Generation Draisaitl: Das deutsche Eishockey-Wunder

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Die derzeitigen Coverboys des deutschen Eishockeys: Dominik Kahun und Leon Draisaitl. NHL-Cracks, die auch im Nationalteam auftauchen. 

Man nennt Leon Draisaitl den „Eishockey-Nowitzki“. Der Kölner ist – vergleichbar mit dem Würzburger Basketballer – der beste deutsche Spieler in der Geschichte seiner Sportart. Und der Wegbereiter für die nächste Generation. Man sollte sich schon mal mit einigen Namen vertraut machen: Dominik Bokk, Moritz Seider, Tim Stützle – und auch ein Münchner mit Namen John-Jason Peterka wird hoch gehandelt für eine NHL-Karriere.

Im Fußball wäre das undenkbar. Dass – als Beispiel – Marco Reus, wenn er mit Borussia Dortmund beim FC Bayern antreten müsste, die Nacht vor dem Spiel in München nicht im Hotel verbringt, sondern als Gast im Haus eines Bayern-Spielers. Bei Thomas Müller etwa, weil man sich gut aus der Nationalmannschaft kennt.

Im Eishockey jedoch: Wenn die Chicago Blackhawks zu den Edmonton Oilers müssen, „dann übernachtet Dominik bei mir“, sagt Leon Draisaitl. Dominik Kahun ist ein alter Bekannter. Zusammen war man bei den Jungadlern Mannheim im Internat und durchlief die deutschen Nachwuchs-Nationalmannschaften, parallel spielten Kahun und Draisaitl, beide Jahrgang 1995, in der kanadischen Juniorenliga. Vor knapp fünf Jahren gingen die Karrieren ein wenig auseinander. Draisaitl, groß, Erwachsenengesicht, wurde gedraftet, Kahun, eher klein, schmal, Kindergesicht, wurde von der Männerwelt der NHL übersehen.

Über die Deutsche Eishockey-Liga und internationale Turniere – 2018 gewann Kahun olympisches Silber – spielte er sich heran an die NHL. Er hat seine erste Saison bei den Chicago Blackhawks hinter sich. Es war eine gute. Kahun bestritt alle 82 Spiele. Und ist nun einer von mehreren Co-Stars. Der Hauptstar: Draisaitl. Der Mann mit mehr als 50 Toren und über 100 Scorerpunkten. Extraklasse. Der Eishockey-Nowitzki.

Er überbietet alle seine Landsleute, die in den Jahren davor in der NHL spielten. Marco Sturm, erster deutscher Erstrundendraft (1997, Platz 21), kam in seinen besten Jahren auf die Hälfte von Draisaitls Punkteertrag. Jochen Hecht (Draft-Runde zwei) hatte ein paar Jahre in der Sturm-Kategorie, Marcel Goc (erste Runde, Platz 20) war ein Rollenspieler mit vorrangig defensiven Aufgaben. Dennis Seidenberg und Christian Ehrhoff waren Verteidiger, die aus mittleren Draft-Positionen (Runden 6 und 4) ordentliche Karrieren machten.

Uwe Krupp darf man nicht vergessen, den ersten Deutschen, der den Stanley Cup gewann (1996 mit Colorado) und sogar das entscheidende Tor schoss – er übertraf mit seiner Karriere die Erwartungen. 1983 sicherten sich die Buffalo Sabres die Transferrechte an ihm. Im Draft darf jeder NHL-Club aus den Talenten weltweit wählen. Der Name Uwe Krupp wurde in der damals elften und letzten Runde aufgerufen und als insgesamt 214. genannt. Was sollte schon Großartiges zu erwarten sein von einem Verteidiger aus Deutschland? Das ist doch nicht für sein Eishockey berühmt.

In den späten 90er- und frühen 2000er-Jahren sind die San Jose Sharks dadurch aufgefallen, dass sie sich für deutsche Talente interessierten. Das lag daran, dass der Club, der 1991 in die beste Profiliga der Welt aufgenommen wurde, in der Familie Gund deutschstämmige Besitzer hatte. Auch heute noch besteht eine starke Deutschland-Verbindung: Mehrheitlich gehört der kalifornische Club nun dem SAP-Mitgründer Hasso Plattner.

Doch mittlerweile schaut die ganze NHL auf die Talente aus Germany. Leon Draisaitl war im Draft 2014 die Nummer drei. Dominik Bokk, der sich seit zwei Jahren in Schweden ausbilden lässt, ging 2018 in der ersten Draft-Runde an St. Louis. Für 2019 ist der Mannheimer Moritz Seider ein Topkandidat, die ganze Saison schon wird er von Scouts aus Nordamerika beobachtet. Und auch für 2020 sind deutsche Namen gut im Rennen. Tim Stützle, 17, Stürmer des Mannheimer Nachwuchsteams, und John-Jason Peterka, ebenfalls 17, gebürtiger Münchner, der an die Red-Bull-Akademie in Salzburg geht. Vielleicht wird Deutschland in einem Jahr zwei Erstrunden-Drafts haben – sonst ein Privileg von Schweden, Finnen, Russen.

Dominik Kahun wird in vielen nordamerikanischen Quellen als Tscheche geführt – obwohl doch bekannt sein sollte, dass er mit dem deutschen Team Weltmeisterschaften und Olympische Spiele bestritt. Er lächelt, ihm ist das nicht so wichtig. „Die schauen halt, wo man geboren wurde. Aber die Nationalität interessiert in Amerika grundsätzlich nicht so sehr.“

Wichtig: Dass man die Mentalität annimmt. Wie sie etwa ein Sydney Crosby verkörpert, der jahrelang als bester Spieler der Welt galt (aktuell ist Draisaitls Nebenmann Connor McDavid die Nummer eins der Experten). Crosby steht dafür, dass man im Ganzjahrestraining stehen sollte. Vorigen Sommer gönnte er sich zwar einen Europa-Urlaub, buchte sich auf seinen Tour-Stationen in örtlichen Eishallen ein, wo er die Schlittschuhe schnürte und allein oder mit einem angemieteten Torwart als Sparringspartner an seinen Skills arbeitete.

Leon Draisaitl verfährt ähnlich. Im Sommer ist er in der Trainingshalle neben der Kölner Arena anzutreffen, er nimmt Thomas Brandl, Tölzer, ehemaliger Nationalspieler, als Privattrainer. Fürs Krafttraining ließ er intelligente Kleidung entwickeln, die via App auf sein Smartphone übermittelt, ob er die Übungen richtig absolviert hat. Wenn es um sein Training geht, wird der vom Eishockey-Betrieb oft gelangweilt wirkende Draisaitl („Uns Spielern ist es egal, wer hinter der Bande ist oder welcher General Manager oben in der Halle rumsteht“) sehr seriös.

Auch Dominik Kahun hat für sich ein Sommerprogramm entworfen. „Im Sommer fahre ich nach Tschechien, dort arbeite ich mit meinen ersten Trainern, die ich im Eishockey hatte, bis ich neun war.“ Und sobald es in München Eis gibt, wird er beim EHC mittrainieren, mit dem er dreimal Deutscher Meister geworden war.

Kahun und Draisaitl werden wie schon 2017 und 2018 im deutschen Team für die WM in der Slowakei (ab 10. Mai) stehen. Ein großes Glück für den Deutschen Eishockey-Bund (DEB), dass beide mit ihren Clubs Chicago und Edmonton die Playoffs in der NHL verpasst haben. Beide kamen zwar gerne zur Nationalmannschaft, „weil ich dort viele Kumpels treffe“ (Draisaitl), doch gerade der Edmonton-Star ist sich darüber im Klaren, dass er vor allem in Nordamerika zu liefern hat: Seine 105-Punkte-Saison „freut mich als gehandelten Offensivspieler, der produzieren muss – aber es ist ein Teamsport und es geht nur um den Stanley Cup“. Das wird erwartet – auch von einem Deutschen.

Die wichtigsten Infos zur Eishockey-WM 2019

Hier finden Sie den personellen Überblick über den Deutschland-Kader der Eishockey-WM und den kompletten Spielplan mit allen Terminen und Ergebnissen. Darüber hinaus gibt es die wichtigen Details dazu, wie und wann das Turnier in Deutschland live im TV und Live-Stream übertragen wird.

Quelle: Merkur.de

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