doch Hughes ist schon zu gut geworden. Genauso wie Kaapo Kakko, 18. Der Finne wurde vor einem Jahr Juniorenweltmeister und A-Weltmeister. Im Draft war er Nummer zwei hinter Hughes, er gehört jetzt den New York Rangers.

Doch die U-20-WM 2019/20 wird viele Spieler sehen, die hoch gedraftet wurden. Und schon die nächste Generation, die auf einen Platz im Draft 2020 spekuliert. Wie der 17-jährige Münchner John-Jason Peterka. Der wird in jedem Spiel der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) von Scouts aus der NHL begutachtet. „Sie sagen: Es ist gut, was er zeigt, doch noch wichtiger ist die WM, wo sie ihn im Vergleich mit den besten jungen Kanadiern, Amerikanern, Russen, Tschechen, Schweden, Finnen sehen“, so Christian Winkler, Manager von Peterkas Verein EHC München. „Die U-20-WM ist der große Showcase“, sagt Franz Reindl, „da bekommen die Scouts alle komprimiert vorgesetzt.“ Wobei: Bei der U-18-WM, die im April stattfindet, sei der Auftrieb an Talentspähern und Agenten noch gewaltiger.

Die U-20-WM steht heute, rund 30 Jahre nach ihrer Neuerfindung, bestens da. Die Zukunft ist geregelt und bereits jetzt festgelegt, dass das Turnier 2021 (Edmonton, Red Deer), 2024, 26, 28 und 31 im Mutterland Kanada stattfinden wird. An der Ausrichtung einer A-Weltmeisterschaft hat Kanada kein Interesse. Die würde im Mai neben den NHL-Playoffs untergehen.

Beliebt ist die U-20-WM bei den Spielern wegen ihrer besonderen Atmosphäre: Weihnachten, Silvester, Neujahr im Mannschaftskreis. Das stimmt ja auch friedlich. Einen Eklat wie 1987 gab es nie mehr.

Quelle: Merkur.de

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