Der Eishockey-Macher: Wer ist Stefan Schaidnagel?

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Er war ein harter Verteidiger, spielte von der 2. bis zur 4. Liga. Und er war im Fußball tätig und kennt Wirtschaftsführer aus der ganzen Welt: Stefan Schaidnagel.

„Sportdirektor mit Generalverantwortung“, so lautet der offizielle Titel von Stefan Schaidnagel beim Deutschen Eishockey-Bund (DEB): Der neue starke Mann also, er spielte bereits bei der Suche nach dem neuen Bundestrainer Toni Söderholm die tragende Rolle. Doch was weiß man über den gebürtigen Immenstädter? Es existiert nicht mal ein Wikipedia-Eintrag. Zeit, den 37-Jährigen in seinem Büro in der Münchner DEB-Zentrale zu besuchen. 

Herr Schaidnagel, wenn man über jemanden im Eishockey was erfahren will, geht man auf die Internetplattform „Eliteprospects“. Dort sind Ihre Stationen als Spieler gelistet. Zweite bis vierte Liga, 1997 bis 2006, wenige Spiele, große Lücken. Erzählen Sie doch mal.

Mit 16 bin ich von Jochen Mörz, einem Pfrontener, ehemaliger Nationalspieler, in den Kader von Sonthofen berufen worden, das war Hacker-Pschorr-Liga. Sonthofen ist pleite gegangen, und es gab keinen direkten Anschlussverein für mich. Ich bin erst zurück in den Nachwuchs und dann nach Memmingen, 2. Liga Süd hieß das damals. Aus ihr wurde die Regionalliga Süd, da spielte ich in Kempten, es ging weiter nach Bayreuth, das dann aber auch pleite war, nach München, da habe ich studiert und war verletzt. . .

Eliteprospects sagt: Fünf Spiele, 58 Strafminuten.

Oh ja, da war ich öfter sauer. Das nächste war zurück nach Kempten, Oberliga Süd. Tölz, Kaufbeuren, Oberhausen. Bad Nauheim – so müsste es gewesen sein. Der Hintergrund dieser Vita: Maximale Identifikation über das normale Maß hinaus habe ich mitgebracht – aber in der Realität hat sich meine Erwartung nie erfüllt. Das Herz hat oft geblutet. Ich habe fünf Konkurse erlebt, und es gab nicht immer Konkursausfallgeld. Dadurch entstanden häufige Wechsel und keine lineare Geschichte. Die Zukunft, in der ich mich wiederfand, war das Studium: Sportwissenschaft. Doch vieles, was ich erlebt habe, ist mir heute ein beruflicher Antrieb, dass wir die Zustände im Eishockey verbessern. Auch deswegen sitze ich hier.

Was war der Verteidiger Schaidnagel für ein Spielertyp?

Sicher nicht der filigrane Techniker, wie die 58 Strafminuten erahnen lassen. Sehr körperbetont, von der Athletik geprägt. Der klassische Verteidiger, der seine Aufgaben im eigenen Drittel erledigt hat, sehr mannschaftsdienlich.

Sie haben Narben im Gesicht. Einiges abgekriegt?

Passt zum Spielstil. 110 Prozent, over the top, das ist mir manchmal im Weg gestanden. Mehr Lockerheit wäre gut gewesen.

War klar, dass am Ende des Wegs wieder Eishockey stehen würde – oder war der Fußball verlockend, in dem Sie ja auch tätig waren?

Es gab zwei Wege: Weil mich das Körperliche interessierte, habe ich überlegt, aufgrund meiner Verletzungserfahrungen Orthopäde zu werden. Oder ich befasse mich mit Sportorganisation, Sportsystemen. Vordergründig ist das eine Ambivalenz, tatsächlich passen die beiden Felder gut zusammen. Nach dem Eishockey bot sich eine Einstiegsmöglichkeit in den Fußball, über den DFB, den FC Ingolstadt. Als ausgebildeter Sportwissenschaftler aber – in Anführungszeichen – Fachfremder wollte ich mich da beweisen und habe versucht, den Transfer zwischen Sportarten zu leben. Letzten Endes hat der Transfer mich zum Eishockey zurückgebracht. Ich hatte mir andere Sportarten angeschaut, Wintersport, Fußball. Das brachte mir einen Wissensvorsprung.

Was haben Sie aus dem Fußball mitgenommen?

Was im Fußball gut funktioniert, ist die Organisation von Sport. Was man vom Eishockey in den Fußball transferieren könnte, ist die intrinsische Motivation der Spieler.

Sie waren beim FC Ingolstadt Konditionstrainer?

Es hat sich „sportwissenschaftlicher Leiter“ genannt, der die konditionellen Aspekte im Fokus hatte. Das ganze Spektrum, das die Sportwissenschaft zu bieten hatte, war damals für Fußballvereine interessant, weil wir von dem profitiert haben, was Jürgen Klinsmann, Matthias Sammer und Mark Verstegen aufgebaut haben. Das hat den Run auf Leute wie mich verstärkt. Beim FC Ingolstadt habe ich mit Horst Köppel, Michael Wiesinger, Henning Bürger gearbeitet. Ich hätte damals auch nach Hannover gehen können, aber durch das Audi-Commitment in Ingolstadt zeichnete sich eine ähnliche Kurve wie in Hoffenheim ab. Ich habe da einen großen Fit für mich und meine fachlichen Vorstellungen gesehen.

Sie haben auch mit Mark Verstegen gearbeitet, dem Fitnessguru, den Jürgen Klinsmann aus Amerika mit zum DFB brachte.

Ich habe in Verstegens Wirtschaftszweig eine gute Rolle gehabt. In seiner Corporate-Schiene, wie er sie nannte, hat er die Top-Manager der ganzen Welt über leistungssportliche Inhalte abgeholt, für sie Programme erstellt. Wir waren weltweit unterwegs. Man ist mit internationalen Experten durch die Weltgeschichte geflogen. E brachte wieder einen Wissensvorsprung, wenn ich sehen konnte, wie der Vorstandsvorsitzende von Unilever sein Personal strukturiert, wie Produktmanagement funktioniert, welche Visionen entwickelt werden. Das habe ich komplett aufgesogen. Das war Gold wert.

In Ingolstadt ging es zurück ins Eishockey.

Ich war ein Jahr Geschäftsführer bei Perform Better Europe (einem Fitnessgerätehersteller, d. Red.) und habe versucht, mein BWL-Studium anzuwenden, dann kam der ERC Ingolstadt. Und 2014 wurden wir gleich Meister.

Zum DEB kamen Sie über eine Stellenanzeige?

Ich kannte die Leute, hatte immer den Blick ins Eishockey, wir waren eh im Gespräch – da hat es gepasst, dass der DEB eine Position des „Bundestrainer Wissenschaft und Ausbildung“ über Deutschen Olympischen Sport-Bund und Bundesinnenministerium bekommen hat. Darauf habe ich mich beworben.

Die Generalverantwortung im DEB ist ein großes Feld. Sie können sich austoben.

Wenn es so einfach wäre . .  Das Präsidium hat den Anstoß fürs Gesamtkonzept Powerplay26 gegeben. Das ist kein Sprint, sondern ein Marathon, und wir haben gerade die ersten fünf Kilometer abgerissen. Die Eishockey-Gesellschaft muss sich bewusst sein, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben.

Die olympische Silbermedaille.. .

. . . hilft uns, ist aber ein Jahr her. Nachhaltigkeit ist die Aneinanderreihung von schönen Ereignissen. Der Reformkurs muss weiter gehen.

Was muss alles reformiert werden?

Wir haben inhaltliche Ziele: Wie wollen wir Spieler zukünftig entwickeln? Was soll deutsche Eishockey-Philosophie sein? Wie sieht es mit Sport- und Eliteschulen aus? Wie arbeiten wir mit den Landesverbänden zusammen? Was muss der optimale Trainer für Fähigkeiten haben? Wie handhaben wir die Traineraus- und fortbildung? Wie strukturieren wir Ligen im Nachwuchs? Wie bekommen wir junge deutsche Spieler in die Ligen integriert? Eishallenmanagement ist ein Thema, Bestandserhalt und Neubau. Die Hauptarbeit ist, gute Strukturen zu schaffen, um die Ausschläge zwischen mehr und weniger Erfolg geringer zu halten. Wir müssen die Veränderungen aber erträglich gestalten, um die Fluktuation gering zu halten.

Hat der DEB die Manpower, das alles zu steuern?

Die Manpower haben wir uns über die Leistungssportreform abgeholt. Über die berühmte Potas-Analyse haben wir uns als Verband darstellen können, sind als sehr gut bewertet worden und haben einen Mittelaufwuchs bekommen. Wir haben jetzt einen hauptamtlichen U 16- und U 18-Trainer und Fachpersonal im Haus.

Der DEL muss man gut zureden.

Wir haben einen intensiven Austausch und gleichen unsere Ziele ab. Es sagen ja viele immer, die DEL müsste die Ausländerstellen reduzieren. Klar, kann sie. Aber am ehesten reduziere ich sie, wenn ich genügend gute deutsche Spieler ausgebildet habe. Schweden etwa hat dieses Grundniveau. Wir spüren auch schon positive Entwicklungen, sind mit unseren U 20-Junioren wieder in die WM-A-Gruppe aufgestiegen – und zehn der Spieler sind aus dem jüngeren Jahrgang und nächstes Jahr noch dabei.

Was muss sich im System Oberliga verändern?

Durch die Gruppen Nord und Süd ist es eine nationale Liga, die wir erhalten sollten, die das Eishockey in den Regionen hält. Semiprofessionell, soll deutschen Spielern eine Chance geben, dass man sieht: Basisarbeit kommt oben an. Diese Liga muss Wirtschaftlichkeit mit sauberem Sport vereinbaren – das könnte eine Überschrift sein.

Thema Nationalmannschaft. Nächste Woche ist das Debüt von Toni Söderholm als Bundestrainer.

Gut, es ist eigentlich mit einer U23-Nationalmannschaft. Konzipiert haben wir sie vor zwei Jahren. Weil der Sprung von der U 20- in die A-Nationalmannschaft zu groß ist. Es gibt keine systematische Zuführung, weil die einen in der Oberliga spielen, die anderen in der DEL2 mit wenig Eiszeit, einige aber in der DEL. Das ist auch das Problem der großen Länder. Deren Toptalente können auch unter 20 in der A-Nationalmannschaft spielen, aber die Masse der Spieler nicht. Wir spielen nun gegen die Schweiz, haben aber Anfragen aus Finnland und Slowakei, ob wir es größer aufziehen können. Interessant ist, dass alle Kaderstrukturen im deutschen Sport durch die Leistungssportreform geändert werden. Es wird überall ein Perspektivkader verlangt, und wir haben ihn auch. Es sind U 20-Spieler dabei, aber mit Jonas Müller auch ein Verteidiger aus der Olympia-Silbermannschaft.

Der 5. Februar ist der Termin für das erste Söderholm-Spiel. Und nun fällt sein Debüt zusammen mit dem Finale der Champions Hockey League zwischen Frölunda Göteborg und dem EHC München, das natürlich mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die Bedeutung des Endspiels fürs deutsche Eishockey?

Schon eine ganz wichtige Sache, weil München als erster deutscher Vertreter das Finale spielt – und auf dem Weg dorthin viele junge deutsche Spieler eingesetzt hat.

Interview: Günter Klein

Quelle: Merkur.de

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