Formel 1

Streit um das Hoppeln der Rennwagen - Gesundheit in Gefahr

Hoppel-Problem
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Das Hoppeln, besonders bei hohen Geschwindigkeiten, ist eine starke körperliche Belastung für die Piloten der Formel 1.

Experten warnen. Die meisten Fahrer sind sich einig. Sicherheit geht vor. Und doch kracht es: Mittendrin mal wieder die Teamchefs von Mercedes und Red Bull. Es geht um das Hoppeln der Formel-1-Autos.

Montréal - Die Diskussion um Sicherheit und Gesundheit der Fahrer wird zum Zoff-Thema der Formel 1. Und wieder krachen vor allem Mercedes und Red Bull aufeinander, der ehemalige Branchenführer und der aktuelle befinden sich mal wieder verbal auf Konfrontationskurs.

„Das ist ein Sport, bei dem du versuchst, einen Wettbewerbsvorteil zu behalten oder zu bekommen, aber in dieser Situation geht es klar zu weit“, wetterte Mercedes-Teamchef Toto Wolff.

Es gebe Kollegen, „die versuchen, das Gesagte zu manipulieren, um den Wettbewerbsvorteil zu behalten, und versuchen, politische Spiele zu spielen.“ Namen nannte er nicht direkt. Dass sich Christian Horner von Red Bull angesprochen fühlen dürfte, ist klar. „Es wäre unfair, nach der Hälfte des Jahres eine Regelungsänderung zu haben, weil ein Team sein Ziel verfehlt“, betonte dieser. Er sehe nur ein Auto, das Probleme habe - gemeint war der Mercedes.

Marko: „Es gibt keinen Handlungsbedarf“

In die Red-Bull-Rhetorik stimmte auch Motorsportberater Helmut Marko ein. „Es gibt keinen Handlungsbedarf. Wer ein Problem hat, soll sein Auto höhersetzen“. Und Starpilot Max Verstappen vertrat gar die Meinung: „Es gibt viele Sportarten, bei denen du deinen Körper schädigst. Und wenn du mal deine Karriere beendest, bist du nicht mehr wie mit 20. So ist es einfach“, sagte der 24 Jahre alte Niederländer. Fußballer hätten halt Probleme mit den Knien. „Wir sollten nicht überdramatisieren, was im Moment passiert“, befand Verstappen, der WM-Führende.

Doch das Meinungsbild unter den Fahrern ist ein anderes. Deswegen wandten sie sich auch an den Internationalen Automobilverband Fia. Es geht um das gefährliche Hoppeln der Autos, ein Phänomen, das durch die neuen Aerodynamik-Vorschrift entstanden ist. Die Autos werden auf den Boden gedrückt, es kommt zu einem Strömungsabriss, sie setzen auf und werden wieder nach oben gedrückt. Das wiederholt sich in Sekunden mehrfach. Und gerade dort, wo die Fahrer am schnellsten unterwegs sind.

Langzeitschäden an der Wirbelsäule

„In einer Sportart, in der die Teilnehmer routinemäßig mit Geschwindigkeiten von über 300 km/h fahren, wird davon ausgegangen, dass die gesamte Konzentration eines Fahrers auf diese Aufgabe gerichtet sein muss“, hieß es in einer Mitteilung. „Im Interesse der Sicherheit“ verlangt die Fia von den Rennställen, „dieses Phänomen zu reduzieren oder zu beseitigen“. Diese Entscheidung fiel „nach Rücksprache mit den Ärzten“. Die sogenannte Technische Direktive erreichte nicht wenige erst auf dem Weg nach Kanada. Der Grand Prix soll nun zum Testlauf werden, Daten aus den Autos werden gesammelt.

„Was nicht passieren darf ist, dass die Piloten zu häufig diesen heftigen Belastungen ausgesetzt sind“, sagte Sportwissenschaftler Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule in Köln der „Bild am Sonntag“. Der Gesundheitsexperte ergänzte: „Ansonsten könnten Langzeit-Schäden an der Wirbelsäule entstehen, die die Fahrer zum frühzeitigen Karriereende zwingen könnten oder zu dauerhaften Schmerzen nach der aktiven Laufbahn.“

Es sei ein Risiko, das nicht unter ihrer Kontrolle sei, betonte der australische McLaren-Pilot Daniel Ricciardo: „Ich glaube, wir haben wahrscheinlich schon genug Risiko in unserem Sport.“

„Jungs, das Hüpfen ist echt schlimm“

Es geht um mögliche Gehirnerschütterungen, um Probleme mit der Wirbelsäule, um Schmerzen im Auto während des Rennens, es geht um die Wahrnehmung hinterm Steuer in einem Sport, der ohnehin gefährlich ist. George Russell von Mercedes berichtete, dass er beim Rennen am vergangenen Sonntag in Baku nicht einmal die Boxentafel habe lesen können. Teamkollege Lewis Hamilton fühlte sich in den Tagen danach ein bisschen kleiner.

Nur mit größter Mühe hatte er sich nach der Tortur aus dem Silberpfeil gehievt. Kopfschmerzen seien seit Monaten auch deutlich häufiger als vorher, erzählte er in Montréal. „Ich habe einfach Schmerztabletten genommen. Hoffentlich habe ich keine Gehirnerschütterungen“, berichtete der 37 Jahre alte Brite.

„Es kann nicht sein, dass wir Fahrer kurz- oder langfristige Schäden davontragen“, betonte Sebastian Vettel. Der viermalige Weltmeister ergänzte: „So können wir ja nicht vier, fünf Jahre weiterfahren. Die Gesundheit geht vor Leistung.“

Dass WM-Mitkämpfer Charles Leclerc von Ferrari eher Verstappen beipflichtet, war auch bemerkenswert. „Ich bin damit nicht komplett einverstanden. Es ist die Verantwortung des Teams, mir ein Auto zu geben, mit dem ich fahren kann“, sagte er. Ebenso bemerkenswert war der Funkspruch seines Teamkollegen Carlos Sainz später an die Ferrari-Box: „Jungs, das Hüpfen ist echt schlimm.“ dpa

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