Vettel: Paul-McCartney-Konzert als Trostpflaster

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Der Pechvogel von Abu Dhabi: Sebastian Vettel

Abu Dhabi - Sebastian Vettel suchte nach dem verkorksten Renntag gemeinsam mit seiner Familie Ablenkung bei einem McCartney-Konzert. Lewis Hamilton feierte derweil mit seiner stolzen Mutter den Sieg in Abu Dhabi.

Eine Gitarre war die einzige Trophäe seines Sohnes Sebastian an diesem verkorksten Tag, deshalb hielt Norbert Vettel sie fest umklammert, als er im Fahrerlager von Abu Dhabi die gesamte Familie um sich versammelte. Als der Weltmeister dann um 20. 40 Uhr Ortszeit aus dem Red-Bull-Haus rannte und mit Vater, Mutter, Bruder, Schwester und besagter Gitarre zum Konzert von Paul McCartney aufbrach, huschte auch schon wieder ein Lächeln über sein Gesicht. Der Blick des Formel-1-Weltmeisters war nach vorne gerichtet, die Freude auf den Abend mit einem seiner größten Idole hatte nach Stunden des Frusts endlich die Oberhand gewonnen.

In der Yas-Arena angekommen, wurde der große Beatles-Fan, der nach eigenen Angaben das Gesamtwerk der „Pilzköpfe“ auf Vinyl sein eigen nennt, von McCartney erst einmal gefoppt. „Ich habe Sebastian ausrichten lassen: Lass die britischen Jungs gewinnen“, teilte McCartney den rund 30.000 Zuschauern mit und ergänzte schmunzelnd: „Und was soll ich sagen? Er hat's getan.“

Nicht wirklich freiwillig natürlich. Ein Plattfuß direkt nach dem Start hatte Vettel den Sieg, die Rekordjagd und zunächst auch die Laune verdorben. Ausgerechnet in Abu Dhabi, wo er im Vorjahr seinen ersten WM-Triumph errungen hatte, fiel er erstmals seit mehr als einem Jahr aus. Ausgerechnet hier, wo seine nahezu gesamte Familie und sein Idol McCartney vor Ort waren, hatte er gerade einmal 15 Sekunden wirklich am Rennen teilnehmen dürfen. Einziger Trost war die Bass-Gitarre von RTL, die der 24-Jährige nach dem Konzert von dem 45 Jahre älteren Ex-Beatle signiert bekam - und die Vater Norbert keine Sekunde aus den Augen ließ.

Auch Red-Bull-Berater Helmut Marko war sichtlich frustriert. Die „Ratlosigkeit ob der Radlosigkeit“ (Kurier) machte ihm zu schaffen. „Wir wissen nicht, was wir falsch gemacht haben“, sagte er und war sich sicher, „dass das ein lockerer Sieg für Sebastian geworden wäre“.

Vettel analysierte später immerhin, er habe „etwas mitgenommen“ - und damit meinte er nicht die Gitarre. Am Kommandostand hatte er das restliche Rennen verfolgt und dabei sogar an der Taktik für Teamkollege Mark Webber mitgefeilt. Interessant sei das gewesen, erzählte Vettel, deshalb sei er auch weit länger als die geplanten fünf Minuten geblieben. Die Frage, ob sich Vettel als Co-Teamchef schon für eine Karriere nach der Karriere empfohlen habe, entlockte Marko ein leises Schmunzeln. „Das ist noch weit weg“, sagte er dem SID: „Aber was er zu sagen hatte, war sehr aufschlussreich.“

Dennoch: Dass er die nach Punkten erfolgreichste Saison der Geschichte ebenso nicht mehr perfekt machen kann wie Michael Schumachers Rekord von 13 Siegen in einem Jahr, wird Vettel maßlos ärgern. Seine Aussagen, Rekorde seien ihm egal, verfolgt sein einstiger Förderer Gerhard Berger jedenfalls amüsiert. „Dem Seb ist überhaupt nichts egal“, sagte Berger dem SID: „Er ist extrem ehrgeizig. Er will alle Rekorde brechen - und er wird sie auch brechen.“

Vettel von A bis Z: Seine Lieblingsband, sein Markenzeichen und mehr

Vettel von A bis Z: Seine Lieblingsband, sein Markenzeichen und mehr

A wie Adrian Newey, Red-Bull-Technikguru und Konstrukteur der Weltmeisterautos © Getty
B wie Beatles, Sebastians Lieblingsgruppe © Getty
C wie Christian Horner, als Teamchef bei Red Bull Vettels Vorgesetzter © Getty
D wie Deutschland, Vettels Heimat, in der er aber bislang noch kein Formel-1-Rennen gewonnen hat © Getty
E wie Ehrgeiz, eine von Vettels herausragenden Eigenschaften: Er kann nicht verlieren, egal, wobei © Getty
F wie Fußball, womit Vettel schon als Kind aufgehört hat, weil er nicht gut genug war © Getty
G wie Geld, nicht so wichtig für Vettel, weshalb er lieber seine Ruhe genießt als noch mehr Werbeverträge abzuschließen © Getty
H wie Haare, blond und bares Geld wert - durch einen Werbevertrag mit einem Shampoo-Hersteller © Getty
I wie Indianapolis, der Ort von Vettels erstem Formel-1-Rennen, in dem er 2007 gleich als Achter einen WM-Punkt holte © Getty
J wie Jubelschreie, Vettels Ausbrüche am Boxenfunk nach gewonnenen Rennen sind fast schon legendär © Getty
K wie Kinky Kylie, Kosename für Vettels Rennauto © Getty
L wie Lächeln, mit dem der Weltmeister viele - vor allem weibliche - Fans fasziniert © Getty
M wie Monza, Ort von Vettels Durchbruch. Dort fuhr er 2008 im Toro Rosso als jüngster Fahrer der Formel-1-Geschichte auf die Pole Position und gewann ein Rennen © Getty
N wie Norbert, Vettels Vater, der die Karriere seines Sohnes von Beginn an unterstützt hat © Getty
O wie Otto Waalkes, der in der Bild-Zeitung ein Gedicht widmete © Getty
P wie Perfektion, ein Status, den Vettel immer anstrebt © Getty
Q wie Qualifikation, Vettels Domäne, in 12. von 15 Rennen fuhr Vettel in diesem Jahr auf die Pole Position © Getty
R wie Red Bull, Vettels Förderer schon seit Kartzeiten © Getty
S wie Suzuka, die Strecke, auf der er in drei Jahren zwei Rennen und einen WM-Titel gewann © Getty
T wie Tommi Parmakoski, Vettels finnischer Fitnesstrainer und Physiotherapeut, mit dem er übers Jahr gesehen die meiste Zeit verbringt © Getty
U wie unermüdlich, Vettel ist abends meist der Letzte im Fahrerlager, diskutiert lange mit seinen Ingenieuren © Getty
V wie Vettel-Finger, sein Markenzeichen, und als blaue Schaumstoffversion Standardausrüstung eines echten Vettel-Fans © Getty
W wie Wille, mit dem Vettel im vorigen Jahr in letzter Minute doch noch seinen ersten Titel geholt hatte © Getty
X wie x-beliebig, genau das, was Vettel nicht ist © Getty
Y wie youngest, englisch, steht für Vettels Rekorde, die er als jüngster Fahrer der Formel-1-Geschichte holte © Getty
Z wie Ziel, für Vettel immer gleich: beim nächsten Rennen das Optimum herausholen © Getty

Am Wochenende gab's erst einmal Lebensratschläge vom zuletzt selbst so gebeutelten Lewis Hamilton. „Manchmal braucht man eben Pech, um die guten Zeiten zu schätzen“, philosophierte der Brite: „Und ich kann mich nicht erinnern, wann Sebastian zum letzten Mal Pech hatte.“

Hamilton hatte diesmal Glück und zeigte sein ganzes Können. Mitten in seiner schweren Lebenskrise hatte er Mutter Carmen Lockhart nach Abu Dhabi einfliegen lassen. Als er vor ihren Augen und an ihrem Geburtstag zum dritten Saisonsieg gefahren war, schossen der Mama prompt die Tränen in die Augen. „Ich bin so stolz auf meinen Jungen“, sagte sie und kam zu dem Schluss: „Ich sollte öfter zu seinen Rennen kommen.“

Ihr Sohn, den nach dem zwischenzeitlichen Zerwürfnis mit dem Vater zuletzt die Trennung von Freundin Nicole Scherzinger aus der Bahn zu werfen drohte, war ebenfalls erleichtert. „Es waren schwierige Monate für mich“, sagte er: „Aber der Sieg war gut für die Seele. Ich bin sicher, er war der Start für etwas Gutes. Und ich war froh, dass meine Familie dabei war.“

Die wusste auch Vettel um sich. Der Abend mit seinen Lieben bei Paul McCartney war der bestmögliche Trost an einem verkorksten Renntag. Nicht zu vergessen die Gitarre.

sid

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