WM-Gespräch

Edmund Stoiber: „Fußball ist das letzte große Lagerfeuer dieser Welt“

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WM-Experte: Edmund Stoiber (76), ehemaliger Bayerischer Ministerpräsident, ist als Vorsitzender des Verwaltungsbeirat des FC Bayern ein profunder Kenner der Fußball-Szene.

Edmund Stoiber (76), ehemaliger Bayerischer Ministerpräsident, ist als Vorsitzender des Verwaltungsbeirat des FC Bayern ein profunder Kenner der Fußball-Szene. Im Interview spricht er über die WM, Özil 

Herr Stoiber, das deutsche Aus bei der WM ist schon eine Weile her – wie haben Sie diesen Schock überwunden?

Edmund Stoiber (76): Ich hatte nach den Testspielen kurz vor der WM schon so ein erstes Grummeln im Bauch. Zwar war ich optimistisch, aber ich spürte: ich sollte es gar nicht sein. Das ging schon in den Tests nach der Qualifikation los. Die Spiele waren nicht gut, und gegen Saudi-Arabien dachte ich dann: Das gibt es doch nicht! Aber der Mensch verdrängt gerne mal, und ich dachte: Die Leidenschaft kommt schon noch. Man weiß ja, was man von schlechten Generalproben zu halten hat.

Nur kam dann alles anders.

Edmund Stoiber: In der Tat. Das 0:1 gegen Mexiko war nicht unglücklich, sondern verdient. Ich war hoch beunruhigt, weil sich mein Bauchgefühl bestätigte. Schweden war dann auch nicht das Erweckungserlebnis, und dennoch habe ich da noch immer gehofft: Jetzt ist der Groschen gefallen. Ganz ehrlich: Ich habe gegen Südkorea trotz meiner Bedenken auf einen 5:0-Sieg getippt. Ich hatte gehofft, jetzt kommt der Weltmeister wieder.

Was hat gefehlt?

Edmund Stoiber: Das waren elf gute Spieler, aber keine Mannschaft. Ich hatte nie das Gefühl, dass die Spieler alles geben. Jeder ließ den anderen irgendwie alleine. Die Offensivspieler sind oft gar nicht mit nach hinten gelaufen. Wenn ich den FC Bayern gegen Real Madrid sehe: Da grätscht ein Franck Ribéry einem Karim Benzema im eigenen Fünf-Meter-Raum dazwischen, da arbeiten alle mit. Der Nationalelf fehlte dieser Kampfgeist. Wenn ich an die Duelle zwischen Marcelo und Joshua Kimmich denke – die haben sich in die Zweikämpfe hineingeschmissen. So etwas habe ich bei der Nationalmannschaft vermisst.

„Der Nationalelf fehlte dieser Kampfgeist“

Inzwischen diskutiert Deutschland mehr denn je die Angelegenheit Mesut Özil. Was ist Ihre Meinung zu diesem Thema?

Edmund Stoiber: Da kam ein Thema in die Mannschaft rein, das sicher nicht stimulierend gewirkt hat. Dieses Foto, dieses Treffen mit dem türkischen Staatschef ist natürlich erklärungsbedürftig. Da wäre es für Özil sicher hilfreich gewesen zu sagen: Meine Mannschaft ist die deutsche Nationalmannschaft. Das kam aber irgendwie nie rüber. Ich entnehme den Interviews von Reinhard Grindel und Oliver Bierhoff, dass man da schon im Trainingslager in Eppan hätte reagieren sollen. Die Sache wurde eindeutig unterschätzt.

Was ist Ihr Rat, die Sache ist ziemlich verfahren.

Edmund Stoiber: Offene Kommunikation ist dringend nötig. Fußball ist Weltsport Nummer 1 und das letzte große „Lagerfeuer“ dieser Welt. Da sitzen die Menschen aller Länder beisammen, es ist eine sehr emotionale Sache und auch ein großes gesellschaftliches Ereignis. Weil das so ist, werden unsere Spieler nicht nur als Fußballer wahrgenommen, sondern auch als Persönlichkeiten. Und wenn dann so ein Thema wie bei Özil auftaucht, dürfen die Menschen verlangen, dass da eine ordentliche Kommunikation stattfindet.

Momentan gibt es nur Verlierer.

Edmund Stoiber: Das ist alles reparierbar. Im September steht in München schon wieder ein großes Länderspiel an, gegen Frankreich, meiner Meinung nach der kommende Weltmeister – bis dahin sollten die Dinge geregelt sein. In diesem Spiel sollte man dann zeigen, dass es nach vorne geht. Ich gehe davon aus, dass Joachim Löw bis dahin erklärt, wie er den Neuanfang gestalten will, ob er mehr auf die jungen Spieler setzt, ob er einen größeren Wettbewerb zwischen den Confed-Cup-Spielern und den Weltmeistern einleitet. Die Weltmeister haben großartige Spiele geliefert, aber davon kann man für die Zukunft nicht leben. Das muss immer wieder neu bestätigt werden.

Ist Löw noch der Richtige?

Edmund Stoiber: Ich hoffe es! Natürlich muss Löw nach diesem WM-Desaster einen Neuanfang verkörpern und die offenen Fragen beantworten. Er darf auch jetzt nicht zu lange stumm sein. Wie auch immer. Es muss klar sein, dass eine neue Etappe beginnt. So, dass die Leute sagen: Aha, es geht vorwärts. Aha, da wurden Konsequenzen gezogen, jetzt sehe ich wieder eine Chance. Deutschland braucht jetzt ein solches Aha-Erlebnis. Wenn Löw sagt: Wir hatten jetzt eine schlechte Phase, aber ich traue mir das zu, die Nationalmannschaft neu auszurichten, dann verdient er diese Chance. Er sagt, er traut sich das zu. Dann vertraue ich ihm.

Interview: Andreas Werner

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