Anna Musytschuk Post sorgt für Aufsehen

„Keine Kreatur zweiter Klasse“ -  Schachweltmeisterin boykottiert WM in Riad

Bei der Schach-WM in Saudi Arabien gibt es große Probleme für die Veranstalter. Nun bleibt auch die Frauen-Weltmeisterin fern. Anna Musytschuk weigert sich, einen Schleier zu tragen.

Riad - Die Frauen sitzen sich gegenüber, ihre Blicke nach unten auf das Brett gerichtet. Eine Szene, typisch für eine Schach- Weltmeisterschaft. Doch findet diese gerade in Saudi-Arabien statt. In einem Land, in dem Frauen eigentlich verhüllende Gewänder tragen müssen. In einem Land, in dem die mächtigen Geistlichen das Spiel noch im vergangenen Jahr als „verboten“ bezeichneten. Doch hier - das zeigen Fotos der Veranstaltung - sitzen sie: zwei Frauen in Blazern, Schach spielend, mitten in Riad.

Dennoch sagte die Doppelweltmeisterin Anna Musytschuk ihre Teilnahme im Vorfeld ab und begründete dies in einem emotionalen Facebook-Post. 

„In ein paar Tagen werde ich meine beiden Weltmeistertitel verlieren. Einen nach dem anderen. Einfach, weil ich mich entschied, nicht nach Saudi Arabien zu reisen. Weil ich nicht nach den Regeln anderer leben möchte, weil ich keine Abaja tragen möchte oder nicht alleine nach draußen gehen dürfen oder mich generell wie eine Kreatur zweiter Klasse fühlen“, so die 27-jährige Ukrainerin.

Musytschuk verzichtet auf Titel und eine Menge Geld

Um zu zeigen wie ernst es ihr ist, schrieb sie weiter: „Ich bin bereit, für meine Prinzipien einzustehen und das Event auszulassen“, so Musytschuk. „Dort hätte ich in fünf Tagen mehr verdient als in einem Dutzend anderer Veranstaltungen zusammengenommen.“

Auch ihre Schwester nimmt nicht an dem Turnier teil. In der Vergangenheit hatte Musytschuk allerdings noch weniger Probleme mit der Verschleierung. Bei einem Turnier im Iran im März trug sie das verpflichtende Kopftuch. 

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Als „historische Einigung“ hatte es der Weltverband FIDE vor der Schnell- und Blitzschach-Weltmeisterschaft vom 26. bis 30. Dezember noch bezeichnet, dass sich die Spielerinnen nicht den strengen Bekleidungsvorschriften in dem erzkonservativen muslimischen Land beugen müssen.

2016 war Schach vom Großmufti noch verboten worden

Nun ist es so, dass der gesellschaftliche Fortschritt im Königreich mehr und mehr an Fahrt aufnimmt: Kinos werden wieder erlaubt, Frauen dürfen bald Autofahren und können sich auch auf der Straße viel selbstverständlicher bewegen, als im Westen angenommen. Doch eigentlich immer mit Abaja, dem traditionellen Gewand.

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Die Ausnahme, die sonst bei Staatsbesuchen wie von Bundeskanzlerin Angela Merkel gemacht wurde, bekommt auch bei der ersten Schach-WM in Saudi-Arabien große Aufmerksamkeit. Es ist ein weiterer kleiner Schritt des Kronprinzen Mohammed bin Salman, um die Gesellschaft seines Landes zu erneuern - gegen religiöse Widerstände. Schließlich hatte der Großmufti des Landes Schach noch 2016 als „verboten“ bezeichnet.

Kein Visa für israelische Spieler

Dass der Erneuerungswille der Saudis klare Grenzen hat, zeigt sich auf diplomatischer Ebene. 236 Spieler und Spielerinnen aus 70 Ländern nehmen teil - unter ihnen der norwegische Weltmeister Magnus Carlsen oder der russische WM-Finalist Sergej Karjakin. Es hätten 71 Staaten dabei sein können, wenn Riad die israelische Delegation akzeptiert hätte. Stattdessen aber überschattet die Entscheidung, Spielern aus dem Land keine Visa zu geben, die Hochglanz-Show der Scheichs.

„Wir wollen einen Ausgleich für unsere Spieler für die Tatsache, dass sie professionell benachteiligt wurden“, forderte der Sprecher des israelischen Schachverbands, Lior Aizenberg. Internationale Turniere zu veranstalten, ohne dass alle Spieler antreten könnten, sei „nicht akzeptabel für uns“.

Hätte man die Beteiligung der Israelis nicht sicherstellen können, bevor Saudi-Arabien den Zuschlag für die WM bekam? Hat man sich - vielleicht auch wegen des Rekordpreisgelds von zwei Millionen US-Dollar - vor den PR-Karren der Saudis spannen lassen? Diesen Fragen und Vorwürfen muss sich der Weltverband nun stellen.

Wie Sie die Schach-WM 2018 im Live-Stream und im Live-Ticker verfolgen können, haben wir auf tz.de* für Sie zusammengefasst.

fs/dpa

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Rubriklistenbild: © @Facebook/Anna Muzychuk

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