Kann man sich auf dem Eis anstecken?

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Nicht zu vermeiden (wie hier im Spiel München – Nürnberg): Auf dem Eis kommt man sich nahe.

Es war im März 2020, als es mit Corona richtig losging: Nur noch Belarus hielt an seinem Eishockey-Spielbetrieb fest. Alexander Lukaschenko, der sportaffine Diktator des Landes, ging selbst aufs Eis und sprach in die Fernsehkameras: „Sehen Sie hier ein Virus? Ich sehe keines. Es ist wie im Kühlschrank, da hat ein Virus keine Chance.“ Wie man längst weiß: Diese Äußerung war blanker Unsinn.

Ist das Gegenteil richtig und Eishockey sogar ein Ansteckungsherd? Felix Schütz (Adler Mannheim), Olympia-Silbermedaillengewinner, erzählte kürzlich im Podcast „Die Eishockey-Show“, dass es ihn, als er zu Saisonbeginn für Landshut in der DEL2 spielte, richtig erwischte: „Plötzliches Fieber bis 40 Grad, Schüttelfrost, vier Tage extreme Rücken- und Kopfschmerzen, Geschmacks- und Geruchssinn weg. Riechen tu ich noch immer nicht.“ Er sagte, er habe sich das Virus wohl im Spiel gegen Kaufbeuren geholt, wo nachträglich Infektionsfälle festgestellt worden waren. Er könnte es sich erklären: „Das Virus hält sich auf dem Eis, die Spieler wirbeln das Virus hoch, fahren durch, atmen bei Puls 180 schwer.“

Man hört jetzt öfter von solchen Szenarien aus Kreisen der Aktiven. Vor allem in der Oberliga Süd und in der multinationalen Ice Hockey League (Österreich, Italien, Ungarn, Slowakei) scheint der Weg des Virus von einer Mannschaft zur anderen nachverfolgbar. Man hat die Spielsituationen vor Augen: den heftigen Check, bei dem den Körpern durch den Impact jede Menge Luft entweicht, das intensive Atmen bei den kurzen Shifts, die Nähe, die beim Wechseln entsteht, das Schnaufen der Spieler, die eng nebeneinander auf der Bank sitzen. Ist Eishockey brandgefährlich?

„Das sind Anekdoten, die alle schlüssig klingen, aber wir haben noch keine Datengrundlage“, sagt Dr. Lutz Graumann aus Rosenheim. Er ist medizinischer Koordinator beim Deutschen Eishockey-Bund (DEB), hat im Sommer am Hygienekonzept des Verbands mitgeschrieben. „Aber dass es das Eishockey so massiv erwischt hat, das beschäftigt uns.“

Was man weiß, sei, „dass wir es mit verschiedenen Einflussgrößen zu tun haben: Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Luftstrom in der Umgebung.“ Diese Bedingungen sind je nach Arena unterschiedlich. Kälte und hohe Luftfeuchtigkeit, wie man sie auf dem Eis oft antrifft, „würden eher eine Tröpfcheninfektion wahrscheinlicher machen“, so Dr. Graumann. „Allerdings sind die Eishockeyspieler eher mit Atmen beschäftigt, als dass sie sich anschreien würden.“ Ein Vorteil des Eishockeys seien auch die belegbar geringen Kontaktzeiten zwischen den Spielern. „Handball, wo sich vieles am Kreis abspielt, hat längere Kontaktzeiten.“

Ein Vorfall, der das Eishockey beschäftigt, hat sich im Juni 2020 in Tampa Bay, Florida zugetragen. Zwei Hobbyteams mit je elf Akteuren (zwischen 19 und 53 Jahren) spielten gegeneinander. Resultat: ein Superspreading-Event mit am Ende 13 positiv getesteten Spielern. Und testen lassen hatten sich nur die Spieler mit Symptomen. Aus den USA gibt es zudem Berichte über Jugendspiele im September und Oktober, die größere Infektionswellen losgetreten haben sollen. Für Lutz Graumann ist hier – wie auch im Fall der Oberliga Süd – die Frage, „was auf dem Eis passiert und was daneben: Fühlt man sich sicherer, als man ist? Unterhält man sich hinterher noch und hat keine Maske auf?“

„Unser Ziel“, so formuliert es Graumann, „muss sein, dass wir uns noch mehr absichern, dass nur gesunde Spieler im Training unterwegs sind und auf dem Spielfeld stehen“. Das Problem hierbei: Die Strategie beruht auf einem statistischen Mittelwert, wonach die Erkrankung sechs Tage nach der Infektion ausbricht. „Doch es gibt eben auch die Extreme, und sie können jedes Konzept zerstören.“

Gemerkt hat es das U 20-Nationalteam, das sich in der Vorbereitung auf die WM einem strengen Testprotokoll und Quarantäne unterzog und doch mit drei Positivfällen in Edmonton ankam. Aus den drei wurden acht, später kam ein neunter hinzu. „Das müssen wir aufrollen“, sagt Graumann. Er plädiert dafür, „auch auf einfache Marker wie Ruhepuls, Temperatur und Atmung zu achten“. Schon vor einem PCR- oder Antigen-Test könne man „Ausschlussgründe“ finden. Dann besser nicht aufs Eis.

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