Die Zeit des „secondary scoring“

+
Da staunt nicht nur Kollege Justin Shugg (rechts): Derek Dinger wird plötzlich zum Torjäger.

In den Playoffs ist wichtig, dass auch die mal treffen, die sonst nicht für die Torproduktion zuständig sind.

Augsburg – Zu den Fanartikeln, die bei den Augsburger Panthern angeboten werden, gehört auch eine Schal mit der Aufschrift „Derek Danger“.

Das ist die pure Ironie. „Danger“ ist das englische Wort für Gefahr, und mit Gefahr würde man diesen Derek, der in Wirklichkeit Derek Dinger heißt, nicht in Zusammenhang bringen. Der gebürtige Kasselaner ist Verteidiger, bereits 29 – und durch seine Karriere in der DEL gekommen, ohne Torgefahr verbreitet zu haben, weder in Berlin noch in Kassel, Düsseldorf, Ingolstadt, Schwenningen oder nun Augsburg. Bilanz in der Hauptrunde in dieser Saison, in der Dinger alle 52 Spiele bestritten hat: null Tore (bei wenigstens aber neun Vorlagen).

Und dann kam dieses Playoff-Match am Dienstagabend. Augsburg gegen Nürnberg, Viertelfinale, Runde vier. Durch einen 4:0-Sieg glich Augsburg in der Best-of-Seven-Serie auf 2:2 aus – und zwei Tore nacheinander erzielte die unscheinbare Nummer 47: Derek Dinger.

„Beim ersten hat er gesehen, dass sein Gegenspieler wegrutschen wird, er hat geschickt gewartet und dann abgezogen“, lobte Trainer Mike Stewart. „Beim zweiten Treffer hat er davon profitiert, dass Parksy Superverkehr vor dem Nürnberger Tor gemacht hat“. Die Übersetzung aus der Eishockey-Fachsprache: Dinger schoss von seiner klassischen Verteidigerposition an der blauen Linie aus, Trevor Parkes kreuzte vor Ice-Tigers-Tormann Andreas Jenike und irritierte ihn.

Zum runden Augsburger Abend hat gepasst, dass auch Jaroslav Hafenrichter ein Tor erzielte, das 3:0. Der Deutsch-Tscheche ist zwar Stürmer, aber keiner für die Torjägerrolle. Als er noch zweitklassig spielte, für Bremerhaven (2013 bis 15), hat er in fast jedem zweiten Spiel geknipst, in bisher 90 DEL-Partien (für Hamburg und Augsburg) traf er insgesamt vier Mal. Zweimal Dinger, einmal Hafenrichter – es schlug bei den Augsburgern die Stunde der „unsung heroes“, der unbesungenen Helden, die Trainer Stewart intern gerne als Soldaten beschreibt. „Wichtig in den Playoffs“, erklärt der Austro-Kanadier, „ist das ,secondary scoring’“.

Wieder so ein spezieller Begriff. „Secondary scoring“ steht dafür, dass auch die Spieler mal treffen, die sonst nicht zu den Top-Scorern gehören. In den Playoffs herrscht erhöhte Wachsamkeit, die Teams konzentrieren sich automatisch auf die Paradereihe des Gegners. Bei Nürnberg ist es das eingespielte Trio Patrick Reimer – Steve Reinprecht – Yasin Ehliz, die Augsburger haben im Duo Drew LeBlanc und Ben Hanowski, derzeit ergänzt mit T.J. Trevelyan, ihre wirkungsvollste Sturmreihe. Beide Formationen zeichnen im bisherigen Playoff-Verlauf für je fünf Treffer verantwortlich. Je kleiner das Team, desto wichtiger ist, dass auch mal aus einer hinteren Reihe, sonst dazu da, Aktionen des Gegners zu unterbinden, Produktives entsteht.

Selbst Mannschaften wie der EHC München, die für sich in Anspruch nehmen können, dass sie die viel zitierte „Tiefe im Kader“ haben, sind aufs „secondary scoring“ angewiesen. In den vorjährigen Playoffs lief es zwar auch bei den Leistungsträgern hervorragend, doch im vierten Finale in Wolfsburg war es dann Maximilian Kastner, einer der jungen Spieler, der keine Chance hat, in den zwei ersten Blöcken aufzutauchen (in der normalen Saison hatte er gerade mal zwei Tore erzielt), der das Match in einer kritischen Phase zu Gunsten seines Teams gestaltete. Seinen einzigen Playoff-Treffer erzielte er, als er am dringendsten benötigt wurde.

Nur den Schal zur plötzlichen Torgefahr - wie bei Derek Dinger - gab es bei Maxi Kastner nicht.

Auch interessant:

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion