Eishockey darf nicht weh tun

Playoffs: Die Kunst der Verdrängung

Von Günter Klein

München – Der Unfall, der die Eishockeyszene entsetzte, trug sich vergangene Woche am Dienstag zu: Der Nürnberger Patrick Reimer traf mit einem Schuss den eigenen Sturmkollegen, den aus der Tölzer Schule stammenden Yasin Ehliz. Am Ohr. Das dann nicht mehr aussah, wie ein Ohr aussehen sollte. Es war zerfetzt, klassisch gespalten, der Knorpel lag frei; eine blutige Angelegenheit. Yasin Ehliz wurde ins Krankenhaus gebracht und kehrte noch im Verlauf der siebten Viertelfinal-Partie ins Eisstadion zurück. Mit einem blauen Turban um den Kopf. Er hatte erwogen, wieder aufs Eis zu gehen. Der Mannschaftsarzt mit dem schönen Namen Dr. Hirn hielt ihn davon ab.

Am Mittwoch dann, dem Tag nach dem Spiel, war Ehliz gut drauf. In München wurde die neue Ausgabe des Telekom-Eishockey-Podcast aufgenommen, Ehliz ließ sich aus Nürnberg telefonisch zuschalten. Erzählte gelassen von einer ruhig verlaufenen Nacht („Gut geschlafen, kein Kopfweh, es kann also keine Gehirnerschütterung sein“), lachte, ließ ein Moderatorenwortspiel über sich ergehen („Ich will dir jetzt kein Ohr abknabbern, Yasin“) – und sagte abschließend, er wolle sobald wie möglich wieder spielen. Am Freitag eröffnete Nürnberg seine Halbfinalserie gegen Wolfsburg, Yasin Ehliz war dabei, schoss ein Tor. Gleiches am Sonntag in Wolfsburg.

„Im Eishockey“, sagt Rick Goldmann, langjähriger Nationalspieler und heute auf allen TV-Sendern gefragter Erklärer seiner Sportart, „musst du Verdrängungskünstler sein“. Ob Verletzung oder Niederlagen-Erlebnis – einfach ignorieren, immer wieder neu anfangen. In den Playoffs erst recht.

Yasin Ehliz ist das Paradebeispiel für diese Mentalität. Er ließ den Zeugwart ein wenig am Helm herumbasteln – und setzte ihn auf für die nächste Schlacht. Auch andere Spieler haben ihre Verletzungen verdrängt. Die Augsburger Michael Davies und Evan Trupp bestritten die letzten beiden Playoff-Spiele mit Syndesmosebandriss der eine und gerissenen Bändern im Knie der andere. Die Ausrüstung muss dann helfen – und ein starker Wille.

Speziell die Playoffs sind ein Mentalitäts-Wettbewerb. Das haben die hin- und herwogenden Viertelfinalserien Mannheim – Berlin, Köln – Wolfsburg und Nürnberg – Augsburg gezeigt. Im deutsche Eishockey sind viele Nordamerikaner zugange, sie sagen nach Niederlagen stets, es gebe nur zwei Aufgaben zu erledigen: „regroup“ und „refocus“. Sich sortieren und sich konzentrieren. Und dabei nicht zurückblicken.

„Das Schöne an unserem Sport ist, dass es so schnell weitergeht“, versichert Frank Mauer. Der Stürmer des EHC München hatte am Freitag zum Halbfinalauftakt gegen den Eisbären Berlin eine Niederlage in der zweiten Overtime hinnehmen müssen – ein Frustfaktor. Was tun? Das negative Gefühl verdrängen. Trainer Don Jackson nutzte den Samstag, den Tag vor dem zweiten Spiel, zur sachlichen Aufarbeitung, forderte von der Mannschaft ein konsequenteres Verhalten im Unterzahlspiel. Am Sonntag in Berlin gingen wieder die Eisbären in Führung, doch das machte die Münchner nicht kirre. „Das Gegentor kommt, das weiß man“, sagte wenige Momente danach im Kurz-Interview an der Bande der EHC-Däne Mads Christensen, „wir müssen dann eben zurückkehren“. Der EHC München gewann schließlich noch 2:1 und glich in der Serie zum 1:1 aus. Und am Dienstag schon wird sich zeigen, ob die Berliner dieses Ärgernis wegschieben können, nicht den Heimvorteil genutzt zu haben.

Wobei die Eisbären schon genug verdrängt haben in dieser Saison: diverse Niederlagenserien, Zweifel an Trainer Uwe Krupp, die Sorge, wie Klubeigner Phil Anschutz in den USA auf den Mangel an Erfolg reagieren wird. Mit Beginn der Playoffs sind die Eisbären eine andere Mannschaft. „Man weiß ja, was Selbstvertrauen im Sport bewirken kann“, sagt der Münchner Frank Mauer, „die Berliner zeigen das“.

Aber: Sie müssten geschlaucht sein. Sie haben bereits 778 Playoff-Minuten hinter sich, München erst 384. Ihr Torhüter Petri Vehanen hat seit Anfang März und Beginn der Pre-Playoffs dreimal so viele Schüsse aufs Tor bekommen wie beim EHC Danny Aus den Birken.

Müdigkeit ist etwas, das man in den Playoffs freilich verdrängt. Wie der Augsburger Trainer Mike Stewart, der inklusive der Vorbereitung aufs Viertelfinale 33 Tage am Stück arbeitete. Am Tag nach dem Ausscheiden schlief er dann über zwölf Stunden.

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