Bayerns Eishockey-Idol Lorenz Funk wird 70

„Man muss es annehmen, wie es ist“

+
Seine Welt kreist immer noch ums Eishockey: Lorenz Funk in seinem Wohnzimmer in Greiling

Lenz Funk über den Umgang mit seiner Krankheit, unvergessliche Spiele, fliegende Gurken und wie er an der ZDF-Torwand alle Fußballstars ausstach

Greiling – Vor etwas mehr als eineinhalb Jahren erfuhr Lorenz Funk, einer der Größten, die das deutsche Eishockey hervorgebracht hat, dass er Prostatakrebs hat und dass der Tumor schon in die Knochen gestreut hat. Den Kampf gegen die Krankheit hat er sofort und pragmatisch aufgenommen. Heute kann er seinen 70. Geburtstag feiern. Er wird Besuch bekommen, es wird viel über früher geredet werden – wie in unserem Interview. Dem „Lenz“ zuzuhören – immer ein Genuss.

-Die wichtigste Frage ist: Wie geht’s Ihnen heute gesundheitlich?

Den Umständen entsprechend geht’s. Aber dadurch, dass die Therapie Kieferknochen und Zähne angegriffen hat, versuchen sie jetzt eine andere: dreieinhalb Wochen punktuelle Bestrahlung. Ich hatte die Probleme zunächst gar nicht bemerkt, weil ich Schmerztabletten nehme. Doch binnen 24 Stunden wurde der Kopf richtig dick. Der Hausarzt hat mich sofort in die Kieferklinik nach München geschickt. Da war ich zwölf Tage drin, bin auch operiert worden. Nach der Bestrahlung wollen sie die Stelle dann zumachen, momentan schaut der Knochen raus. Doch man muss es annehmen, wie es ist.

- Verglichen damit, wie es Ihnen vor einem Jahr ging. . .

Viel besser jetzt. Damals konnte ich nicht Auto fahren, keinen Meter gehen, brauchte Krücken oder den Rollstuhl. Ich tat mich schwer aufzustehen, hatte keine Kraft in den Armen. Da, die Uhr, die ich trage, die ist von meiner Frau, so dünn war meine Hand. Ich war nach der Chemotherapie runter auf 82 Kilo, als Spieler hatte ich 93. Jetzt esse ich wieder, habe sauber zugelegt, auf 115 Kilo.

-Viele kapseln sich ab, wenn sie erkranken. Sie haben das nicht getan.

Warum auch? Soll ich mich verstecken? Ich möchte auch wieder wo hin. Nach Miesbach, Geretsried, Tölz, Nürnberg, München zum Eishockey, oder beim Pokalspiel Bayern – Schalke war ich.

-Als Ihre Krebs-Diagnose bekannt wurde, erfuhren Sie sofort viel Anteilnahme. Das Eishockey-Netzwerk funktioniert.

Alles hat angerufen, selbst die, mit denen man nie gerechnet hat. Sogar Ulf Jäkel (früherer Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes, d. Red.) hat sich gemeldet, der uns, als ich bei den Eisbären war, aus der Liga schmeißen wollte. Mit dem hatte ich richtig Clinch damals, was hat der mich beschimpft! Jetzt sagt er, ich solle mich melden, wenn ich was brauche. Und viele kommen vorbei. Hans Zach ist jede Woche da.

-Es scheint, Sie sind ein Mensch ohne Feinde.

Ich habe mich gestritten, aber Feinde habe ich wirklich nicht. Ich habe mich immer für die Sportart eingesetzt und mich selber hintangestellt. Wenn es mal ein, zwei Monate eng geworden ist finanziell und die Spieler kein Geld gekriegt hätten, dann habe ich verzichtet. Die Frau hat mich geschimpft.

Marlene Funk schaltet sich kurz ins Gespräch ein: „Ich finde, ein bisserl nachtragender könnte er bei manchen Leuten schon sein.“

-Sie kennen alle Funktionen: Spieler, Trainer, Manager.

Ja, alles kenne ich. Allein bei den Eisbären war ich Manager, Sportdirektor, Marketing, Pressesprecher, Sponsoring – alles in einer Person. Ein Wahnsinn im Grunde.

-Die schönste Zeit?

Als Spieler.

-Weil man unbeschwert ist, sich nur um seinen Sport kümmern muss?

So war es nicht. Es war im Eishockey ja immer knapp vom Geld her. Wenn ich an den Berliner Schlittschuh-Club denke: Ich bin als Spieler oft mit zu Sponsoren gegangen, bin da hineingewachsen. Und weil sich im Verein mal ein Jahr sonst niemand drum gekümmert hat, habe ich als Kapitän den Berliner Innensenator angerufen wegen des Geldes, das wir sonst immer aus den Erlösen der Spielbank bekamen – das war unser Sonderstatus. Sogar mein Abschiedsspiel habe ich selbst organisiert.

-Aber Sie haben danach ja wieder angefangen.

Das war das Allerhöchste. Ich bin 1988 heim nach Tölz, war drei Jahre Trainer, von denen wir zwei keine Vorbereitung machen konnten, weil die Eisfläche kaputt gegangen war. Wir hatten eine schlechte Mannschaft, und Toni Fischhaber, der Vorsitzende, sagte zu mir: ,Lenz, du musst spielen, sonst steigen wir ab.’ Nach vier, fünf Jahren Pause mit 43 habe ich also gespielt – als ich richtig in Schuss gekommen war, war die Saison vorbei.

-Aber es war ein unvergleichlicher erster Sturm: ihre Söhne Lenz junior und Flocko und Sie. Und dann haben Sie sogar mit 55 noch einmal angegriffen als Spieler.

Das war eine Scheißwette! Ich war Präsident der Berlin Capitals, wir haben Regionalliga gespielt, ich habe eine Weihnachtsfeier mit den Journalisten abgehalten. Um zwei Uhr in der Früh – hoch die Tassen! – haben wir diskutiert, wie man es anstellen könnte, dass wieder mehr Zuschauer kommen. Irgendeiner sagte dann: ,Lenz, dann musst du wieder spielen.’ Und ich sage: ,Ja, okay, ich spiele, aber erst in sechs Wochen.’ Ich dachte, dass das alle sofort wieder vergessen, weil sie betrunken waren, doch am nächsten Morgen ab halb zehn läutete das Telefon.

-Sie kamen aus der Sache nicht mehr raus.

Ich habe sechs Wochen trainiert, kein Bier getrunken - und dann habe ich gespielt. Im Zamboni habe ich mich in die Deutschlandhalle reinfahren lassen. Zu meinem Hintermann sagte ich: ,Du, pass auf, nach 20 Sekunden komme ich zum Wechseln.’ Denn wenn du einmal übersäuerst, ist es vorbei. Ich habe Mittelstürmer gespielt, bin hinten geblieben, die Außen mussten forechecken, fertig. Das haben die Leute aber nicht gespannt. Und wir haben gegen Weißwasser 5:1 gewonnen.

-Erst agierten Sie im Westen Berlins, nach der Wende im Osten. Das hat sonst auch keiner gewagt.

Bei Dynamo Berlin wurde ich Trainer. Nach drei Wochen war ich auch Manager. Die hatten nullkommanull Geld. In der DDR waren die Spieler ja vom Staat bezahlt worden, das brach jetzt alles weg. Und was Dynamo bedeutete: das war der Stasi-Klub, den alle hassten – in Ost und West! Da bist du mittendrin, als Wessi, als Boar! Ich habe mich mit der Presse gut gestellt, ich bin ja nicht 1860 München, und ich wusste immer: Was geschrieben wird, ist die billigste Werbung, die du kriegen kannst. Wir haben uns hinaufgearbeitet, in Eisbären umbenannt und sind eine Marke geworden. Zehn Jahre habe ich das gemacht, und in dieser Zeit hast du nicht gewusst, wie es am nächsten Tag finanziell weitergeht.

- Bis zur Jahrtausendwende der US-Milliardär Philip Anschutz einstieg.

Ich habe ihm und seiner Frau, seinem Schwiegersohn und zwei Kindern das Berliner Sportforum gezeigt. Es hat aber noch ein Jahr gedauert, bis er uns übernommen hat.

-War die Olympia-Bronzemedaille von Innsbruck 1976 der Höhepunkt Ihrer Spielerkarriere?

Es war eine Sensation. Wir waren sechs Berliner im Olympia-Kader und in der Bundesliga so überlegen, dass wir sechs Spieltage vor Saisonschluss als Meister feststanden. Wir haben dann viel Blödsinn gemacht, gegen Köln etwa: 9:1 geführt, uns hingeschmissen, damit die anderen einen Penalty schießen können. Auf der Bank gab es Sekt, wir haben auch den Kölnern welchen rübergereicht. Also, die Luft war raus. Die Vorbereitungsspiele mit der Nationalmannschaft waren katastrophal. In Innsbruck mussten wir eine Qualifikation gegen die Schweiz spielen. Alle hatten wir Angst, der Sieg war eine Erlösung. Wir waren eine gute Mannschaft, die Leistungsträger alle um die 28 –- und die besten Jungen, Kießling, Berndaner, Reindl, Hinterstocker, die haben sich zu Weltklassespielern entwickelt.

-Wollten Sie nie in die NHL oder ins Ausland?

1972 hat Vancouver mich angerufen, St. Louis hat mich mal angesprochen. Ich hab’s nicht gemacht, die Kinder waren klein. Reizvoll wär’s gewesen. Und 1976 wollte mich Bern als Spielertrainer. Ich habe sportlich hier aber nichts vermisst: Wir haben zu meiner Zeit gegen die Besten gespielt: die Russen, die Tschechen – bei jeder Weltmeisterschaft.

-Beste Spiele?

1971 bei der WM in der Schweiz. Wir fahren hin, sehen das erste Spiel, die Amerikaner hauen die Tschechen weg. Ich sage zu den anderen: ,Wenn wir nicht absteigen, hupf’ ich in den Genfer See eini.’ Dann haben wir die USA 8:2 geschlagen und die Schweden 2:1. Und Bundestrainer Gerhard Kießling und ich sind in den See gesprungen. Der war eiskalt. Verrückt war auch: Ausscheidungsspiel für diese WM ’71. In München haben wir Polen 5:1 geschlagen, im Rückspiel in Lodz lagen wir nach zwei Dritteln 0:4 hinten. Endstand 4:4.

-Und die „Gurkenspiele“, als Sie 1985/86 ihre letzte Saison für Preussen Berlin spielten.

Es gab unsere 2. Liga Nord und die 2. Liga Süd. Die „Bild am Sonntag“ hat ein Interview mit mir gemacht, da habe ich gesagt: ,Ich glaube, der Norden ist schon etwas stärker.’ Geschrieben wurde: ,Der Süden ist eine Gurkenliga.’ Habe ich nie gesagt. Doch als wir in der Aufstiegsrunde im Süden gespielt haben: Überall wurden Gurken auf mich geschmissen. Sogar Jahre später noch in Freiburg.

-Sie können auch auf eine Fußball-Großtat zurückblicken: Als einziger haben Sie sechsmal an der ZDF-Torwand getroffen – es geschah halt nur nicht im Sportstudio, sondern auf der Internationalen Funk-Ausstellung in Berlin. 1975.

Franz Beckenbauer hat mich gefragt, wie oft ich dafür geschossen habe. Na, sechs Mal! Ich war 28 Jahre alt, hatte mein Lebtag Fußball gespielt, hatte Turnschuhe und Trainingsanzug an. Zuerst haben wir mit Eishockey-Scheiben geschossen, unten, alle drin. Dann mit dem Fußball: Ungelogen – beim letzten Schuss bin ich mit Vollspann hin. Ich habe ihn dringesehen, bevor ich ihn geschossen habe. Da sieht man, was Selbstvertrauen ausmacht.

-Die Ziele nun?

Was mich motiviert, sind meine 100 Brieftauben. Und ich möchte noch einmal auf die Sigrizalm auf 1100 Meter hinaufgehen. Da war ich schon als Bua oben. Als ich 1987 aus Berlin zurückkam und mit Eishockey nichts mehr zu tun haben wollte, waren jeden Mittwoch die Alten droben. Da hat man mich zum Eishockey zurückgebracht. Zu Fuß war ich das letzte Mal vor vier Jahren auf der Alm. Ich will das wieder schaffen.

Das Interview führten Günter Klein und Nick Scheder

Auch interessant:

Meistgelesen

Bauchwand- und Leistenbrüche nicht unterschätzen!
Bauchwand- und Leistenbrüche nicht unterschätzen!
Drei Neuinfektionen - 7-Tage-Inzidenz liegt im Landkreis Ebersberg …
Drei Neuinfektionen - 7-Tage-Inzidenz liegt im Landkreis Ebersberg bei 113,5
Ehemann schoss auf schlafende Fau
Ehemann schoss auf schlafende Fau
Markt Schwaben: Einjähriger nach Mittagsschlaf ausgebüchst
Markt Schwaben: Einjähriger nach Mittagsschlaf ausgebüchst

Kommentare