Fußball-WM

Einfach jedes Spiel gewinnen

+
Freude nach dem Sieg gegen Spanien.

Vielleicht tut das Klima an der Mittelmeerküste der deutschen Frauen-Nationalmannschaft ja gut, um auch fußballerisch zu überzeugen – vorerst aber kann die Bundestrainerin mit dem Minimalisten-Modus gut leben.

Von Montpellier ist nur das Beste zu hören: Eine lebhafte Universitätsstadt am Mittelmeer, nicht weit von den Badeorten Palavas-les-Flots und La Grande-Motte entfernt. Junges Publikum, das sich gerne vom mediterranen Klima verwöhnen lasst. Vielleicht braucht die deutsche Frauen-Nationalmannschaft bei dieser WM jetzt eine solche Luftveränderung. Raus aus dem verregneten Norden, rein in den sonnigen Süden. Am Donnerstag ging es für den DFB-Tross im Charter von Lille nach Montpellier. Vielleicht kommt dort im dritten WM-Spiel gegen Südafrika (Montag 18 Uhr/ ARD) mal mehr als nur ein Arbeitssieg zustande.

Auch beim zweiten 1:0, diesmal gegen Spanien, übertünchte das Resultat die spielerischen Mängel. „Bei mir überwiegt der Stolz: Die Mannschaft musste an ihre Grenzen gehen, und ist an ihre Grenzen gegangen“, betonte Martina Voss-Tecklenburg, deren im Stade du Hainaut von Valenciennes patschnass geregneten Haare fast ein bisschen an Joachim Löw erinnerten, als der im brasilianischen Recife bei der WM 2014 mal komplett durchgeregnet gegen die USA (1:0) einen ähnlichen Charaktertest coachte.

Ohne Druck gegen Südafrika

Was der Bundestrainer kann, kann die Bundestrainerin schon lange; warum haben die beiden wegen der Dreierkette telefoniert oder beim Amateurkongress in Kassel gemeinsam über viele Schnittmengen geplaudert. Dann dürfen auch die Frauen jenes Stilmittel verwenden, das die Männer bei Weltmeisterschaften oft genug zum deutschen Markenkern erhoben.

„Wenn wir jedes Spiel 1:0 gewinnen, werden wir Weltmeister. Das würde ich sofort unterschreiben“, sagte Melanie Leupolz. Die im Werbespot mit ihren acht Fingern bekannt gewordene Mittelfeldspieler wusste natürlich, dass diese Rechnung kaum aufgehen wird, weshalb sie noch anfügte: „Wir sind nicht hundertprozentig zufrieden. Natürlich haben wir einen höheren Anspruch.“ Ihre Trainerin ist fast gezwungen, das Glas als halbvoll statt halbleer anzusehen. „Wir haben schon mal einen sehr komplizierten Einstieg in die WM gelöst. Die sechs Punkte nimmt uns keiner mehr weg.“

Ihre These: Ohne den Druck, der trotz der kürzlich eingetroffenen Teampsychologin Birgit Prinz die Köpfe nicht nur ein bisschen belastet hat, spielt es sich gegen Südafrika vielleicht befreiter auf. „Das wird kein Selbstläufer“, warnte Voss-Tecklenburg vor den Spielerinnen mit teils besonders bewegenden Lebensgeschichten. Deshalb sollen sich ihre Akteure endlich locker machen: „Wir brauchen gar nicht so nervös zu sein. Es ist jetzt zweimal gut gegangen - nun muss der nächste Schritt kommen.“

In der Startelf gegen die Spanierinnen hatten nur Lena Goeßling (33 Jahre), Alexandra Popp (28), Almuth Schult (28) und Siegtorschützin Sara Däbritz (24) schon mal eine WM gespielt. Voss-Tecklenburg setzt jetzt darauf, dass die Erfahrungsprozesse schnell genug gehen. Wie bei ihrem Dreierblock mit der viel Ruhe ausstrahlenden Torhüterin Schult und den beiden Innenverteidigerinnen Sara Doorsoun und Marina Hegering. Dass der Findungsprozess ansonsten von zahlreichen Umstellungen – auch erzwungen durch den Ausfall von Dzsenifer Marozsan mit dem Wechsel auf ein 4-4-2-System - erschwert wird, ist offensichtlich.

Lesen Sie auch:  Deutschland gegen Spanien im Minimalistenmodus

Aber die Chefin will es so, dass mitten im Spiel die 17-Jährige Lena Sophie Oberdorf anstandslos von der Seite in die Mitte, die 18-Jährige Giulia Gwinn übergangslos von rechts nach links oder Popp klaglos von ihrer Lieblingsposition im Sturm ins Mittelfeld rückt. „Das Schöne ist, dass die Spielerinnen versuchen, ihre Aufgaben in großartiger Weise zu erfüllen.“ Die Idealformation findet sich später. Irgendwie. Irgendwann. Daher wäre es ja so wichtig, dass ein noch etwas unrund laufendes Ensemble nicht schon im Achtelfinale auf den Rekordweltmeister USA trifft.

Als Gruppenerster wäre ein Gruppendritter als Gegner im Wintersportort Grenoble garantiert. Und danach könnte sich jener Lauf entwickeln, der erst einmal zur Qualifikation für die Olympischen Spiele 2020 führen soll. Um den Steigerungsbedarf wissen gerade die prägenden Protagonisten. „Wir waren anfangs zu weit weg, unsere Abstände haben nicht gepasst - das muss besser werden“, verlangte Popp, bei der sich Voss-Tecklenburg als erste nach Spielschluss für die „Energieleistung“ bedankte.

Sie kennt aus ihrer prägenden Zeit als Schweizer Nationaltrainern die Mechanismen eines langen Turniers; die Frauen-WM 2015 in Kanada bildet eine unverzichtbare Erfahrung in ihrer Karriere. Von den späteren Finalisten, USA und Japan, drückte damals niemand in der Vorrunde das Gaspedal durch. Im Grunde streuten die Endspielteilnehmer anfangs sogar Nebelkerzen, um sich das Beste zum Schluss aufzuheben. Durchhaltevermögen ist also in Frankreich genauso gefordert wie Pragmatismus. Und die deutschen Fußballerinnen haben mehr als eine Prise davon bereits offenbart. Vielleicht kommt in Montpellier mal das Schöne zum Vorschein.

Von Frank Hellmann

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Hummels twittert prompt provokativ - Moderator Frank Buschmann ermahnt ihn
Hummels twittert prompt provokativ - Moderator Frank Buschmann ermahnt ihn
Dortmund gegen Barcelona im Ticker: Elfmeter verschossen, Latte, ter Stegen - BVB verweifelt an Barca
Dortmund gegen Barcelona im Ticker: Elfmeter verschossen, Latte, ter Stegen - BVB verweifelt an Barca
DFB-Torwart-Streit? Neuer glaubt nicht an Telefonat mit ter Stegen
DFB-Torwart-Streit? Neuer glaubt nicht an Telefonat mit ter Stegen
Liverpool bleibt Tabellenführer, ManCity patzt in Norwich City
Liverpool bleibt Tabellenführer, ManCity patzt in Norwich City

Kommentare