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Ansichtssache: Ist der WM-Boykott sinnvoll – oder dürfen die Fans feiern?

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Von: Günter Klein, Manuel Bonke

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Warum darf im Wüstenemirat Katar eine WM stattfinden? In Anbetracht der Menschenrechtslage haben sich schon vor der WM etliche Fans für den Boykott entschieden. Ist das der richtige Weg? Die Katar-Debatte.

Es ist eine Reise ins Ungewisse, und zwar für jeden, der die WM in Katar vor Ort begleitet – das gilt auch für unsere Reporter Manuel Bonke und Günter Klein. Sie starten mit gemischten Gefühlen in die vier Wochen bis zum Finale am 17. Dezember. Wie ist die Menschenrechtslage, was haben kritische Fans und Journalisten zu erwarten? Und: Ist der Boykott der WM der richtige Weg?

Die Standpunkte der Debatte: 

Manuel Bonke Chefreporter tz
Manuel Bonke ist Chefreporter Sport (tz/Münchner Merkur). Zuständig für den FC Bayern und die Nationalmannschaft. © IPPEN.MEDIA

Ein Boykott bringt niemanden weiter, ist Sport-Chefreporter Manuel Bonke überzeugt.

Wer zu Hause in Deutschland die WM nicht vorm Fernseher verfolgen möchte, kann das gerne tun. Derjenige sollte in seinem Katar-Boykott jedoch über den Fußball hinaus konsequent sein. So müssten Kritiker beispielsweise die günstige Leasingrate ihres VW kündigen, auf den niedrigen Zinssatz der Deutschen Bank bei der Eigenheim-Finanzierung verzichten oder schlichtweg keine Haushaltsgeräte mehr von Siemens benutzen. An diesen und weiteren deutschen Unternehmen ist das Emirat mit seinem Staatsfonds beteiligt.

Katar-WM Feier Debatte
Nie hat eine WM mehr polarisiert: Dürfen die Fans so ausgelassen feiern? © Sebastian Kahnert/dpa (Montage)

Bei der nächsten Bundestagswahl dürfte man sein Kreuz dann auch nicht bei den Grünen machen, immerhin war es Vizekanzler Robert Habeck, der in seiner Rolle als Minister für Wirtschaft und Klimaschutz einen Kniefall vorm Emir machte, um in der Energiekrise Gas für Deutschland aufzutreiben. Wer nicht einschaltet, muss sich auch fragen lassen: Haben Sie die WM 2018 in Russland ebenfalls boykottiert? Olympia in China? Oder schauen Sie Spiele von Paris Saint-Germain? Und was halten Sie von Bayern-Sponsor Qatar Airways?

Katar-Boykott? Die Spieler können am wenigsten dafür, dass der Weltverband so entschieden hat

Dass die Vergabe in den Wüstenstaat ein Fehler der FIFA war, bei dem sich einige Funktionäre die Taschen mit Schmiergeld vollgemacht haben, steht außer Frage. Wer Katar und der FIFA mit schwarzen TV-Bildschirmen eins auswischen will, tut das aber zum Leidwesen der Sportler. Sie können am wenigsten dafür, dass der Weltverband so entschieden hat. Sie sind es, die sich kritisch äußern und Zeichen setzen werden – wie von vielen gefordert. Aber was soll das bringen, wenn das Turnier in Deutschland nicht verfolgt wird und ihre Worte und Taten dadurch kein Gehör finden?

Die WM wird nicht nur das politischste Turnier der WM-Geschichte, es wird zum Glück auch sportlich interessant. Statt nach einer langen Saison findet die Endrunde mitten im Spielbetrieb statt. Das heißt, dass vor allem die Vertreter aus den europäischen Ligen voll im Saft stehen und ihre Körper im Laufe des Turniers nicht erst wieder in Schwung kommen müssen. Die WM-Fahrer sind im Rhythmus und es gewohnt, mehrere Partien innerhalb weniger Tage abzuspulen. Das könnte für ein noch nie da gewesenes sportliches Niveau sorgen.

Bundestrainer Hansi Flick hat als Trainer des FC Bayern nach der Corona-Unterbrechung beim Champions-League-Turnier in Lissabon bewiesen, dass er solch außergewöhnliche Umstände nutzen kann, um sportlich erfolgreich zu sein. Die Nationalspieler haben nach der WM-Blamage 2018 Wiedergutmachung für das jetzige Turnier geschworen. Wer die Ehrgeizlinge des 1995er-Jahrgangs um Führungsspieler Joshua Kimmich kennt, der weiß: Sie werden ihren Worten Taten folgen lassen. Neben allen Missständen geht es in Katar eben doch um den Sport

Günter Klein Chefreporter Münchner Merkur
Günter Klein ist als Reporter seit 1988 mehr oder weniger ständiger Begleiter der deutschen Nationalmannschaft. © IPPEN.MEDIA

Ignorieren Sie die WM – schon zum Selbstschutz, fordert Sport-Chefreporter Günter Klein.

Das hat mit dem Land zu tun, in dem es stattfindet. Unbestreitbar hat dieses kleine Katar geopolitische Gründe, sich über seine finanziellen Mittel Bedeutung anzueignen. Und ganz sicher muss eine WM auch in der arabischen Welt zu Gast sein.

Katar verletzt das Grundprinzip des Sports

Doch Katar verletzt das Grundprinzip des Sports: Fußball ist so massiv erfolgreich, weil er alle aufnimmt. Football is for everyone. Katar indes schließt Menschen aus, die nicht ins gesellschaftliche Bild passen. Es erfüllt grundlegende Standards nicht, es beutet aus – und das ist nicht dadurch wiedergutzumachen, dass nach der WM nicht mehr benötigte Stadionteile in arme Länder verschenkt werden. Besser, Katar hätte die Arbeitskräfte, die es aus Entwicklungsländern angeheuert hat, anständig behandelt. Das wäre eine Sache der Menschlichkeit, wie sie auch in einer konservativ geprägten Kultur vorhanden sein muss. Kann man die Todesfälle, die es für ein paar Wochen Hochglanz gegeben hat, einfach ausblenden? Nein.

Ein Aufmerksamkeits-Boykott ist nicht nur eine symbolische Geste. Die Einschaltquoten und Reichweiten, die Katar 2022 generiert, werden mit darüber entscheiden, ob die WM als Erfolg bewertet wird oder nicht. Wenn keine 30 Millionen Deutsche an den Geräten dabei sind, sondern nur die Hälfte, würde das den Druck auf den DFB erhöhen, seinen Einfluss in den Dachverbänden auf künftige Vergaben stärker geltend zu machen.

Eine Überlegung ist es auch, die WM aus Gründen des Selbstschutzes zu ignorieren. Große Sportereignisse prägen Erinnerungen, sie stehen für Lebenslagen, für Gefühle; sie waren uns immer heilig. 2022 soll nicht entweihen dürfen, was früher war – und jeder findet in der Geschichte sein Turnier, mit dem er das Allerbeste verbindet.

Als Fußball-Fan einer WM abweisend zu begegnen, verlangt Überwindung. Es zu tun, ist aller Ehren wert. Vielleicht gibt es Mittelwege. Sich der heuchlerischen Fußball-hurra-Abfeierei zu entziehen, aber bewusst zu lesen, was rund um dieses Turnier geschieht. Diese Geschichten ohne PR und Whataboutismus will ich schreiben, dafür fliege ich nach Katar. Werfen Sie den Sportteil also nicht gleich weg.

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